«Die Köpfe gesenkt, den Blick auf den Boden gerichtet, durchmessen die Schauspieler den Bühnenraum, gehen auf Socken hin und her, nach vorn und nach hinten, auf schalldämpfenden Noppenfeldern aus Schaumgummi, mit denen auch die Wände belegt sind (Bühne und Kostüme: Doris Margarete Schmidt). Sie sprechen Sätze aus Briefen: ‹Das alles musste einmal gesagt sein. Schicken will ich dir den Brief nicht. Du würdest ihn gar nicht öffnen.› Ivna Žic, in dieser Spielzeit Hausautorin am Luzerner Theater, rief dazu auf, ihr Briefe zu überlassen, die nie abgeschickt wurden. Es sind Liebesbriefe, Abschiedsbriefe, Vorwurfsbriefe, Klagebriefe. Zusammen mit den Schauspielern Wiebke Kayser, Juliane Lang, Jörg Dathe und Hajo Tuschy realisierte sie aus den Briefen ein Stück, das sie im Rahmen des Förderprojekts ‹Stück Labor Basel› inszenierte. (…)
Das Stück handelt von Beziehungen, von Kommunikation und ihren Störungen. In den Brieffragmenten deuten sich Geschichten an, die unerzählt und unenträtselt bleiben. Das Publikum soll sie sich ausdenken, die Schauspieler wiederholen Passagen, die Geschichten werden deutlicher. (…) Die Schauspieler reden miteinander über die Briefe, erzählen sich die verborgenen Geschichten, mutmassen darüber.(…) Davon abgesehen findet dieses Laborstück mit genau bemessenen Mitteln, Körperhaltungen und Gesichtsregungen, die auf Briefe und Mitteilungen reagieren, eine stimmige szenische Sprache: Ein beinahe ganz gelungener Abend.»
Neue Luzerner Zeitung, 11.3.2013
«Eine faszinierende Idee, nicht gesendete Briefe in ein Theaterstück einzubringen. Aber wie spricht man Briefe, und wie inszeniert man sowas? Die Antwort darauf gibt es bis Ende März im UG, der zweiten Spielstätte des Luzerner Theaters im Keller des Stadthauses. Der lange Raum wird unterteilt mit grossen, grauen Dreiecken aus schallisolierendem Schaumstoff. Dadurch wird die Tiefe akzentuiert, zusätzlich vermittelt das Ganze ein Gefühl von Intimität und Aufgehobensein. Die Brieftexte kommen teils über kleine, in die Wände eingelassene Kästchen, teils aus schwarzen Kugellautsprechern, welche über den Raum verteilt von der Decke hängen oder sie werden von den vier Schauspielern vorgetragen. (…) Manche Texte, oder deren Interpretation, lösen Heiterkeit aus, andere wirken beklemmend. Da ist Leidenschaft, Hass, Wut, aber nichts geht über die isolierten Wände hinaus. Das erinnert daran, dass diese Briefe nie abgeschickt worden sind. (…) Juliane Lang überzeugt als puppenhaftes Mädchen, wütende Mutter, verlassene Geliebte, Wiebke Kayser als leidenschaftslose, im wahrsten Sinne des Wortes verstaubte Jungfer, Hajo Tuschy grossartig als gewissenhafter Archivar, gefangen in seinen Zahlen und Kategorien oder als verschlagener und gleichzeitig überforderter Empfänger einer Nachricht und Jörg Dathe wie ein grauer, altertümlicher Vogel auf Beutesuche, wenn er stelzend, nachdenklich, ängstlich oder neugierig den Raum durchquert. Ein spannender Abend mit viel Emotionen und Einblicken in die Tiefen der menschlichen Seele.»
