Albert Herring

Luzerner Theater

Albert Herring

Comic Opera in drei Akten von Benjamin Britten
Text von Eric John Crozier, nach Guy de Maupassant
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Koproduktion mit LUCERNE FESTIVAL
Premiere: 05. September 2015

Über die Jugend seiner Zeit soll schon Sokrates hin und wieder die Stirn gerunzelt haben. Bis heute lamentieren in die Jahre gekommene Generationen über den angeblichen Niedergang der jungen Leute – und meinen damit in der Regel die eigenen verpassten Gelegenheiten. Von diesen zwei Ansichten auf dieselbe Sache erzählt die komische Oper «Albert Herring», die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg rigide Verhaltensnormen mit viel Witz hinterfragt.

Ein junger Mann entspricht brav und kritiklos nicht nur den Wünschen seiner Mutter, sondern auch den strengen Anstandsregeln der Gesellschaft. Auf der Strecke bleiben dabei eigene Träume, Sehnsüchte, Erfahrungen – kurz: das Leben. Dafür krönt ihn die Stadt zum König der Tugend. Während der Feier jedoch kommt statt Wasser plötzlich Alkohol ins Spiel, und schon gerät die Welt für alle aus den Fugen …

Sittengesetze – englische zumal – können genau wie ihre Hüter streng und absurd sein. Gerät dieses unmusikalische Sujet zum Gegenstand einer Oper, kommt dafür naturgemäss nur die komische Gattung in Frage. Dementsprechend nutzte der britische Komponist Benjamin Britten eine kleine Orchester- und eine grosse Sängerbesetzung, um mit Hilfe prägnant charakterisierter Figuren und gestisch pointierter Situationen eine bunte Welt zu zeigen, in der Alt und Jung um Lebensweisheit ringt. Im Zentrum steht eine individuelle Reifeprüfung, die trotz des Humors in Text und Partitur zu einem ernstzunehmenden Resultat führt: Wer erwachsen werden soll, muss eigene Erfahrungen machen dürfen.

Vorstellungsdauer: 2 ¾ Stunden mit einer Pause

 

Und weil gerade Jugendliche und Kinder enorm viel lernen können aus dieser Oper, bieten wir unsere Produktion am Sonntag, 13.9.2015 um 13.30 Uhr auch in einer gekürzten Kinderversion (1h 40min) an.

Vollversion empfohlen ab 14 Jahren

Kinderversion empfohlen ab 8 Jahren

GESPRÄCH

GENERATIONENKONFLIKT

Tobias Heyder im Gespräch mit Christian Kipper

Die Gesellschaft, die Britten in «Albert Herring» zeigt, ist rigide in ihren Moralvorstellungen und lässt an England zwischen den Weltkriegen denken. Ist der geographische und historische Aspekt unabdingbar für eine Inszenierung? Ist die beschriebene Situation noch universal begreifbar?

Rigide Moralvorstellungen sind weniger ein historisch und geographisch genau einzugrenzendes Merkmal, sondern eher typisch für Menschen einer bestimmte Altersgruppe gegenüber einer jüngeren Generation. Deshalb handelt es sich um ein wirklich zeitloses Phänomen. Schon Sokrates geisselte die Respektlosigkeit der Jugend gegenüber den Älteren. Seitdem hat sich kaum etwas geändert. Die konkrete historische Situation mit England in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und Brittens Kampf um Anerkennung spielen natürlich auch eine Rolle: Dabei fällt auf, dass Albert Herring im Gegensatz etwa zu Peter Grimes oder Billy Budd nicht zugrundegeht auf seinem Weg zur Selbstbestimmtheit. Die grosse Tragödie fehlt. Albert will ein eigenes Leben führen und muss sich das erkämpfen. Sobald er das erreicht hat, gehen alle wieder ihrer Wege und machen weiter wie vorher. Es ist so etwas wie der kleine Psychoterror des Alltags, den jeder meistern muss.

Die Erwachsenen sind sich hinsichtlich der richtigen Kindererziehung einig. Ansonsten aber zeigt jeder Vertreter einen eigenen fast karikaturhaften Charakter. Prototypen also der englischen Gesellschaft? Und wie entscheidet sich die Inszenierung: Tendenz zu Individuum oder zur Witzfigur?

Die Anordnung der Figuren lässt einen schon an Karikaturen denken, gerade weil es auch um typische Vertreter einer geregelten Gesellschaft geht: Lehrerin, Priester, Bürgermeister, Polizist und eine reiche Dame im Hintergrund als moralische Hauptinstanz, assistiert von einer bestens informierten Haushälterin. Auch Britten und sein Librettist lassen diesen Figuren wenig Individualität und charakterisieren sie musikalisch gnadenlos als rückständig. Aber jeder Mensch aus Fleisch und Blut hat seine eigenen Vorlieben, Sehnsüchte und Geheimnisse. Diese unter dem Deckmantel der Moral versteckten Bedürfnisse sichtbar zu machen, ist mit ein Ziel der Inszenierung.

