Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

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Luzerner Theater

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Theaterstück von Edward Albee
Premiere: 11. Januar 2012

«Wer hat Angst vor dem bösen Wolf» ist ein Lied, das Kinder singen, wenn es dunkel wird – ein Lied gegen die grosse Beklemmung kleiner Herzen. Die Erwachsenen haben daraus einen akademischen Salonscherz gemacht. So wird aus dem Wolf im Lied die Autorin Virginia Woolf. Doch hinter dem intellektuellen Witzchen der Erwachsenen ist die Kinderangst lebendig geblieben. Knapp hinter der Fassade nagt die Furcht davor, allein zu sein und gefressen zu werden.

Ein amerikanisches College um zwei Uhr morgens: Das Akademikerehepaar Martha und George kommt angetrunken von einer Campus-Party nach Hause. Sie, die ältere der beiden, ist die Tochter des College-Präsidenten, er ist Geschichtsdozent ohne nennenswerte Aussichten auf eine weitere Karriere. Seit zwanzig Jahren sind die beiden verheiratet, fast ebenso lange üben sie sich in der Kunst der Lebenslüge und der gegenseitigen Erniedrigung. Als Martha ihrem Mann die Ankunft später Gäste ankündigt, erhält der Streit der beiden ein neues Publikum. Der junge Biologieprofessor Nick und seine Frau Honey werden unfreiwillig zu Zuschauern der verletzenden Wortgefechte – und geraten bald mitten hinein in die unübersichtlichen Fronten der nächtlichen Zimmerschlacht.

Das berühmteste und meistgespielte Theaterstück des 1928 geborenen amerikanischen Autors Edward Albee ist vieles zugleich: eine turbulente Wohnzimmerkomödie, ein brillantes Konversationsstück, ein wildes Psychodrama und – nicht zuletzt – ein Fest für vier Schauspieler. Der mit Elizabeth Taylor und Richard Burton verfilmte Bühnenklassiker ist in Luzern in einer Neuinszenierung von Stephanie Mohr zu erleben.

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseurin Stephanie Mohr in der Neuen Luzerner Zeitung vom 9.Januar 2012.

PRESSESTIMMEN

« Es ist ein Stück grosses Schauspielertheater, kräftig direkt in Sprache und Geste. Bettina Riebesel zieht als Martha alle Register, zwinkert mit den Augensäcken, funkelt mit den Augen, schlägt die Beine herausfordernd übereinander, ist vulgär und virtuos perfid. Christian Baus verliert als George kaum die Beherrschung, versprüht kalten Hohn. Hajo Tuschy prallt als Nick an diesem Überlegenheitsmonster ab, mit staunend aufgerissenen Augen, naiv, bis er der Bosheit gewahr wird. Juliane Lang als sein «Schätzchen» lässt die ahnungslos Strahlende plötzlich in den Abgrund blicken, fällt vom Erkennen wieder ins Verdecken und Täuschen. Theater bis zum Erschöpfungspunkt.»
Neue Luzerner Zeitung, 13.Januar 2012

«  Das Stück steht und fällt mit der schauspielerischen Besetzung. In der Inszenierung von Stephanie Mohr am Luzerner Theater kann man da getrost auf das eigene Ensemble setzen: Bettina Riebesel als Martha und Christian Baus (George) geben sich hervorragend!»
Kulturteil.ch, 12.Januar 2012

«Was folgt, ist ein schamloser Schaukampf vor dem nächtlichen Besuch. Unsterblichkeit erlangte dieses Gefecht 1966 im Kino. Das virtuose Spiel von Richard Burton und der glamourösen Liz Taylor zeigte aber weit mehr als ein Ehedrama. Es stellte die schmerzvolle Austreibung aller Lebenslügen zur Schau, um nebenbei mit dem American Dream abzurechnen (…) Heute, ein halbes Jahrhundert später, möchte Stephanie Mohr «das noch immer Gültige im Stück» betonen. Die Grundthemen seien noch genauso wichtig wie damals. Nicht nur deshalb lässt sie den Klassiker aller Sofakriege niemals zur Beziehungsklamotte verkommen. Mohr schuf eine rhythmisch ausgewogene Inszenierung zwischen Schwelen und Ausbruch, ein «Fest für die Schauspieler». Riebesels Martha ist furios. Erst von allem zu viel, dann hungernd nach Beachtung, letztlich erstickt in Trauer. Bitter-zynisch der George von Christian Baus: vom Weglächeln zur offenen Brutalität zurück zu verweigerter Zärtlichkeit. Tuschy und Lang fügen sich dieser Hoffnungslosigkeit gekonnt. Zwischen Opportunismus, Einfalt und Feigheit verschliesst sich ihre Jugend vor der Wahrheit. Die Tragödie ist perfekt.»
Basler Zeitung, 13.Januar 2012 


