Onkel Wanja

Luzerner Theater

Onkel Wanja

Schauspiel von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Premiere: 10. Dezember 2015

Wenn man kein wirkliches Leben hat, dann nimmt man eben die Illusion.

Komödien nannte der Arzt und Schriftsteller Anton Tschechow seine Schauspiele, und das sind sie: Abbild der Comédie humaine, hochkomische und abgrundtief traurige Bestandsaufnahmen unserer Existenz. «Was tun?», fragen sich die Tschechowschen Helden, aufgerieben zwischen der Sehnsucht nach einem grundlegenden Wandel und tiefer Resignation, im Bewusstsein einer Zeitenwende und voller Angst vor einer ungewissen Zukunft.

Professor Serebrjakow kehrt nach der Pensionierung auf das Landgut seiner verstorbenen Frau zurück, das von seiner Tochter Sonja und ihrem Onkel Wanja bewirtschaftet wird. Jahrelang haben die beiden unter Verzicht auf eigene Ambitionen Geld in die Stadt geschickt, um den vermeintlich berühmten Wissenschaftler zu unterstützen, nun entpuppt sich seine Karriere als bedeutungslos. Jelena, die neue, junge Frau des Professors, wirbelt das gemächliche Landleben durcheinander. Wanja verfällt ihrer Faszination, und auch der Arzt Astrow, ein Pionier der ökologischen Bewegung, gerät in ihren Bann, blind für die Liebe, die Sonja ihm entgegenbringt. Geplatzte Träume, unerwiderte Liebe – unaufhörlich verrinnt das, was sie ihr Leben nennen.

Ueli Jäggi war als Schauspieler unter anderem am Zürcher Schauspielhaus, am Theater Basel, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin engagiert, regelmässig ist er in Film und Fernsehen zu sehen. Eine jahrelange künstlerische Zusammenarbeit verbindet ihn mit dem Regisseur Christoph Marthaler. Am Luzerner Theater inszenierte Ueli Jäggi bereits die schweizerdeutsche Fassung von «Das Ende vom Anfang» von Sean O’Casey, Friedrich Dürrenmatts «Das Versprechen», «Der Gehülfe» nach dem Roman von Robert Walser und «In Amrains Welt» nach Texten von Gerhard Meier.

 

Vorstellungsdauer: 2.5 Stunden

PRESSESTIMMEN

Als «Komödien» rubrizierte Anton Tschechow bekanntlich seine Dramen, und der Schauspieler und Regisseur Ueli Jäggi, der «Onkel Wanja» jetzt im Luzerner Theater herausgebracht hat, unterstreicht das in seiner Inszenierung. Jäggi, der in vielen Produktionen von Christoph Marthaler auftritt und bei ihm zur «Kernfamilie» zählt, nimmt die komischen Aspekte im Text ganz ernst. In einer gewissermassen lakonischen Grundstimmung lässt er Tschechows Figuren aufleben und Kontur gewinnen. Der um Ironie und Fassung ringende Wanja (Matthias Bernhold), die schutzlose Sonja (Miriam Strübel), der knochentrockene, dabei dünnhäutige Arzt Astrow (Christian Baus), der sehr von sich eingenommene Serebrjakow (Jörg Dathe), Elena (Varia Linnéa Sjöström), das lebenskluge Püppchen. Bühnenbildner Werner Hutterli setzt sie in einem so gediegenen wie aussichts- und perspektivenlosen Raum aus, in dem sie sich nirgends festhalten können, nicht an der Faltschiebewand, die die Vorderbühne vom blinden Horizont trennt, nicht am mit einer Housse abgedeckten Klavier oder dem trüben Aquarium gegenüber. (…) Ueli Jäggi legt eine genaue, dichte Theaterarbeit vor, präzis beobachtet und spielerisch geformt, die ihre Qualität in zahllosen komischen Details erweist – und am Ende zu tragischer Grösse findet.