innerschweizonline.ch, 11.3.2013
«Nicht abgeschickte Briefe von Privaten dürften per se die Neugier kitzeln, handeln sie doch oft von unerfüllter Liebe und komplexen Verhältnissen. Bei der banalen Befriedigung eines nicht sonderlich noblen Interesses lässt es Ivna Žic allerdings nicht bewenden. Ihr Theaterprojekt ‹Briefe›, das am Freitagabend in Luzern uraufgeführt wurde, bietet weit mehr, beleuchtet die Gegenwart, thematisiert die Varianten der Kommunikation und spielt mit den reichen Möglichkeiten des Theaters. Wer zu Beginn des Abends noch befürchtete, bloss eine inszenierte Lesung zu verfolgen, konnte sich schnell von Besserem überzeugen lassen. Ausgangspunkt für Žics Theaterprojekt, das in Zusammenarbeit mit dem ‹Stück Labor Basel› entstanden ist, sind mehrere Dutzend Briefe, die Privatpersonen geschrieben, aber nicht abgeschickt haben, sondern verdankenswerterweise dem Theater zur Verfügung stellten. Zwischen mit grauem Schaumgummi gepolsterten Wänden (Bühne: Doris Margarete Schmidt) verhandeln vier Biederleute die Briefinhalte. (…) Im Laufe des Abends verwandelt sich das graue Archiv zunehmend in ein bunt-chaotisches Postamt; die Protagonisten hantieren mit toten Leitungen und reissen Tonquellen aus den Schaumgummi-Wänden. Die Biederleute werden sich nicht einig. Und die Bilder, die bei der Brieflektüre vor dem inneren Auge des Zuschauers entstanden sind, vervielfältigen sich auf faszinierende Weise. Das Publikum der Uraufführung in Luzern hat Žics ‹Briefe›-Lese und die Ensemble-Leistung am Freitagabend begeistert beklatscht.»
sda, 11.3.2013
«Es ist still im UG des Luzerner Theaters. Vier Angestellte huschen über und durch Schallschutzmatten und seufzen Liedfragmente ins Wandtelefon. Wenn die elektronische Stimme die Ankunft neuer Post vermeldet, zucken sie zusammen. Wo sich Bartleby bei Herman Melville einst um unzustellbare Briefe kümmerte und darob stumm und traurig wurde, da sind es im neuen Stück von Ivna Žic nicht abgeschickte Briefe, die ihre Verwalter verschroben machen. Die Autorin hat nach solchen Briefen gesucht, hat daraus das Stück ‹Briefe› montiert und dieses nun auch selber inszeniert. So erleben wir, wie Juliane Lang, Wiebke Kayser, Jörg Dathe und Hajo Tuschy unter der drückenden Archivlast unerlöster Gedanken die Neuzugänge einsortieren. Nach Kriterien wie ‹Nichtabsendungsgrund: fehlender Mut›. Das ist oft sehr komisch. Denn in diesen vier Bürokraten, in ihren seltsamen Verrenkungen, in ihrer monotonen Verzweiflung spiegelt sich die ganze Fallhöhe der Briefe: Man ahnt noch den heissen Affekt, in dem sie geschrieben wurden; doch jetzt, eingegangen in den Katalog, bewahren sie nur noch erkaltetes Pathos auf. (…) Und doch ist der Abend keine billige Denunziation der ungeschickten Briefe, denn da sind auch Momente von Mut und entwaffnender Ehrlichkeit. Und diese Gedanken stellt man sich dann vor, wie sie weiter kreisen - irgendwo, in irgendeinem schallisolierten Kopf.»
