Tanz 15: Moving Metaphors

Luzerner Theater

Tanz 15: Moving Metaphors

Choreografien von Patrick Delcroix und Lukáš Timulak
Uraufführung
Premiere: 15. März 2014

Der Bühnentanz erlebte über die letzten Jahrhunderte einen enormen Wandel. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lässt er sich nicht auf einen Stil, eine Form fest­legen und ist damit höchst lebendig. Diese Vielseitigkeit und Vitalität zeigt das Programm des zweiteiligen Ballettabends mit Uraufführungen von Patrick Delcroix und Lukáš Timulak.

Die beiden Choreografen stammen aus zwei verschiedenen Tänzergenerationen. Der erfahrene Patrick Delcroix hat den Grossteil seiner Laufbahn an der Seite einer herausragenden Persönlichkeit des Balletts im 20. Jahrhundert verbracht: Er war einer der bedeutendsten Tänzer im «Nederlands Dans Theater 1» bei Jirí Kylián und entwickelte später als Choreograf seinen eigenen Stil. Nachdem Patrick Delcroix die Geburtsstunde von «Tanz Luzerner Theater» mit den Stücken «white fog lifting» und «fleur de mémoires» bereichern konnte, wird er an seine Erfahrungen in der Arbeit mit dem Ensemble anknüpfen und eine neue Kreation schaffen. In seiner poetischen und puren Handschrift wird er von inneren menschlichen Konflikten und deren Überwindung erzählen.

Lukáš Timulak sammelte ebenfalls lange Zeit als Tänzer Erfahrungen am «Nederlands Dans Theater 1» und erlebte bereits den Aufstieg der nächsten Generation von Tanzschaffenden. Als Choreograf wurde Lukáš Timulak vor mehr als zehn Jahren bei choreografischen Workshops der renommierten Kompanie entdeckt. Seit 2004 arbeitet er regelmässig mit dem Grafikdesigner Peter Bilak zusammen, der neue, technisch fortgeschrittene Raumkonzepte für zeitgenössischen Tanz erstellt. Aufbauend auf dieser langjährigen Erfahrung, werden sie in einem Auftragswerk für das Luzerner Theater scheinbar unvereinbare Elemente in eine neue, einzigartige Show verpacken.

Vorstellungsdauer: 1 Stunde 35 mit einer Pause

Erste Einblicke finden Sie in diesem Youtube-Video.

GESPRÄCH

HERZKLOPFEN ALS KONTRASTPROGRAMM

Der Choreograf Lukáš Timulak im Gespräch mit Lucie Machan

Im Rahmen des zweiteiligen Abends «Tanz 15: Moving Metaphors» werden wir Ihr neues Werk «Inside» erleben. Welche Inspiration gibt es hierfür?

Meine Inspirationen sind die Unvorhersehbarkeit der Dinge und der Kontrast. Beispielsweise sind wir gerade sehr glücklich in unserem Leben und plötzlich passiert etwas Unerwartetes. Auf einmal verändert sich alles … Ich versuche, dieses Gefühl des Unvermittelten auf die Bewegungssprache der Tänzer zu übertragen.

Wie äussert sich das?

Meine Choreografie ist sehr verschiedenartig: Von Sequenz zu Sequenz verändern sich scheinbar plötzlich Tänzerkonstellationen, Rhythmus, Stimmung und auch die Musik. Raum- und Lichtdesign unterstützen diese ständigen Stimmungswechsel und zaubern schnell neue Situationen. Ich verzichte bewusst auf geschmeidige Übergänge, da ich den Eindruck erwecken möchte, alles entsteht unwillkürlich und in diesem Augenblick.

Sie arbeiten bereits seit 2004 mit Designer Peter Bilak zusammen, der für «Inside» das Bühnenkonzept gestaltet.

Wir sind ein eingeschworenes Team. Zwischen der Choreografie und der Bühnengestaltung muss eine gute Balance gefunden werden und letztendlich sollte alles miteinander verschmelzen. Ich möchte nicht zu viel verraten, nur, dass wir mit Hilfe von Pulsmessgeräten und einer speziellen Software den Herzschlag der Tänzer hör- und sichtbar machen werden.

Welche Wirkung möchten Sie damit erreichen?

Normalerweise zeigt ein Tänzer nicht, wie gross Kraftaufwand und Anstrengung während der Vorstellung sind – das ist ja die Kunst. Die verwendete Technologie legt jedoch die Realität offen: Es gibt keine Möglichkeit, sich zu verstecken oder etwas zu fälschen. Das Publikum hört den realen Herzschlag des Künstlers auf der Bühne. Das ist natürlich ein sehr intimer Vorgang und verdeutlicht die Verletzlichkeit jedes Menschen. Das Herz schlägt stur seinen eigenen, stetigen Rhythmus, je nach Anstrengung in der entsprechenden Frequenz. Die eingespielte Musik gibt dem Tänzer den Takt vor, der jedoch vom hörbaren Pulsschlag oftmals komplett kontrastiert wird. Ich bin gespannt, wie die Wirkung auf unserer Publikum sein wird.

