Schmutzige Schöpfung – Making of Frankenstein

UG

Schmutzige Schöpfung – Making of Frankenstein

Schauspiel von Thomas Melle
Schweizer Erstaufführung
Premiere: 30. August 2014

Das UG verwandelt sich in dieser Saison in einen Salon der Schauergeschichten.
Den Auftakt bildet eine brandaktuelle «Frankenstein»-Version des Dramatikers Thomas Melle. Der junge Wissenschaftler Viktor Frankenstein will seinen Studien die Krone aufsetzen und schafft aus totem Material ein neues Lebewesen. Seine Hybris wird mit der Rache des von ihm geschaffenen Monsters bestraft. Viktor entwickelt eine wahnhafte Utopie vom neuen Menschen: «Bald wird es keinen Unterschied mehr geben zwischen altem und neuem Menschen, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Dann gibt es nur noch eine Gattung: die Posthumanisten.»

Ausgehend von Mary Shelleys Roman «Frankenstein oder Der moderne Prometheus», den sie 1816 in Genf verfasste, schrieb Thomas Melle ein Stück, das mit verschiedenen Realitätsmöglichkeiten spielt: Wer ist eigentlich Mensch und wer Monster? Wie formbar ist der Mensch? Melle schlägt eine Brücke von Frankensteins Wissensdrang zu den gegenwärtigen Versuchen des «Human Enhancement», Bestrebungen der medizinischen Forschung, den Körper über seine natürlichen Grenzen hinaus zu optimieren. Eine heitere Parodie auf den perfekten Menschen.

Thomas Melle ist Autor von erzählerischen Werken, Gedichten, Theaterstücken und Hörspielen. 2006 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil; sein hochgelobter Roman «Sickster» wurde für den Deutschen Buchpreis 2011 nominiert.

 

Einen kurzen Trailer zur Inszenierung finden Sie HIER

PRESSESTIMMEN

Johanna Wehner hält sich bei der Schweizer Erstaufführung von Schmutzige Schöpfung weitgehend an die von Thomas Melle gelieferte Vorlage, lässt einzig den etwas wirren Handlungsstrang der Filmproduktion weg. Melles Vorlage parodiert den modernen Menschen in seinem Streben nach perfekter Unvergänglichkeit bitterböse. Und so werden in der Arena die Grenzen des Menschen ausgehandelt. Wann ist es legitim, in die Schöpfung einzugreifen? Für Viktors Mutter (Bettina Riebesel) gibt es, was ihren Körper angeht, keine Grenzen. Ihr Leben: ein vom Chirurgen orchestriertes Sägen, Saugen und Schwitzen. Ganz gelassen ist hingegen Viktors einziger Freund Henry (Samuel Zumbühl), der nicht glaubt, dass man das Leben verändern kann und sich auf Viktors Frage, was er sich anders wünsche, zuerst keine Antwort weiss, sie aber später doch noch nachliefert: «Eigentlich hätte ich nur gern andere Freunde». Viktor und Henry gleichen so den ungleichen Werther und Albert aus Goethes «Die Leiden des jungen Werthers». Mit dem Leidenschaftlichen und dem Gelassenen treffen zwei Lebensarten aufeinander, die sich nicht vereinen lassen. Im Mittelpunkt des Abends steht damit die Diskussion über das Andere. Ob als Wunsch an seinem Körper oder seinem Leben und schlussendlich auch im Umgang mit dem Anderen, dem Fremden.

kulturteil.ch, 31. August 2014

 

