Kasimir und Karoline

Loading the player ...
Luzerner Theater

Kasimir und Karoline

Volksstück von Ödön von Horváth
Premiere: 01. Februar 2013

«Solange wir uns nicht aufhängen, werden wir nicht verhungern.»

Bierlaune und Weltwirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit steigt und steigt. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer breiter und tiefer. Und die Liebe zwischen Kasimir und Karoline zeigt deutliche Risse. Er, soeben «abgebauter», also arbeitslos gewordener Chauffeur, sie, Büroangestellte und mit ihm verlobt, wollen sich eigentlich amüsieren, aber Streitigkeiten werfen sie immer wieder auseinander. Der Abend lässt sie sich stetig wiederbegegnen, aber trotzdem immer genauer verfehlen, bis sie sich am Ende gar nicht mehr finden können. Beide versuchen es mit neuen Liebschaften und diversen Amüsements, aber ohne rechtes Glück.

Ödön von Horváth nennt sein Stück «eine Ballade von stiller Trauer, gemildert durch Humor, das heisst durch die alltägliche Erkenntnis: Sterben müssen wir alle!». Mit «Kasimir und Karoline» schrieb er 1932 das Stück der Stunde, und diese Stunde schlägt aktuell wieder. Er selbst meinte über sein Schreiben: «Man wirft mir vor, ich sei zu derb, ekelhaft, zu unheimlich, zu zynisch und was es dergleichen noch an soliden, gediegenen Eigenschaften gibt – und man übersieht dabei, dass ich doch kein anderes Bestreben habe, als die Welt zu schildern, wie sie halt leider ist.»

Die Regisseurin Alice Buddeberg wurde 1982 in Frankfurt am Main geboren und studierte Schauspielregie an der Theaterakademie Hamburg. Sie inszeniert regelmässig am Schauspielhaus Hamburg, am Schauspiel Frankfurt und am Theater Bremen. Für ihre herausragenden künstlerischen Leistungen erhielt sie 2011 den Kurt-Hübner-Preis. Ab der kommenden Spielzeit ist Alice Buddeberg Hausregisseurin am Theater Bonn. «Kasimir und Karoline» ist ihre erste Arbeit am Luzerner Theater und in der Schweiz.

«Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wäre man nie dabei gewesen.»


Ein Interview mit der Regisseurin Alice Buddeberg in der Neuen Luzerner Zeitung finden Sie hier. Die Musik zur Inszenierung von Stefan Paul Goetsch gibt es hier zum Anhören.

 

PRESSESTIMMEN

«Die Inszenierung der jungen deutschen Regisseurin Alice Buddeberg lässt viel Platz, vor allem für die Sprache des Stückes. Den Graben zwischen der Realität der Menschen und ihrer Sprache, die häufig nur aus leeren Phrasen besteht, füllt sie gut aus. Und sie gibt auch der Regieanweisung viel Raum, die häufig im Stück steht: Stille. (…) Das Schauspielensemble des Luzerner Theaters hält diese Stille gut aus, bleibt dabei im Rhythmus und gibt dort richtig Gas, wo es darauf ankommt. Vor allem Jörg Dathe überzeugt als Kasimir, der sich halt einfach dem hingibt, was ihm Bettina Riebesel als Karoline bietet aber auch Samuel Zumbühl als Kommerzienrat oder Christian Baus als Merkl.»
Radio SRF 1, 2. Februar 2013  