Sie interessieren sich neben dem Tanz auch für den Film. Wie passt das zusammen?

Mir gefällt die Vermischung verschiedener Kunstformen. Sie bereichern sich gegenseitig und somit bleibt alles in Bewegung. Das ist auch das Spannende an der Arbeit mit einer Kompanie, die aus vielen ganz unterschiedlichen Menschen zusammengesetzt ist. Jeder bringt sich auf seine Art und Weise ein, zeigt etwas von der eigenen Welt und Wahrnehmung. Choreografieren ist ein Geben und Nehmen und entsteht im Augenblick.

PRESSESTIMMEN

Dies alles ist so ineinander verwoben, dass die Spannung keinen Moment nachlässt. Das Stück des französischen Gastchoreografen Patrick Delcroix überzeugt auf der ganzen Linie. Und dies vor allem auch, weil die Tänzerinnen und Tänzer des Luzerner Ensembles die anspruchsvolle Ausgangslage dieser Choreographie mit Bravour umsetzen. Sie lassen sich nicht dazu verleiten, die grossen Emotionen mit pathetischen Gesichtsausdrücken verstärken zu wollen, alles erklärt sich nur durch den Körperausdruck. Es ist eine moderne, ganz eigene Tanzsprache mit vielen fliessenden Bewegungen. Die Tänzerinnen und Tänzer gleiten durcheinander, rollen übereinander drüber, tragen einander. Mit einer schwebenden Leichtigkeit, die einen die eigentlich offensichtliche Virtuosität und Präzision immer wieder vergessen lässt. Was bleibt, ist pure Emotion!

(Radio SRF1, 16. März 2014 )

 

(…) Denn was die neun Tänzerinnen und Tänzer hier in immer neuen Konstellationen vollführen, ist Tanzkunst und Tanzlust pur. Lautlos, immer in Socken, entwickeln sie mit ihren kraftvollen Körpern eine Spannung, die weiterführt. Die Schwerkraft erscheint schwerelos, gerade vor dieser Kulisse. Sinnbildlich dafür schwebt jeweils eine Tänzerin auf den Händen ihrer Kollegen von der Bühne, um einem neuen Beziehungsgeflecht Platz zu machen. Bis sich der Protagonist zurück ins Geschehen und durch den Raum an die Wand katapultiert. Zwei Tänzer berühren ihn, dahinter treibt ein Mob sein Spiel, nähert sich bedrohlich. Bis zu Baudelaires Satz - «Da ist nur Schönheit und Genuss, Ordnung, Ruhe, Überfluss» - dauert es noch eine spannungsvolle Weile. Die Wolke verfärbt sich noch einmal rot, fast orange. Klänge perlen durch den Raum. Wieder allein, klopft Rustem seine Glieder wach. Zum Schluss schlägt er vor aufgeräumter Kulisse seine muskulösen Flügel, zunächst sachte, dann immer entfesselter. Mit ihm heben auch die Zuschauer ab: Die Begeisterung will nicht enden.

(Neue Luzerner Zeitung, 17. März 2014)

 

Die beiden Choreografen stammen aus zwei verschiedenen Tänzergenerationen. „If walls could talk“ ist eine reife Choreografie, die tief geht. Das zweite Stück „Inside“ ist verspielt und lässt die Herzen höher schlagen. „Moving Metaphors“ widerspiegelt diese Vielseitigkeit auf allen Sinnes- und Gefühlsebenen. Ein zweiteiliger Tanzabend, der bewegende Metaphern zeigt, welche die innersten Regungen des Menschen ansprechen.

(www.tanznetz.de, 17. März 2014)

 

Auch das Stück von Timulak beginnt mit einem Tänzer allein, im Lichtkegel auf der in Schwarz-Weiss gehaltenen Bühne (Bühnenkonzept Peter Bilak). Nur sein Herzschlag ist zu hören. Eine Tänzerin erscheint, die beiden Herzschläge nähern sich einander an, überschneiden und verweben sich, wie auch die Bewegungen der beiden. Ein Dialog auf zwei Ebenen, der etwas unglaublich Intimes an sich hat, das ins beinahe Bedrohliche kippt, wenn das ganze Ensemble auf der Bühne steht und sich wie unter Donnergrollen im Gleichtakt bewegt. Das Stück hat schnelle Übergänge, musikalisch und dramaturgisch, mal bewegen sich Tänzerinnen wie Marionetten,  mal ein Paar im poetischen Pas-de-Deux. Wenn im letzten Bild Leuchtröhren von der Decke heruntergleiten, werden die Tänzer zu noch verletzlicheren Figuren, beinahe unnatürlich klein. Der Herzschlag, welcher vorübergehend durch Musik ersetzt worden war, setzt wieder ein. Zurück bleibt eine einsame  Figur im Lichtkegel, eine Tänzerin umschwirrt ihn wie eine Motte. Die anfänglichen Bedenken, die Herzschläge könnten irritierend wirken, zerschlagen sich sehr schnell, viel mehr haben sie etwas unglaublich Faszinierendes in ihrer Unmittelbarkeit.

