Béatrice et Bénédict

Luzerner Theater

Béatrice et Bénédict

Opéra comique in zwei Akten von Hector Berlioz
Text von Hector Berlioz, nach William Shakespeare
In französischer Sprache mit deutschen Dialogen und Übertiteln
Premiere: 23. Januar 2016

Wenn man vorher um das nachfolgende «Ja» sicher wüsste, wäre so mancher Heiratsantrag fix gemacht. Ohne Gewissheit aber drohen massive Schäden an Eitelkeit und Laune – vom Herzen mal ganz abgesehen. Also lieber nicht fragen, ledig bleiben und allen Gefühlen den Anschein ihres Gegenteils geben. Dass in dieser Lebensfeigheit allerhand komisches Potenzial steckt, erkannte bereits der englische Dichter William Shakespeare.

Béatrice und Bénédict könnten einander durchaus gefallen, begegnen sich aber aus Angst vor einer Blösse mit souverän ausgespielter Geringschätzung. Während beide taub sind für die Stimme des eigenen Herzens, sehen Claudio und Héro wenigstens bald klar. In Vorbereitung der eigenen Trauung bahnen sie mit Hilfe einer Intrige auch ihren Freunden den Weg ins gemeinsame Glück.

Für die Eröffnung des Neuen Theaters in Baden-Baden 1862 nahm sich der französische Komponist Hector Berlioz die Komödie «Much Ado About Nothing» vor und schuf daraus unter Eliminierung aller tragischen Elemente eine zweiaktige Opéra comique, die als Hommage an Domenico Cimarosa direkt an das Erbe der Opera buffa anknüpft. Gleichzeitig wusste er die Errungenschaften auf dem Gebiet des sinfonischen Orchestersatzes mit musikalischem Witz und virtuosem Belcanto zu verbinden. Völlig zu Unrecht im Schatten seiner grossen Musikdramen stehend, empfiehlt sich das Werk insbesondere für Operngänger, die feinen Humor und kompositorische Delikatesse zu schätzen wissen.

Vorstellungsdauer: 2 ¼ Stunden mit einer Pause

Empfohlen ab 8 Jahren

 

Informationen zum Vermittlungsprojekt «ENTER: Béatrice et Bénédict» für Schulklassen finden Sie hier.

GESPRÄCH

In einem Labyrinth
Béatrice Lachaussée im Gespräch mit Christian Kipper

 

«Béatrice et Bénédict» von Hector Berlioz ist eine Opéra comique, also ein französisches Singspiel mit gesprochenen Dialogen. Man muss also Oper und Schauspiel inszenieren. Angst davor?

Nein.

 

Berlioz verfasste das Libretto selbst und recycelte dabei die Shakespeare-Komödie «Much Ado About Nothing». Allerdings liess er alle tragischen Töne weg und konzentrierte sich ganz auf die Komödie, den Schlagabtausch zwischen Béatrice und Bénédict. Ist es mehr als eine harmlose Klamotte?

Definitiv mehr, es ist ein sehr feinfühliges Werk, natürlich weit entfernt von der Grausamkeit, die in Shakespeares ursprünglichem Schauspiel als Pendant zur Komik auch vorkommt. Aber die Oper ist wirklich als ein eigenständiges Werk mit einer eigenen Handlung zu betrachten, als ein Substrat quasi. Hier kommen die tragischen Hindernisse nicht von Aussen wie bei Shakespeare, sondern aus dem Inneren der Figuren. Und die Überwindung jener Hindernisse ist äussert spannend. Neben dem permanenten Wortgefecht zwischen Béatrice und Bénédict beinhaltet das Stück einen Initiationsweg der beiden Protagonisten: Sie spiegeln sich zunächst in ihren Schwächen, bis ein Teil ihrer selbst abstirbt, wodurch sie in die Lage kommen, ihre Gefühle empfinden und gestehen zu können. Es geht um einen Prozess der Anerkennung.

 

Was ist der interessanteste Aspekt an dem Stoff?