Neue Zürcher Zeitung, 12. Dezember 2015

 

Alle Figuren werden präzise gezeichnet. Die Schauspielerinnen und Schauspieler überzeugen, sie agieren zurückhaltend. Regisseur Ueli Jäggi schlägt leise Töne an und verschafft den Protagonistinnen und Protagonisten dadurch umso mehr Gehör. Er vertraut voll und ganz der Kraft von Tschechow und seinem Werk. Und auch wenn man häufig schmunzeln muss, kitzelt er doch immer wieder das Tragische aus dem Stück heraus. Denn letztendlich ist es ein Stück ohne Happy End. Nichts ändert sich, alles bleibt beim Alten. «Onkel Wanja» auf der Bühne des Luzerner Theaters ist eine stimmungsvolle Aufführung. Subtil, immer stilvoll und mit viel Atmosphäre. Mit kleinen aber gelungenen dramaturgischen Einfällen werden schöne Bilder gezeigt. (…) Das Thema „gefangen sein im eigenen Sumpf“, die Resignation und Langeweile wird immer wieder thematisiert. Und auch wenn man die Langweile der Figuren auf der Bühne richtig spürt, als Zuschauerin verbringt man einen sehr kurzweiligen Abend.

Radio SRF1, 11. Dezember 2015

 

Regisseur Ueli Jäggi hat das Stück gradlinig ohne Extravaganzen inszeniert. Besonders nach der Pause wird seine Inszenierung spannender und endet in einem surreal absurden und imposanten Schlussbild. Dass die Figur der Kinderfrau auf eine Stimme aus der Gegensprechanlage reduziert wurde, ist ein witziger und gut funktionierender Einfall.

Neue Luzerner Zeitung, 12. Dezember 2015

 

Nun habe ich knapp eine Seite Lobhudelei hinter mir, und frage mich, ob das so stimmig ist. Ich denke schon. Gesamthaft hat mich das Stück begeistert, es hat mir auf wahnsinnig vielen Ebenen gefallen, die Arbeit war ganz klar durchdacht, genau und rund. Das Thema ist und bleibt ein schweres, und auch gerade deswegen ein menschliches, das wir halt mal mehr, mal weniger ertragen. Gegen Ende hin weniger, zugegeben.

Kulturteil.ch, 11. Dezember 2015

 

Wie dann aber die Schauspieler all die Mono- und Dialoge darreichen, facettenreich akustisch und mimisch deklarieren, ist ganz grosses „Theater“. Da genügt ein Augenrollen der Ex Schwiegermutter des Professors, souverän verkörpert durch Wiebke Kayser um alles auch ohne Worte auszudrücken. Da verspeist Elena, die junge Frau des Professors, einen Apfel so verführerisch, wie das seit Eva im Paradies kein Weib mehr tat, worauf sich Wanja und auch der verbitterte Arzt , Philosoph und Biobauer Michail Astrow in die elegante attraktive Lebedame verlieben. Die etwas unscheinbare Sonja, ihrerseits seit längerer Zeit in den Arzt verliebt, bleibt da aussen vor, hadernd mit ihrem Schicksal. Symbolträchtig das Bühnenbild, das Piano dient Elena, klavierspielend, zur Demonstration der schönen Künste, die in ihrem früheren Stadtleben selbstverständlich und allgegenwärtig waren. Das Aquarium steht für die vermeintlich unendliche Weite des Meeres in dem sich alle tummeln und ihren festen Platz besetzen. Dies erweist sich spätestens dann als Trugschluss, wie der Professor, des Landlebens überdrüssig ankündigt, das Gut veräussern zu wollen und damit die Lebensgrundlage und Inhalt der anderen den Boden entziehen , ja deren Existenz bedrohen, wenn nicht sogar vernichten würde. Jetzt sehen sich plötzlich alle gefangen in diesem Aquarium in dem sie hilflos monoton im Kreis herumschwimmen, dazu ab und an gefüttert werden, die einzige Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die ihnen zuteil wird.

Innerschweiz Online, 12. Dezember 2015

 

Medienpartner: Zentralschweizer Fernsehen Tele 1