Das Premierenpublikum war begeistert, das Experiment ist aufgegangen, die Tänzer können sich freuen auf die kommenden Vorstellungen. Eine weitere Perle in der Schatztruhe des Luzerner Ensembles.

(www.innerschweizonline.ch, 16. März 2014)

Interview mit PAtrick Delcroix

SEIN DANK GILT DEM ENSEMBLE

Der Choreograf Patrick Delcroix im Gespräch mit Lucie Machan

Im Rahmen des zweiteiligen Abends «Tanz 15: Moving Metaphors» werden wir Ihr neues Werk erleben. Um was geht es?

«If walls could talk» ist ein abstraktes Stück. Trotzdem gibt es eine Geschichte, die im Hintergrund mitläuft. Es gibt sogar eine Art Hauptfigur, wenn man es so nennen möchte. Ich habe entgegen meiner Gewohnheit für diese Arbeit mit dem Luzerner Tanzensemble einen ziemlich konkreten Titel gewählt.

Was versteckt sich hinter dem Titel?

Meine Assoziation sind die Fragen «Was passiert hinter geschlossen Türen, in den eigenen vier Wänden? Was bleibt darin verborgen? Wie sieht es in dem Menschen wirklich aus?». Stellen wir uns diese Fragen nicht alle einmal über andere Menschen? Ich versuche sie in meinem Ballett nicht zu beantworten, aber ich möchte eine Gefühlswelt dazu erschaffen.

Das Bühnenbild von Kees Tjebbes spielt dabei sicher eine wichtige Rolle.

Durchaus, denn der Bühnenbildner hat ebenfalls eine kleine Welt erschaffen. Es ist seine Idee gewesen, eine Innen- und Aussenwelt sich gegenüber zu stellen. Für mich ist es das erste Mal, dass ich mit solch einer reichen Ausstattung arbeite. Das ist Neuland! Es ist für mich eine grosse Herausforderung gewesen, jedoch haben wir sie alle zusammen gemeistert! Durch die Arbeit mit Kees Tjebbes habe ich wichtige Erfahrungen gesammelt, die ich für künftige Werke gut verwerten kann. Man lernt eben nie aus …

Der Kreativprozess mit den Tänzerinnen und Tänzern ist in Ihrem Fall ein fruchtbarer Austausch. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich kreiere für die einzelnen Tänzer, versuche mich ihrer Dynamik anzupassen und löse Probleme gemeinsam mit ihnen. Den Tänzer mit in meine Arbeit einzubeziehen, ist mein Elixier. Ich versuche bei jedem Tänzer den richtigen Knopf zu drücken. Oft muss ich diesen natürlich erst finden – das kann schon dauern – aber, wenn ich ihn gefunden habe, dann macht die Arbeit umso mehr Spass. Dann gebe ich den Tänzern Material und erwarte auch, dass sie etwas daraus machen. So bekomme ich also etwas zurück. Ich bin kein Choreograf, der mit einer festen Schrittfolge am Morgen im Kopf in den Ballettsaal kommt und sie stur einstudiert. Nein, ich möchte an diesen individuellen Körpern Neues und Spezielles entdecken und anschliessend verarbeiten. An dieser Stelle möchte ich einen grossen Dank an dieses kreative und motivierte Ensemble aussprechen, das mich so inspiriert hat und einen grossen Beitrag zu meiner Arbeit geleistet hat!

Die Auswahl der Musik für «If walls could talk» - wie kam sie zustande?

Die richtige Musik für ein Ballett zu finden, dauert sehr lange. Auch für diese Arbeit war es so. Ich habe sogar Musikstücke während des Kreativprozesses ausgetauscht, weil sie sich plötzlich nicht mehr richtig anfühlten. Ich muss die Musik mögen, um choreografieren zu können. Manchmal höre ich ein Musikstück und denke mir, dass ich es einmal für ein Ballett verwenden möchte. Doch es müssen erst der richtige Zeitpunkt und das richtige Stück dafür kommen und dann krame ich es wieder aus meinem Gedächtnis hervor. Früher stand ich oft in Musikgeschäften und habe eine CD nach der anderen angehört, einfach, um an Inspiration zu kommen. Heute mit i-tunes ist alles um vieles einfacher. Für «If walls could talk» wollte ich einen Klangteppich schaffen, deshalb verwende ich Hintergrundmusik und lasse fast keine Stille zu. 

 

Medienpartner: Zentralschweizer Fernsehen Tele1

Medical Partner: Sportmedizin St. Anna im Bahnhof

«Tanz Luzerner Theater»       wird freundlicherweise unterstützt von den TANZfreunden Luzerner Theater und der Daria Nyzankiwska Dance Foundation.