«Alice Buddeberg zeigt Horváths traurige Komödie mit bildkräftigen Zeichen. Die Bühne, abstrakt und ein realistischer Anklang an den Jahrmarktszauber, gibt den Figuren keinen Halt. Sie ist eine gleissende Plattform, die gnadenlos zur Schau stellt. (…) ‹Und die Liebe höret nimmer auf›, sagt Juanita, im weissen Unterrock, ohne den monströsen Kopf. Ihr gehört die letzte Szene. Noch einmal scheint etwas auf von dem Unerreichbaren, das schon in dem kleinen Märchen anklang, das Alice Buddeberg ins Stück einfügte und in dem Horváth von dem Mädchen erzählt, das nach dem ausgestorbenen Märchen suchte. Noch einmal wird es ganz still auf der Bühne, die lauten und kräftigen Bilder treten zurück. Sie gipfelten im Tanz der Abnormitäten, in die sich die Figuren des Stücks allesamt verwandelten. Kasimir (Jörg Dathe) ist jetzt der Mann mit dem Bulldoggkopf (Masken: Sandra Rosenstiel). Mit grotesker Poesie zeigen sich die begrabenen Sehnsüchte: Nicht im Leben, nur im Traum heben sich die Schranken auf, ist zwischen Beobachtern und Beobachteten kein Unterschied mehr. Es gibt kein Haben mehr, nur das Sein. Alice Buddebergs Luzerner Inszenierung von ‹Kasimir und Karoline› ist ein tiefernster, dunkler Spass, packend gespielt - mit einer starken Bettina Riebesel als Karoline: Lust und Trauer und alle Abgründe stehen ihr im Gesicht.»
Zentralschweiz am Sonntag, 3. Februar 2013 

«Der für die Musik verantwortliche Stefan Paul Goetsch lässt die leichten Mädchen Elli (Wiebke Kayser) und Maria (Jürg Wisbach) den Ton angeben - mit elektronischen Geräten. Es ist ein unheilvolles Dröhnen, ein vibrierendes Schlagen und erinnert an die Einstürzenden Neubauten: hart, einpeitschend, laut.»
NZZ am Sonntag, 3. Februar 2013 

«Horváths Volksstück spielt ‹auf dem Münchener Oktoberfest, und zwar in unserer Zeit›: Am Luzerner Theater sind noch ein paar Bierdosen übrig vom Fest, die Wies'n aber ist eine aseptische Blechschanze (im Bühnenbild von Sandra Rosenstiel). Dekor und Requisite sind abgebaut wie Kasimir selber, der Chauffeur, gestern noch am Steuer eines schicken Wagens, heute arbeitslos. ‹Kasimir und Karoline› ist das Stück zur Wirtschaftskrise schlechthin; jener der 1930er Jahre, und gern stellen die Theater zurzeit seine Fragen wieder: nach den Mechanismen der Entfremdung und dem Tauschwert von Liebe am Beispiel des Kasimir und der Karoline. Sie will sich vergnügen auf dem Oktoberfest, er ist aus nachvollziehbaren Gründen etwas niedergeschlagen. Wegen einer Kleinigkeit entzweien sie sich, versteifen sich, flüchten aus der einen unmöglichen Beziehung in die nächste, immer durchaus auch den Warenwert der Liebe auf dem Markt des sozialen Aufstiegs im Auge. Aber sei es mit dem oder jenem, es bleibt das Nämliche, und das Schicksal nimmt seinen mitleidlosen Lauf oder, wie es Horváth etwas zynischer formuliert: ‹Die Liebe höret nimmer auf.›»
Neue Zürcher Zeitung, 5. Februar 2013

«Es war auch schon mehr Spass in der Welt. Die Kilbi besteht aus einem Ballon und fünf, sechs Glacecornets, und was den Lärm angeht, der ist hier zwei Stunden lang ohrenbetäubend still. Ödön von Horvath zeigte 1932 in ‹Kasimir und Karoline›, wie die Krise noch im muntersten Festbetrieb ihre Opfer zerreibt. Bei der jungen deutschen Regisseurin Alice Buddeberg sitzen Kasimir, Karoline und alle anderen Figuren schon zu Beginn aufgereiht wie Schiessbudenfiguren da, depressiv und bereit zum Knall. (…) Das ist alles sehr konsequent gemacht, und nie hat man von einer Achterbahn furchterregendere Schreie gehört als in der gefrorenen Stille dieses Theaterabends.»
Tages-Anzeiger, 5. Februar 2013