Tanz 11: Snap, Crackle, Pop!

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Luzerner Theater

Tanz 11: Snap, Crackle, Pop!

Choreografien von Maurice Causey und Georg Reischl zu Musik von Gabriel Prokofjew und Michiel Jansen
Uraufführung
Schweizer Erstaufführung
Premiere: 09. März 2013

Mit dem kraftvollen und musikalisch hochwertigen Programm dieses mehrteiligen Tanzabends lernen wir zwei unterschiedliche choreografische Handschriften kennen: Maurice Causey und Georg Reischl, beide langjährig, doch niemals gleichzeitig, als erfolgreiche Tänzer in der Frankfurter Kompanie des Ballettrevolutionärs William Forsythe tätig, haben erstmals die Möglichkeit, gemeinsam zu arbeiten.
 

Der Amerikaner Maurice Causey, seit Februar 2012 zum Hauschoreografen der in Houston, Texas, ansässigen Tanzkompanie «iMEE» berufen, gibt sein Debüt am Luzerner Theater. Er eröffnet das Programm mit seiner neuen Kreation «HOWL», ein effektvolles und vielschichtiges Ensemblestück, das kraftvolle, elektrisierende Gruppenszenen neben technisch präzise ausgefeilte Trios, Duette und Soli stellt. Die rein elektronische Komposition Gabriel Prokofjews, die explizit für dieses Ballett geschrieben wurde, reflektiert die zunehmende Macht, welche elektronische Medien auf unsere moderne Welt ausübt. Pulsierende Beats steigern sich in eine fast unerträgliche Spannung bis sich diese mit einem Knall auflöst. Mit oder stellenweise gegen diese Rhythmen arbeitet die energiegeladene Choreografie Causeys. Visuell angereichert wird «HOWL» mit rauschhaften Videoprojektionen von Martin Grega und fantasievoll - archaisch anmutenden Kostümen Bodo Bregs. Die Kreation «cock-a-doodle-doo», zu Deutsch «Kikeriki», von Maurice Causey ist ein kurzes, gefühlvolles Solostück über die menschliche Eitelkeit.

Georg Reischl, bereits zum dritten Mal am Luzerner Theater engagiert, verbindet in seinem mitreissenden Ensemblestück mit dem lautmalerischen Titel «7, 8.» körperliche Ausdruckskultur wie Schnippen, Klatschen und Singen mit persönlicher Tanzsprache. Dabei dekliniert er die verschiedensten bestehenden Tanzstile, vom rituellen Stammestanz bis hin zum modernen Street Dance. Angepasst an die individuelle Bewegungssprache der Kompanie und die Verhältnisse der Luzerner Bühne entsteht eine Neufassung des umjubelten Werkes, welches bisher erfolgreich mit dem Scapino Ballet Rotterdam und Ballett Mainz aufgeführt wurde. Ferner zeigt uns der Österreicher anhand einer Uraufführung mit dem Titel «zwischen3raum» wie er William Forsythes Formensprache innovativ weiterführt. Die intime Dreierformation lässt in zeitlupenartiger Langsamkeit harmonisch ineinander verzahnte Körperbilder entstehen. Auch Georg Reischl arbeitet in seinen Tanzstücken mit einem Komponisten: der Niederländer Michiel Jansen steuert kräftige Beats zum Ensemblestück «7, 8.», während seine Auftragskomposition für «zwischen3raum» eine intime Atmosphäre schafft.

Die Kompositionen von Gabriel Prokofjew sind herausgegeben von Faber Music Ltd, London. Die Aufführungsrechte der Kompositionen zu Georg Reischls Choreografien liegen bei Michiel Jansen.

GESPRÄCH

Rituale des Alltags vertanzt

Der Choreograf Georg Reischl im Gespräch mit Lucie Machan.

Im Rahmen des dreiteiligen Abends «Tanz 11: Snap, Crackle, Pop!» werden wir eines Deiner Stücke in seiner Schweizer Erstaufführung erleben. Es trägt den verschlüsselten Titel «7, 8.». Was bedeutet dieser?