Mich interessiert vor allem diese Entwicklung der beiden Titelfiguren, die zunächst in egozentrischen Positionen verharren, in der sie ihre feindlichen Türme aus scharfen Wörtern bauen, dann in Zweifeln herumirren und schliesslich zur Selbstfindung und Liebeserkenntnis gelangen.

 

Im Zentrum stehen zwei schillernde Charaktere. Wie sieht deren Kurzporträt in den Worten der Regisseurin aus?

Béatrice ist eine sehr vitale Frau. Sie ist stolz, will keinerlei Schwäche zum Vorschein kommen lassen. Sie spricht wenig über Gefühle, verbirgt aber hinter dem erbauten Schutzschloss der  Vernunft ein grosses Herz. Dasselbe gilt für Bénédict.

 

Bleibt da für das zweite Paar, Claudio und Héro, noch Platz?

Ja. Auch wenn ein Paar, das sich von Anfang an gefunden hat, für die dramatische Kurve nicht so interessant erscheint, ist es für den Verlauf des Dramas in dem konkreten Fall ganz wichtig. Denn Claudio und Héro werden quasi zu den Regisseuren der eigentlichen Handlung. Dadurch wächst ihre Agilität, ja sogar ihr Bewusstsein.

 

Wie verhält sich die Musik zum Stück?

Wie ein festlicher Strudel, der alles auf seinem Weg mitnimmt. Jeder Gemütszustand wird musikalisch verkörpert, behält dabei aber stets seine Leichtigkeit.

 

Die Geschichte ist natürlich in jeder Zeit vorstellbar. In welcher Zeit wird sie in der Inszenierung angesiedelt?

In einer selbsterfundenen Zeit: inspiriert von Shakespeare, jedoch abstrahiert.

 

Kenneth Branagh verfilmte das Shakespeare-Stück 1993 mit opulenten Bildern von toskanischen Gärten. In welchen Räumen spielt die Inszenierung in Luzern?

In einem Labyrinth.

PRESSESTIMMEN

«Den musikalischen Höhepunkt der 15 Musiknummern stellt zweifelsohne das Nocturne am Ende des ersten Aktes dar. In dieser ‹Nuit paisible› verschmelzen die beiden kostbaren Timbres von Carla Maffioletti und Eungkyong Lim zu purem Wohlklang, traumhaft schön und zart gerät diese Rousseausche Evokation der Natur. Dass auch die resolute Béatrice zu Kantilenen von tiefer Empfindsamkeit fähig ist und unter der rauen Schale ein weicher Kern schlummert, demonstriert Jutta Maria Böhnert in ihrer grossen Arie Que viens-je d'entendre? im zweiten Akt. Die Stimme fliesst bruchlos mit perfekter Ausgeglichenheit, wunderschön phrasierend. Die abgerundete Tongebung und die reichhaltige Ausdruckspalette berühren und begeistern. Utku Kuzuluk ist ein herrlich lausbübischer, etwas tolpatschiger Bénédict. Mit seinem hellen, manchmal etwas zu schneidend laut eingesetzten, aber in allen Lagen herrlich direkt und sicher ansprechenden Tenor meistert er die Partie problemlos, spielt mit erfrischendem Witz und überzeugt mit seiner Mimik. (...) Mit grossem Spielwitz und wunderschön geführten, markanten Stimmen wissen Todd Boyce als Claudio, Flurin Caduff als Don Pedro und Szymon Chojnacki als eingebildet vertrottelter Kapellmeister Somarone zu gefallen. Das phantastisch gut gelungene Trio der Männer Boyce, Kuzuluk und Caduff Me marier? Dieu me pardonne im ersten Akt findet seine Entsprechung im zweiten Akt mit dem Trio Je vais d´un coeur aimant der Damen Maffioletti, Böhnert und Lim, in welchem die dynamisch fein abgestufte Balance der unforcierten Stimmführungen zu einem Klang voller Raffinesse und Eleganz führt. (...) Am Pult des Luzerner Sinfonieorchesters, das wunderschöne Stimmungen (vor allem im Wechselspiel der Streicher und der Holzbläser) aus dem Graben zaubert, steht Boris Schäfer und sorgt mit seinem vorwärtsdrängenden, zupackenden, aber auch die melancholischeren Momente schön auskostenden Dirigat für einen musikalisch abwechslungsreichen Gesamtklang.»
oper aktuell, 24. Januar 2016