Mit «Schmutzige Schöpfung - Making of Frankenstein» hat das Luzerner Theater am Samstag im UG die Saison eröffnet. Thomas Melles etwas verworrene Variante der Gruselstory, von Johanna Wehner verschroben inszeniert, gefiel. Der frühere Gelegenheitsarbeiter und ewige Student Viktor ist ganz ausser sich, denn nach zwei Jahren Obsession steht die Erweckung «seiner» Kreatur bevor. Diese tritt denn bald auch herein in die Arena, die von einer Art eisernem Rohbau umgeben ist, der auch ein Tierversuchskäfig sein könnte. «Nee» lauten die ersten Worte des künstlichen Menschen. Er will gleich wieder abhauen. Auch Viktor hat sich das anders vorgestellt. Er verstösst sein Abbild der «schmutzigen» Erscheinung wegen. Das widerspricht freilich der Optik, das Monster ist nicht dreckig, sondern nur unvorteilhaft gekleidet. Nämlich so wie sein Schöpfer in kurzer Hose, mit Brockenhaus-Überpulli und Crocs. Im Verlauf des Abends wird das Monster sein Erscheinungsbild verbessern und am Schluss im Businessanzug dastehen, während alle «richtigen» Menschen, immer noch in unmöglichen Outfits stecken.

Neue Luzerner Zeitung / sda, 1. September 2014

 

Der Kernpunkt des Klassikers «Frankenstein» von Mary Shelley ist das Streben nach dem perfekten Menschen. Und darum geht es auch in «Schmutzige Schöpfung – Making of Frankenstein». Der verrückte Professor sieht jedoch ganz anders aus als die 200-jährige Romanfigur. Mit seiner wilden zerzausten Frisur, farbig schrillen Kleidern und seiner verkorksten Art sich zu bewegen ähnelt Viktor einem postmodernen Hipster, der völlig übergeschnappt ist. Der Mensch ist daran, sich neu zu erschaffen. Er kämpft gegen den körperlichen Zerfall, strebt nach dem Perfekten. So wie die Mutter von Viktor Frankenstein, welche gegen das Alter und den Zerfall ankämpft. So wie die Sucht nach dem perfekten Körper sich verselbständigt, verselbständigt sich auch das Retortenwesen, welches Frankenstein erschaffen hat. Es beginnt zu morden und bringt alles durcheinander. Kernaussage des Original-Stücks «Frankenstein» hat also heute, fast 200 Jahre später, eine erschreckende Aktualität. Damit wird in der neuen Version von Thomas Melle alles in allem gekonnt gespielt. Die Schauspieler des Luzerner Theaters, welche einmal mehr eine super Leistung zeigen, aber auch die schrillen, farbigen Kleider und die sehr absurden und teilweise auch sehr witzigen Dialoge treiben den Wahnsinn auf die Spitze.

Radio SRF1, 31. August 2014

 

Clemens Maria Riegler spielt den Viktor höchst überzeugend, die Ungeduld, die steigende Verzweiflung, der Wahn sind fast greifbar und lassen einen irgendwie atemlos, während sein Freund Henry (Samuel Zumbühl) in seinen gemusterten Leggings und dem goldenen Hemd aalglatt daher kommt und wichtigtuerisch seine Weisheiten verteilt. Dagmar Bock ist eine fragile und trotzdem selbstbewusste Betty, die weiss was sie will. Bettina Riebesel als verlebte Mutter, in völlig unvorteilhaftem und in farblich kaum auszuhaltendem Kostüm bedrückt, befremdet und stösst ab. Jörg Dathe spielt das Monster anfänglich als Ebenbild seines Schöpfers, etwas verloren, verunsichert, wird aber zusehends kühler, berechnender, seine Stimme wird tiefer, seine Kleider werden immer gepflegter, bis er schlussendlich der einzig „normalgekleidete“ ist auf der Bühne. Die Nähe der Schauspieler tut das ihre; man sieht die Schweissperlen, die kalten Blicke, überschminkten und rot-verschmierten Lippen so nahe vor sich, dass dies dem Stück eine zusätzliche Dimension gibt. Eine Inszenierung, welche beim mehrheitlich jungen Publikum auf viel Begeisterung stiess.

www.innerschweizonline.ch, 14. September 2014