Den Titel kann man eigentlich nicht schreiben, man muss ihn laut sprechen: Seven, eight! Dieser Ausdruck gilt in der Tanzsprache als Startzeichen oder wird als hörbare Motivation unter den Tänzern verwendet. Die Nummernabfolge als Titel, das lässt sehr viel Freiraum für eigene Interpretationen – genau wie es auch meine Choreografie will.

Das Ensemblestück «7, 8.» ist ein sehr dynamisches und mitreissendes Werk. Was war Deine Inspiration hierfür?

Der Körper in Bewegung fasziniert mich, besonders in Situationen, die wir im alltäglichen Leben und natürlich in der Tanzwelt wiederfinden. Sowie bewusst als auch unbewusst wird Tanz und Bewegung als positiver Motor, Motivation und Kommunikationsmittel eingesetzt. Es ist die zwischenmenschliche Dynamik und die Wichtigkeit des Einzelnen, die mich bei Tanzszenen in Clubs, aber auch im Street Dance und bei folkloristischen Tanzritualen faszinieren. Es geht dabei nicht um Form und Ästhetik, sondern um Teilnahme, die eigene Meinung und Entscheidungskraft im körperlichen Sinne. Der Körper steht im Mittelpunkt und wird zum Thema. Die persönliche Annäherung an die Bewegung ist für mich hier ausschlaggebend. Dynamische Gruppenszenen in symbolkräftigen Formationen werden zu Duos und Soli, die den Tänzer als Individuum in den Mittelpunkt stellen.

Welchen Grund gibt es, dass dies bereits die dritte Version der Choreografie «7, 8.» ist?

Ich arbeite immer sehr eng mit den Tänzerinnen und Tänzern zusammen und bin an choreografischen Prozessen interessiert. Das Stück hat festgelegte Regeln und Strukturen, ist jedoch durch die intensive Teilnahme der jeweiligen Tänzer auch wandelbar und flexibel. Deshalb entsteht immer wieder eine neue Version - oder besser - eine weitere Idee von «7,8.» Und ich habe die Freiheit, in einem sehr konkreten Rahmen auf die Möglichkeiten der Tänzer einzugehen.

Dein zweites Werk, «zwischen3raum», eine Uraufführung für diesen Tanzabend, ist ein intimes Trio und zeigt eine ganz andere Seite Deiner Handschrift …

Entschleunigung und Langsamkeit sind die Motivation für «zwischen3raum». Die dargestellte Dreierbeziehung ist eine rein körperlichen. Es geht nicht um psychologische Inhalte einer Beziehung, sondern um körperliche Definition der Tänzer durch den jeweiligen Partner und die dadurch resultierende Abhängigkeit von Zeit und Raum. Alles was sich räumlich gesehen zwischen den drei Tänzern befindet, wird wichtig und definiert die Bewegungsabläufe und die Komplexität der einzelnen Körper.

Mit welcher neuen Komposition überrascht uns Michiel Jansen hierfür?

Michiel Jansen und ich arbeiten noch an der Komposition. Im Gegensatz zu «7,8.» wird «zwischen3raum» leiser und subtiler, denke ich. Aber lassen wir uns hier doch überraschen!

PRESSESTIMMEN

«Die ausserordentliche Qualität der Compagnie von Kathleen McNurney erstaunt stets von neuem. Und es ist zu hoffen, dass das Luzerner Publikum weiss, welch ungewöhnliche Kostbarkeit es an seinen Tanzabenden vorgesetzt bekommt. Zu verdanken ist das der ehemaligen Ballettmeisterin bei Richard Wherlock und Heinz Spoerli, die seit 2009 den Tanz am Luzerner Theater leitet. Kathleen McNurney hat exzellente junge Tänzerinnen und Tänzer nach Luzern verpflichtet, und sie kann sie halten, weil sie ihnen ein sehr kreatives Arbeitsfeld bietet. In Luzern werden nicht einfach bereits bewährte Stücke nachgespielt, sondern immer wieder neue kreiert».
Neue Zürcher Zeitung, 13.3.2013