Albert, die junge Hauptfigur, tut, was man ihr sagt, bis sie dank Alkohol über die Strenge schlägt. Klingt nach einem Loblied auf den Rausch. Was passiert da wirklich?

Britten zeigt einen angetrunkenen Albert, der sich entschliesst, sein Leben zu verändern. Alles andere erleben wir als einen Bericht, zunächst nur in Form von Ja- und Nein-Antworten, dann in etwas ausgeschmückter Version von Albert selbst. Ist das wirklich passiert? Wir wissen es nicht. Entscheidend ist, dass sich danach der Blick der Erwachsenen auf Albert ändert und sie ihn als gefallenen Engel in Ruhe lassen. Und das ist doch die schöne Botschaft dieser Oper: Die Gemeinschaft ist stärker als die Moralvorstellungen. Hier zerfällt nichts. Man zieht sich wieder in seine Ecke zurück und mosert über die verkommene Jugend. Aber man lässt sich in Frieden. Das ist heute immer noch so und wird auch immer so bleiben. Darin liegt aus meiner Sicht auch Brittens Wunsch nach Anerkennung und Zusammenhalt, denn in  der «Andersartigkeit» eines jeden Menschen steckt auch unsere Gemeinsamkeit.

Der Erwachsenenwelt stehen Repräsentanten der jungen Generation gegenüber: das Liebespaar Sid und Nancy, Albert als der brave Vorzeigejugendliche und drei Kinder. Lassen sich an ihnen auch Grundmodelle einer Haltung herauslesen?

Auf jeden Fall: ja! Die Geschichte bietet einen sehr repräsentativen Einblick in das, was man unter dem Generationenkonflikt versteht. Aus der Sicht des Einzelnen wird dies oft verstanden als ein Phänomen der Verschiebung von Wertevorstellungen und dem allgemeinen Sittenverfall. Dabei handelt es sich um Veränderungen im Leben eines Menschen, die einhergehen mit der Übernahme von Pflichten und Verantwortung. Ein Erwachsener schaut auf die Jugend und sieht darin alles, was er gerade aufgegeben hat. Das ist der Konflikt zwischen den Würdenträgern in Albert Herring und dem jungen Liebespaar Sid und Nancy, die frei von Verantwortungen sich dem Rausch ihrer Gefühle und Hormone hingeben können. Sie werden aber auch irgendwann auf der anderen Seite stehen und auf die ihnen nachfolgende Generation schimpfen. Genauso ist auch Lady Billows zu verstehen: Sie wird mit fortschreitendem Alter an den Rand ihres Umfeldes gedrängt und versucht dies, mit aller Macht und ihrem Reichtum zu verhindern. Andere spielen einfach mit Enkeln.

PRESSESTIMMEN

Den Werdegang vom tumben Toren zum lebenswilligen Jüngling zeichnete Utku Kuzuluk als Albert stimmlich eindrucksvoll nach, während das übrige Ensemble mit Witz und Gespür für musikalische Pointen das Vergnügen perfekt macht. Aus der Personenzeichnung heraus entwickelt sich in Luzern eine temporeiche Inszenierung von Tobias Heyder, die engen Kontakt zur Musik wahrt. Brittens schillernde Klangsprache, die mit vielen Zungen redet und deren Tonfälle – ein Schuss Walzerseligkeit hier, ein wenig Elgar-Pomp dort – der Dirigent Howard Arman mit dem Luzerner Sinfonieorchester genau trifft, bleibt stets Referenzpunkt. Auch hier ein Stilpluralismus sondergleichen.

Tages-Anzeiger, 7. September 2015

 

Heyder schafft in Luzern mit einfachen Mitteln klare Verhältnisse: Neben dem Quadrat aus Steinmauern - das als Sitzbank, Sandkasten und Gemüsestand dient - in der Mitte der Bühne von Stefan Heyne dient ein erhöhter Abschnitt dazu, die Welten der Erwachsenen und der Kinder zu trennen. Der graue Filz der Kostüme von Janine Werthmann vermittelt (britische) couleurs locales, verweist aber auch auf die innere Ermattung im Kollektiv. Heyders Reduktion erlaubt einen Fokus auf all das, was Crozier seinerzeit zwischen die Zeilen geschrieben und Britten musikalisch angedeutet hat: das Unwohlsein des Polizisten, die verführerische Seite der strengen Mutter, die Annäherungsversuche der Lehrerin und ihre Affäre mit dem Bürgermeister.

In Luzern sind die Rollen dieser Gesellschaft am Rande des moralischen Zusammenbruchs überzeugend besetzt: Madelaine Wibom schwingt als unerschrockene Lady Billows zur Erlösung der Jugend ihr Kriegsbeil, das Albert später als Märtyrer kennzeichnet. Caroline Vitale erscheint als strenge Mutter, Carla Maffioletti als wunderbar überspannte Lehrerin, Szymon Chojnacki als verklemmter Polizeichef. Utku Kuzuluk vermag die Wandlung Albert Herrings auch stimmlich darzustellen und hat in Todd Boyce einen selbstsicheren Sid zur Seite. Howard Arman und das zwölfköpfige Ensemble aus Mitgliedern des Luzerner Sinfonieorchesters verleihen dem Gesellschaftsporträt die nötigen scharfen Konturen.