 
 

Zum Autor

It's the «of course» that gets me down

Der Autor Edward Albee

Der Beginn von Edward Albees Biographie liest sich wie ein modernes amerikanisches Märchen: Er kommt am 2. Mai 1928 – einige Monate vor Beginn der «Grossen Depression» – in Washington D.C. als uneheliches Kind zur Welt. Bereits zwei Wochen nach der Geburt wird der unerwünschte Sohn zur Adoption freigegeben und von dem kinderlosen New Yorker Millionärsehepaar Reed und Francis Albee adoptiert; von seinem neuen Grossvater, dem Mitbesitzer einer Kette von Vaudeville-Schauspielhäusern, erbt der Junge seinen Vornamen und das Interesse an der Bühne. Edward Albee beginnt früh zu schreiben und wächst nach eigenen Angaben unglücklich und einsam, dafür in einem sehr exklusiven Millieu auf: «Ich konnte schon schwimmen und reiten, als ich gerade laufen gelernt hatte», äusserte er in einem Interview. Auch die Musik beeinflusst ihn früh: «Ich habe mich seit meiner Kindheit in der einen oder anderen Weise mit Musik beschäftigt … Und ich denke, oder besser: ich fühle, dass es da eine Beziehung gibt … und dass meine Stücke, wenn sie gut sind, Musikstücken ähneln».

Im Jahr 1948 überwirft sich Albee nach einer rebellischen Jugend und zahllosen Verweisen von Internatsschulen und Colleges endgültig mit seinen Adoptiveltern und zieht entgegen deren Wunsch ins New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village, um «Schriftsteller zu sein», wie er selbst bekannte: «Ich habe nicht beschlossen, Schriftsteller zu werden, sondern mit der gesunden Unbescheidenheit, die in der Kunst in diesem Land gefordert ist, entschied ich, Schriftsteller zu sein». An die Stelle durchschlagender Erfolge treten indes zunächst eine Vielzahl von Gelegenheitsjobs. Albee arbeitet als Laufbursche, Schallplattenverkäufer, Buchhandelsgehilfe, Kellner, Barmann und Telegraphenbote. Daneben schreibt er Prosa, Gedichte und – auf einen Rat von Thornton Wilder hin – zunehmend Theaterstücke: «Wilder sagte mir, ich solle Stücke schreiben. Vielleicht meinte er aber auch nur, ich solle mit den Gedichten aufhören».

A Play on Broadway

Im Jahr 1958 verfasst Albee am Küchentisch seiner bescheidenen Wohnung den Einakter «The Zoo Story». Der Text wird am Tag vor seinem 30. Geburtstag fertig – und Albee hofft, nun endlich «seinen» Beruf gefunden zu haben. Er schickt das Stück an mehrere New Yorker Produzenten, stösst aber rundweg auf Ablehnung. Über Umwege gelangt der Text nach Zürich, wo Pinkas Braun ihn – ohne einen Auftrag dafür zu haben – ins Deutsche übersetzt. Am 14. Januar 1959 feiert «Die Zoogeschichte» im Beisein des Autors auf der Werkstattbühne des Berliner Schillertheaters Premiere. Nach dieser erfolgreichen Uraufführung wird das Stück auch am Off-Broadway in New York gezeigt. Trotzdem bleibt bei Albee ein latentes Misstrauen gegenüber dem amerikanischen Theaterbetrieb zurück: «Ich würde», so schreibt er einige Jahre später, «wenn ich zum Beispiel in dieser Woche ein Stück am Broadway sehen wollte – und der ist immerhin das Theaterzentrum der Vereinigten Staaten – keine Stücke der folgenden Dramatiker sehen können: Shakespeare, Sophokles, Racine, Wilde, Shaw, Ibsen, Strindberg oder Tschechow; auch keine Stücke von Brecht, O’Neill, Pinter, Tennessee Williams oder, beispielsweise, keinen meiner eigenen Texte».

