Der zerbrochne Krug

Luzerner Theater

Der zerbrochne Krug

Lustspiel von Heinrich von Kleist
Patronat: theaterclub luzern
Premiere: 09. Januar 2010



«Ja, seht. Zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füsse.»

Das sind die ersten Worte des Dorfrichters Adam, während er seine Wunden versorgt, die er sich, nach eigenen Angaben, beim morgendlichen Fall aus dem Bett und anschliessendem Stolpern und Stürzen zugezogen hat. Ein Revisor ist auf dem Weg, um sich einen Überblick über den Zustand des Rechts vor Ort zu verschaffen. Zudem ist Gerichtstag und ein Fall kommt zur Verhandlung, welcher sich in der vergangenen Nacht zutrug: Frau Marthe Rull klagt Ruprecht an, den Liebsten ihrer Tochter Eve, in deren Schlafzimmer ihren schönsten Krug zertrümmert zu haben. Die Verhöre bringen unterschiedliche Versionen des Tathergangs zu Tage, in denen sich einer immer auffallender verstrickt: der Richter selbst. - War er es, der da des Nachts in Eves Kammer…

Kleist fasziniert, ungebrochen, vor 200 Jahren genauso wie heute. Er war ein Aussenseiter, weder ein Repräsentant seiner Epoche noch seiner Nation. Ein Dramatiker, Novellist und Essayist, der die Sprache zerbrach, sich subversiv gegen jedwede Sprachvereinbarung stellte. Zwischen Aufklärung, Deutscher Klassik und Romantik stehend, erwehrt sich sein Werk einer Zuordnung durch seine radikale ästhetische und thematische Originalität.
Geboren wurde Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist 1777 in Frankfurt an der Oder, an der heutigen deutsch-polnischen Grenze. Den «Krug» schrieb er mit Ende zwanzig nach einem halbjährigen Aufenthalt in der Schweiz. Hierher war er aus Deutschland geflüchtet, um nach Jean-Jacques Rousseaus Ideal «ein Bauer zu werden», und zwar auf der Delosea-Insel am Ausfluss der Aare aus dem Thunersee, rund 75 Kilometer von Luzern. Nicht zuletzt das damalige Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit der schweizerischen Justiz brachte ihn auf den Plan für das Lustspiel, welches er dann «in einem niederländischen Dorfe bei Utrecht» spielen liess.

«Es ist Gerichtstag heut, und ‹gestrauchelt› ist nicht nur Adam, sondern mit ihm die Welt.» (Ernst Wendt)

Das in der vergangenen Spielzeit mit grossem Erfolg eingeführte Schulprojekt ENTER wird in dieser Saison weitergeführt. Im Rahmen von «ENTER: Der zerbrochne Krug» können zahlreiche Schulklassen aus Luzern und Umgebung den Entstehungsprozess der Inszenierung in verschiedenen Werkstätten begleiten. Die persönliche Auseinandersetzung der Jugendlichen mit dem Stoff wird auf vielfältige Weise im Umfeld der Theatervorstellungen erlebbar und bereichert die Aufführungen um eine weitere, spannende Dimension. Informationen zum Schulprojekt finden Sie im aktuellen Spielzeitheft 2009/10 auf Seite 92. 

PRESSESTIMMEN

Heinrich von Kleist hat mit dem Stück «Der zerbrochne Krug» der Weltliteratur den berühmtesten Indizien-Prozess geliefert. Hauptfigur, Richter und Angeklagter in einer Person, ist der Dorfrichter Adam. In Luzern irrt er am Anfang nackt und jämmerlich zugerichtet auf der Bühne umher. Als ihn der Gerichtsschreiber in diesem Zustand erblickt, deutet Adam schon mit seinen ersten Worten an, was in den nächsten zweieinhalb Stunden auf der Bühne an den Tag kommt. (...)

Das Bühnenbild, das der Regisseur Peter Wittenberg kreiert hat, gehört zum Stärksten in dieser Inszenierung. Es baut sich am Anfang, vor den Augen des Publikums, selber auf. Tausende Papierbündel fallen tosend vom Bühnenhimmel und werden schliesslich zu einem heillos gewaltigen, unübersichtlichen Aktenberg. (...)

Nach diesem Geständnis kommt es zum Knalleffekt in dieser Luzerner Aufführung. Im Gegensatz zum Original, wo am Schluss ausser dem Richter Adam, alle als Unschuldslämmer oder Ehrenmänner dastehen, zeigt Peter Wittenberg eine heutige, völlig unmoralische Welt. Das Stück endet im Irrwitz. Sogar der ehrenwerte Revisor entpuppt sich als gewöhnlich sterblicher Sünder. Obwohl das Stück zeitweise etwas schleppend in die Länge gezogen wird, obwohl die Szenen ausgereizt werden, bietet diese Inszenierung, mit einer ansprechenden Ensembleleistung und einfallreichen, theatralischen und musikalischen Gags, einen vorwiegend amüsanten, neuen Zugang zu einem klassischen Theaterstück.
DRS1, Regionaljournal Zentralschweiz, 10.1.2010


Regisseur Peter Wittenberg, der in Luzern Kleists «Der zerbrochne Krug» inszeniert, hatte für die Bühne (Mitarbeit Chasper Bertschinger) einen Einfall, der als Symbol so gut funktioniert, wie als Landschaft, die dem Spiel Entfaltungsmöglichkeiten öffnet, ohne die Abstraktion zu übertreiben und die konkreten Bezüge zu verweigern. (...)

Peter Wittenberg geht einen anderen Weg. Er nimmt das symbolische Bühnenbild, das durch konkretes Material Abstraktion erzeugt, als Hintergrundsfolie für ein höchst realistisches und handfestes Theater. (...)

Sven Walser spielt den Dorfrichter Adam mit boshafter Überlegenheit und verdeckt die Arroganz mit grinsender Nonchalance. Alle Augenblicke droht sie in rabiate Gewalt zu kippen. (...)

Die Rolle des Abends spielt Samia von Arx als vom Richter missbrauchte Eve, die ihren Ruprecht liebt und schützen will und ob seiner Vertrauenslosigkeit in sie und in ihrer Wahrheit verzweifelt. Sie erliegt nicht der Versuchung, aufzudrehen, sondern gibt ihre Eve vielschichtig und stimmig.
Neue Luzerner Zeitung, 11.1.2010