Neue Zürcher Zeitung, 9. September 2015

 

Die Inszenierung von Tobias Heyder bleibt zunächst gefährlich nah am Realismus und spitzt ihn gleich noch einmal zu. Die Witwe als Hüterin bereits marod gewordener Moralvorstellungen, die Lehrerin, Bürgermeister, Pfarrer und Polizist - sie alle sind zugeknöpft in mausgrau-uniformierte Kostüme jener Zeit. Auch die Bühne bedient mit Gemüseauslagen oder Schulpulten putzige Enge. Wenn da nur nicht der Sandkasten als zentrale Spielfläche wäre. Im Schutzraum des Sandkastens nämlich leben auch die Erwachsenen bei Heyder verstohlen ihre Triebe und Sehnsüchte aus. Wenn die Lehrerin hartnäckig dem Bürgermeister nach und zu Leibe rückt oder der Polizeichef mit Herrings Mutter in den Untergrund hinuntersteigt, wird klar, welches Feuer hinter den Fassaden schwelt. (…) Aber die Spannung, die sich dadurch ergibt, bringt ein starkes Gesangsensemble packend zum Ausdruck. Überraschende Akzente setzen zwei ehemalige Ensemble-Mitglieder, die in dieser letzten Spielzeit von Intendant Dominique Mentha noch einmal zu hören sind - Caroline Vitale als fulminante Mutter und Madelaine Wibom als sittenstrenge Lady Billows. Wibom gibt die Witwe nicht nur darstellerisch mit furchterregendem Schneid, sondern mit einer Stimme, die genau den richtigen scharfen Ton findet, wenn sie dramatisch hochfährt und alle in den Senkel stellt. Unter den neueren Ensemblemitgliedern ragen Carla Maffioletti als spitzmäulig-verklemmte Schulvorsteherin und Alexandre Beuchat mit strömendem Bariton hervor.

Neue Luzerner Zeitung, 7. September 2015

 

 

1947 wurde die Oper «Albert Herring» von Benjamin Britten uraufgeführt. Die komische Oper kommt mit einer reduzierten Orchesterbesetzung aus und gilt als eigentliche Kammeroper. Inhaltlich thematisiert das Werk den Generationenkonflikt. Erzählt wird die Geschichte des jungen Albert Herring, der zum Tugendkönig gekürt wird. Die Erwachsenenwelt will damit ein Zeichen gegen die Verrohung der Jugend setzen. Albert Herring ist unter der Fuchtel der Mutter und moralisch zweifelsfrei: trinkt nicht, spielt nicht, flirtet nicht. Bei der Feier zum Tugendkönig mischen seine Schulfreunde Alkohol in die Limonade. Albert Herring gelingt dadurch ein neuer Blick auf die Welt. Er will seine eigenen Erfahrungen machen dürfen.

Radio SRF1, 6. September 2015

 

 

Ein Augen- und Ohrenschmaus; vom Musikalischen über die Kostüme bis hin zum Bühnenbild ist dieser Albert Herring eine überaus gelungene Produktion. (…) Auch stimmlich überzeugt dieser Albert Herring: Madeleine Wibom mit ihren vor Empörung blitzenden Augen ist eine wunderbar aufgebrachte, bigotte Lady Billows und bringt die nötige Schärfe und Schrillheit in ihre Stimme, Utku Uzuluk seinerseits ist ein herrlich naiver, leicht tollpatschiger Albert, der in seinem Gemüseregalen an Lucien aus Amélie de Montmartre erinnert, Carla Maffioletti überzeugt als überspannte Schulvorsteherin mit ihrem verklemmten Lachen und dem untertänigen Getue, verführerisch und unverfroren das Paar Todd Boyce und Marie-Luise Dressen als Sid und Nancy. Das ganze Ensemble ist sehr homogen, keine Stimme fällt ab, das Orchester begleitet und unterstützt hervorragend und die Sängerinnen und Sänger scheinen selber eine diebische Freude zu haben an dieser köstlichen Satire auf scheinheilige Moral und Tugendhaftigkeit.

Innerschweiz online, 6. Oktober 2015

 

 

Das bestens disponierte Luzerner Sinfonieorchester spielt unter der souveränen Leitung von Howard Arman hervorragend. Aus einem Guss die Leistung des Hausensembles, das die holzschnitzartigen Charaktere gesanglich zu lebendigem Ausdruck brachte. Atmosphärisch passend die in monotonem Grau gehaltenen Kostüme (Janine Werthmann) und das Bühnenbild (Stefan Heyne), ein etwas heruntergekommener Hinterhof mit einem zentral aufgestellten Sandkasten, als mögliche Metapher ewig währender gesellschaftlicher Spiele und Rituale auf begrenztem Boden. Die von Tobias Heyder inszenierte Oper wurde vom Publikum begeistert aufgenommen und die ausgezeichnete Leistung des Hauses an der Reuss bejubelt.

Der neue Merker, Oktober 2015