Tages-Anzeiger, 12.3.2013
« Der Theaterabend überrascht aber da, wo diffuse Spannungen zwischen den Briefzeilen aufgespürt und ins Absurde geführt werden: etwa wenn die Briefgestalten sich auf eine hitzige Debatte über einen Brief einlassen. Klar wird auch: ob die Briefe abgeschickt wurden oder nicht, gelesen oder nicht, spielt letztlich keine Rolle. Immer geht es hier um ein Anfangen oder ein Abschliessen, aber selten wird wirklich etwas zum Abschluss gebracht. Diese dem Brief eigene Dynamik ist zweifellos dramatisch und lässt die abwesenden Schreibenden da und dort aufflackern, weit deutlicher als die noch unbekannteren Adressaten. Ivna Žic, die das zusammengestellte Briefgefüge auch inszeniert hat, zeigt auf charmante und verspielte Weise, dass der zwischenmenschliche Mitteilungsbedarf gerade in gefühlsökononischen Belangen enorm gross ist und dass der Brief, allen Unkenrufen zum Trotz, in den digitalen Kurzmitteilungsbotschaften keine wirkliche Konkurrenz zu befürchten hat.»
Radio SRF 2, 14.3.2013
«lvna Žic stellt nun nicht die Verfasser dieser Briefe auf die Bühne, sondern greift zu einem Kunstgriff. Zu erleben ist eine Art Archiv der nicht zu Stande gekommenen Kommunikation, ein surrealer Raum jenseits der Wirklichkeit, in den die nicht abgeschickten Briefe in regelmässigen Abständen eintröpfeln, rezitiert, reflektiert und abgelegt werden. Wir erfahren so, dass es sich in 80 Prozent der Fälle um Liebesbriefe handelt, bei weiteren wenigen Prozenten um familiäre Belanglosigkeiten und dass bei gerade einem Prozent von Briefen mit ‹gesellschaftlich relevanten, brisanten oder gar politischen lnhalten› die Rede sein kann. Zusammen mit dem Schauspielerquartett hat die Luzerner Hausautorin und in diesem Fall Brief-Samplerin lvna Žic die Entstehungsgeschichte des Theaterprojekts, nämlich eben das Sammeln und Dramatisieren der Briefe, in eine verfremdete Kunstform gekleidet und sie so auf die Bühne gestellt. Diese ist eine tunnelartige Flucht, die mit genoppten Schaumstoff-matten ausgekleidet ist, die alle nicht gesprochenen Geräusche schlucken (Ausstattung Doris Margarete Schmidt). Über verschiedene akustische Eingangsterminals tröpfeln nun die Briefe herein, so wie sie einst im Briefkasten des Theaters gelandet sind.
Diese ganze Szenerie mutet im ersten Augenblick etwas seltsam an. Etwa die Figuren, die ihre Hemden und Blusen verkehrt herumtragen und auch in ihrem Gebaren ein eher groteskes Bild abgeben. Da gibt es das Mädchen (Juliane Lang), das, um seiner Gefühlswallungen Herr zu werden, immer wieder energisch in die Noppenmaiten beisst. Dazu kommen der ältere Mann (Jörg Dathe), der sich unter der quälenden Last der unerfüllten Gefühlswelten nur noch tief gebeugt bewegen kann, der verbissene Archivar (Hajo Tuschy), der hektisch umherirrend die eingehenden Briefe kategorisiert, und die ängstliche Frau (Wiebke Kayser), die sich kaum je richtig hinter den schützenden Seitenwänden hervortraut. So seltsam die Szenerie im ersten Moment erscheint, hat das Ensemble damit letztlich einen guten Weg gefunden, die zum Teil aufwühlende Welt der abgewürgten Gefühlskundgebungen dramatisch umzusetzen. Als stellvertretende Rezipienten reagieren die Figuren auf der Bühne mit Verblüffung, mit Unverständnis und Sarkasmus sowie mit Empathie auf die nie versiegende Flut der eintreffenden Briefe, die mehr und mehr auch zur drückenden Last wird. Etwas Linderung verschafft ihnen am Schluss einzig der Versuch, aus der belastenden Archivarbeit auszubrechen und - plötzlich ganz mitfühlend - sich über das Geschriebene hinaus ein Bild von dem Menschen machen, der die Zeilen geschrieben hat.»
Theater der Zeit, April 2013