 

«Dank dem schlichten Bühnenbild fokussiert sich alles auf das Gesangsensemble des Luzerner Theaters. Die Solistinnen und Solisten liefern durchs Band hindurch eine beeindruckende Leistung ab. Alles bleibt sorgfältig ausgearbeitet, auch in den temporeichen Stellen. Und in den ganz feinen Passagen können vor allem die Sängerinnen so richtig glänzen: Jutta Maria Böhnert, Eunkyong Lim und Carla Maffioletti. (...) Mit der Oper ‹Béatrice und Bénédict› verbringt man einen vergnüglichen und unbeschwerten Abend am Luzerner Theater. Die Inszenierung verzichtet auf viel Brimborium und Lärm. Und sie stellt die feinen Facetten dieser Liebesgeschichte in den Vordergrund. Das Publikum schaut dabei gerne zu. Oder wie es einer der Protagonisten zum Schluss sagt: Es ist schön, dass zusammenfindet, was zusammen gehört.»
SRF 1, Regionaljournal, 24. Januar 2016

 

«Aber das Spiel kommt ganz ohne Rokoko-Slapstick aus, den der Irrgarten als Anspielung auf französische Komödien des 18. Jahrhunderts nahelegt. Dafür wird dieser bereits vor der Pause atemberaubend aus den Angeln gehoben: Wenn Hero mit der lebensklugen Gesellschafterin Ursule über die Liebe und die Angst vor ihrem Verlust sinniert, wird das zu einem magischen Moment in dem jetzt mondbeglänzten Labyrinth. Auch sängerisch ist dieses Duett, in dem der feinnervige Sopran von Carla Maffioletti und der sinnlich-warme Mezzosopran von Eunkyong Lim zauberhaft verschmelzen, ein absoluter, entrückter Höhepunkt. Von da an behält der Abend diese Dichte bei. Ein zweiter - auch vokaler - Höhepunkt ist die Szene, in der sich Béatrice zum Eingeständnis ihrer Liebe durchringt - in Erinnerung an den schmerzhaften Abschied von dem zum Krieg aufgebotenen Bénédict. Jutta Maria Böhnert verbindet einmal mehr mit ihrem Sopran seismografische Sensibilität mit entspannt und weit strömender Ausdruckskraft. Und ragt aus dem durchweg ansprechend besetzten Ensemble (Utku Kuzuluk als entschlossener Bénédict, Todd Boyce als Claudio, Flurin Caduff als General) heraus.»
Neue Luzerner Zeitung, 25. Januar 2016

 

«Was für das französische Repertoire allgemein und auch für Berlioz gilt: vieles, zu vieles ist da randständig, und noch seltener als die aufwendigen grossen Opern ‹Benvenuto Cellini› und ‹Les Troyens› erscheint das leichtgewichtige, aber muskalisch inspirierte und schön gearbeitete kleine Stück ‹Béatrice et Bénédict› auf der Bühne, das auf brillant komische Weise die Liebe feiert. Wie attraktiv für einen geistreich-witzigen Abend es ist, zeigte die Premiere am Samstag im Luzerner Theater. (...) Berlioz‘ Musik jedenfalls evoziert Atmosphäre, Licht und Farbe in reichem Mass, eher ziseliert als massiv. Es sollte, nach eigenem Bekunden, nicht viel Lärm gemacht werden in seiner Version von ‹Viel  Lärm um nichts›. Dafür schrieb er eine virtuose und differenziert instrumentiert Partitur. Das Orchester interpretierte sie mit viel Verve und Sensibilität, so dass die Premiere nicht zuletzt auch ein sinfonischer Abend war.»
roccosound.ch, 24. Januar 2016