«Sowohl der Amerikaner Maurice Causey wie auch der Österreicher Georg Reischl waren einst Tänzer beim grossen Ballettrevolutionär William Forsythe in Frankfurt. Forsythe, der Bewegungscodes und Körperimpulse minutiös dekonstruiert und zu einem oszillierenden Tanzgeschehen gestaltet, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Choreografen. Causey und Reischl sind deutlich von den Prinzipien des Forsythe’schen Stils geprägt. Gleichzeitig gelingt es ihnen, eine eigene und eigenwillige Tanzsprache zu kreieren. Beide Choreografen entwickeln Tanzschritte als blitzschnell wechselnde Muster im Raum. Jede Regung wirkt so, als würde sie ganz aus dem Augenblick entstehen, die Tanzenden scheinen durch feinsinnige Antennen miteinander verbunden zu sein. Bewegungsimpulse mäandern durch die Körper, als wären diese keiner Schwerkraft unterworfen.
Bei so viel differenzierter Ausdruckspräzision bietet es sich an, die Musik eigens dazu komponieren zu lassen. Maurice Causey hat dazu den jungen britischen Komponisten Gabriel Prokofjew gewählt, der elektronische Klangebenen und Hallpartikel so aufeinanderprallen lässt, dass dramatisch sich wandelnde und zerklüftete Klanglandschaften entstehen. In Causeys Choreografie ‹Howl›, als Uraufführung speziell für das Luzerner Ensemble kreiert, entfalten sich verzerrte und raumgreifende Schritte und Gesten, die durch eigentümliche Eleganz und Impulsivität faszinieren. Das explosive, futuristisch anmutende Zusammenspiel der Tanzenden zeigt eindrückliche Körperbilder von Kampf und Sehnsucht; der Titel ‹Howl› bezieht sich auf Geheul der Revolte und des Schmerzes.
Eine ironische Note erhält Maurice Causeys pointierte Tanzsprache im Solo ‹cock-a-doodle-doo›, in welchem die Tänzerin Rachel Lawrence bei der Premiere am Samstag brillierte. Mit Charme und dynamischer Ausdruckskraft zeigt der Tanz ein augenzwinkerndes Kokettieren mit dem Blick des Publikums. (…) Georg Reischl arbeitet mit dem niederländischen Komponisten Michiel Jansen zusammen, der quirlige oder grossmaschige Klangfigurationen kreiert, welche den tanzenden Körpern zu entspringen scheinen. Im speziell für Luzern kreierten Stück ‹zwischen3raum› begegnen sich zwei Tänzer (Davidson Farias, Ihsan Rustem) und eine Tänzerin (Cecilia de Madrazo Abad) zart und suchend, als würden sie dabei von ihren filigranen Innenwelten oder von unterschiedlichen Aggregatszuständen des sie umgebenden Raumes geführt. Ganz anders ‹7,8›, das Reischl einst für das renommierte ‹Scapino Ballet› kreierte und nun für das Luzerner Ensemble neu gestaltet hat: Auf blitzgescheite, überraschend vielschichtige Art und Weise versteht es Reischl, das Phänomen Tanz auf dessen zündende Codes und gruppendynamische, archaische Kraft hin zu untersuchen. Individuelle Bewegungslust scheint sich kaleidoskopähnlich in der ganzen Gruppe zu vervielfältigen. Streetdance, Bühnenkunst, ritueller Tanz und Improvisation verbinden sich zu einer faszinierend eigenwilligen Mischung, die das Publikum am Schluss des Tanzabends beschwingt und bewegt aus dem Theater entlässt.
Ein wunderbarer Tanzabend mit einem grossartigen Tanzensemble. Das Premierenpublikum vom Samstag bedankte sich mit frenetischem Applaus.»
Neue Luzerner Zeitung, 11.3.2013 