Im Jahr 1960 trägt sich Albee mit den ersten Ideen für das Stück «The Exorcism», dessen Titel er später in «Who’s Afraid of Virginia Woolf» ändern wird: «Beim Stückeschreiben ist das erste, was ich entdecke, dass ich eine Idee mit mir herumtrage ... Dann bringe ich zwischen sechs Monaten und zwei Jahren damit zu, diese Idee sich entwickeln zu lassen, ohne irgend etwas an der Schreibmaschine zu tun. Deshalb kann ich sagen, dass ich 1960 an der Geschichte von «Wer hat Angst vor Virginia Woolf» schrieb, als ich tatsächlich noch gar nicht mit dem Schreiben angefangen hatte. Das geschah, glaube ich, erst im Sommer 1962.» Bereits im Oktober desselben Jahres findet die Uraufführung statt; sie erntet beides: begeisterten Beifall und energische Ablehnung. Albee wird für den Pulitzer-Preis vorgeschlagen, doch Teile der Jury, denen das Stück als schmutzig, unamerikanisch, homophil, zynisch, frivol und unter keinen Umständen preiswürdig gilt, treten aus Protest zurück. Auch der auf diese Entscheidung folgende Presseeklat macht das Stück populär und schliesslich zur Produktion der Saison.

I've seen your play

1966 kommt die Spielfilmversion des Stücks in der Regie von Mike Nichols in die Kinos; Liz Taylor und Richard Burton spielen die Hauptrollen. Der Film erhält begeisterte Kritiken und fünf Oscars und verhilft auch dem Autor Albee vollends zum internationalen Durchbruch. Mit «Tiny Alice» (1964), «Everything in the Garden» (1967), «All Over» (1971), «The Lady from Dubuque» (1980) und «The Man Who Had Three Arms» (1983) folgen regelmässig weitere Stücke, die nicht dem Broadway, sondern der Tradition eines Eugène Ionesco oder Samuel Beckett verpflichtet sind. Auch Phasen des Alkoholexzesses und persönliche Krisen prägen die Biographie dieser Jahre. Für «A Delicate Balance» (1966), «Seascape» (1975) und «Three Tall Women» (1994) erhält Albee als einziger zeitgenössischer Dramatiker dreimal jenen begehrten Pulitzerpreis, der ihm für seinen grössten Bühnenerfolg im Jahr 1962 verwehrt geblieben war. Auch eines seiner jüngeren Stücke «The Goat or Who is Sylvia» (2002) erhält den Tony Award und – nach der von Andrea Breth inszenierten deutschen Erstaufführung am Burgtheater Wien – den Nestroy-Preis.

Trotz dieser Auszeichnungen scheint die Theaterkritik seit dem Welterfolg von «Who’s Afraid of Virginia Woolf?» auf ein zweites unstrittiges Meisterwerk aus Albees Feder zu warten – und während der Autor sich im subventionsgeschützten deutschen Theater seit Jahrzehnten erfolgreich gegen das Vergessen stemmt, stehen er und sein einzig richtiges «well-made play» in den USA immer wieder im Verdacht eines «one-hit wonder». Jedes neue Stück wird an dem vermeintlichen Urtext gemessen und meist – in der einen oder anderen Hinsicht – zu einer weniger brillanten Spielvorlage erklärt. So kann es kaum erstaunen, dass auch der Autor selbst ein ambivalentes Verhältnis zu jenem (mutmasslich) einmaligen Geniestreich hat, der ihm einen festen Platz in der Geschichte des amerikanischen Dramas sichern wird: «In gewisser Hinsicht finde ich es deprimierend», so Albee schon im Jahr 1964, «wenn die Leute zu mir kommen und mir erzählen: ‹Ich habe ihr Stück gesehen. Es war toll! (oder: es war schrecklich!)›. Bei diesen Gelegenheiten lautet meine schnippische Antwort meistens: ‹Welches Stück?› Dann läuft ein kurzer Anflug von Verwirrung über die Gesichter der Leute, bevor sie mir – als wäre ich bescheuert – zur Antwort geben: ‹Wer hat Angst vor Virginia Woolf natürlich› – und es ist dieses Wörtchen ‹natürlich›, das mich irgendwie fertig macht.»

Bernd Isele 

Patronat: theaterclub luzern