«Ich will mein Publikum herausfordern»
Er ist berühmt für seine brutalen Charaktere und schockierenden Geschichten und er hat zwei Kinder umgebracht – mindestens. Das eine erstickt, das andere in einem Pinguin-Pool im Zoo ertränkt. Dazu kommen homophobisch motivierte Schlägereien, eine Gruppenvergewaltigung und zahlreiche kriminelle Betrügereien sowie Hintergehungen. Alles fiktionale Verbrechen – natürlich – Teil des überaus produktiven Schaffens des Autors Neil LaBute.
Seinen ersten Stücken warfen die Kritiker unter anderem Frauenfeindlichkeit vor, trotz seiner meist schäbigen und willensschwachen männlichen Protagonisten. «Let’s hurt somebody», lass und jemandem wehtun, schlägt der unangenehme Antiheld seines Debütfilms «In the Company of Men» vor, um danach aus einer Art sportlichen Herausforderung heraus eine taube Arbeitskollegin zu verführen und sie anschliessend abzuservieren. «bash», LaButes Stücktrilogie moderner griechischer Tragödien, brachte ihn in Konflikt mit der Mormonenkirche, der er selbst sowie die Protagonisten der Trilogie angehörten. LaBute ist seither aus der Kirche ausgetreten.
Doch trotz oder gerade wegen seines Talents, Probleme zu generieren und Kritiker auf sich zu hetzen, werden LaButes Stücke mehr gespielt als viele andere zeitgenössische amerikanische Dramatiker – vergleichbar mit seinen Idolen Harold Pinter und David Mamet. LaBute ist eine freundliche Persönlichkeit, für einen Serienkiller sogar beinahe zimperlich. «Doch wenn ich weiss, etwas ist real, werde ich sehr nervös, ich kann noch nicht einmal einen Dokumentarfilm über Tierversuche ansehen». Seine ruhige und höfliche Art lassen eine im Dunkeln verborgene Seele mit ungeahnten Tiefen vermuten – welches mysteriöse Trauma, fragt man sich, kann LaBute zu seinen Geschichten inspirieren? Wie viel LaBute steckt in seinen teils schaurigen Charakteren? «Um solche Charaktere zu kreieren, wie ich es tue, muss es mir möglich sein, mich in sie hineinzuversetzen. Was mich interessiert, ist der Versuch, diese Person zu verstehen, über die ich schreibe. Es ist nicht die Tat, die mich vordergründig interessiert, sondern wie ein Charakter sie rechtfertigt.Das fasziniert mich.» LaBute denkt nicht daran, Geschichten mit Happy End zu schreiben, das Gründgerüst seiner Stücke ist die Ironie. Seine Charaktere, sagt er, sind alle von dem Bedürfnis getrieben, ihre Tat zu gestehen. «Die Polizei würde dir folgendes sagen: es gibt schlaue Mörder, dumme Mörder, nette Mörder oder Menschen ohne jegliches Mitgefühl, aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben das dringende Bedürfnis, ihre Tat mitzuteilen. Es ist faszinierend, wenn meine Charaktere zum Publikum sprechen: ‹Ich werde Ihnen jetzt etwas erzählen, das ich meinem Partner nicht erzählen würde›, ‹die Person neben mir wird niemals wissen, dass ich es getan habe.› Das ist grossartig. Ich liebe es.»
Gespräch zwischen Tim Walker und Neil LaBute, In: The Independent, Februar 2011