«Das Luzerner Tanzensemble beweist einmal mehr seine Vielfältigkeit im tänzerischen Ausdruck. In modernen Choreographien kommt dies speziell gut zum Tragen. (…) Da spielen die Tänzerinnen und Tänzer ihre grossen Stärken aus: Präzision in der Beweglichkeit und Tiefe im Ausdruck. Wenn sie alle zusammen die Bühne ausfüllen, kann man sich der Kraft nicht mehr entziehen. (…) ‹Snap, Crackle, Pop!› ist moderner Tanz wie er sein sollte - mit Bildern, die einen mit einer ganz eigenen Bewegungssprache in ihre Stimmung hineinziehen.»
Radio SRF 1, 10.3.2013 

Anmerkungen des Komponisten Gabriel Prokofjew

Die wichtigste Inspiration für das Ballett «HOWL» ist der soziopolitische Aufruhr der letzten Jahre: die Proteste, die Kriege und die Revolutionen. Das Werk ist eine teilweise abstrakte Untersuchung der Kräfte und Emotionen, die diese Ereignisse ausgelöst haben. Die ausschliesslich elektronische Partitur zeigt wie Elektronik und Computersysteme eine neue Welle politischer Äusserungen erleichtern. Die Art und Weise wie neue Technologien viele vorher nicht gehörte Menschen nun stärken, ist sehr spannend. Wer hätte denn erwartet, dass Facebook, Twitter und Skype helfen können Revolutionen zu erleichtern?

Es ist auch kein Zufall, dass – obwohl Maurice Causey und ich uns über unsere jeweilige Kunstform bereits seit zwei Jahren kennen – wir uns persönlich nicht vor letztem November kennenlernten. Ich hatte von Maurices Choreografien nur youtube-Videos gesehen und er hatte meine Musik nur als i-tunes heruntergeladen; unser erstes «persönliches» Treffen erfolgte über Skype!

Das erste Mal seit über zehn Jahren kehrte ich nun vom Komponieren klassischer Partituren zurück zu reiner elektronischer Musik. Dies war eine sehr aufregende Reise für mich. Meine Hauptgeräuschquelle war ein «klassischer» Arp Odyssey Synthesizer, der in den frühen 1970er Jahren hergestellt wurde. Er hat einen besonders vollen Ton, einen extrem starken Filter und ist selbstschwingend. Verschiedenste Motive, Geräusche und Klänge in meinem Computer wurden von mir stark bearbeitet, in eine Reihenfolge gebracht und auf mehrere Spuren gelegt. Ich konzentrierte mich hauptsächlich darauf, die Klänge digital zu beeinträchtigen, genau wie die digitalen Signale von Handys, youtube-Videos und Anrufen auf Skype oft verfälscht und beeinträchtigt sind. Bis jetzt habe ich mich bemüht, trotzdem ich elektronische Klänge verwende, äusserst ausdrucksstarkes Material zu erzeugen: Rhythmen und Gesten, die eine Seele besitzen und manchmal eine verzweifelte, treibende Energie.

Die Verwendung von Elektronik erlaubt mir auch gewisse kompositorische Effekte, wie Micro-Tuning und das feine Übereinanderlegen vieler verschiedener Tempi gleichzeitig. Manchmal habe ich auch mit unserer eigenen Zeit- und Tempoerfahrung gespielt, indem ich schnelle Schläge gegen langsamere Tempi setzte und so ein Gefühl von Zeitstillstand hervorrufe, ein Gefühl, welches wir in aufrührenden Momenten unseres Lebens spüren. Die treibenden Kräfte dieses Werkes sind gegenüber die vielzähligen Verfälschungen gestellt, die uns Computertechnologien und die digitale Welt aufzwingen … denn durch all die Schaltsysteme hindurch dringen die Schreie, das Weinen und das Trommeln, so wie die letzten Jahre viele Millionen Stimmen es taten und es auch weiterhin tun werden …

Gabriel Prokofjew, im März 2013

Lesen Sie hier noch ein Interview mit Gabriel Prokofjew in der Neuen Luzerner Zeitung.

 

 

Medienpartner: Zentralschweizer Fernsehen Tele 1

Tanz Luzerner Theater wird freundlicherweise unterstützt von den TANZfreunden Luzerner Theater und der Daria Nyzankiwska Dance Foundation.