Worte Gottes

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Luzerner Theater

Worte Gottes

Dörfliche Tragikomödie von Ramón María del Valle-Inclán
Aus dem Spanischen übersetzt von Fritz Vogelgsang
Schweizer Erstaufführung
Premiere: 02. März 2012

Die «erdig trübe, barfüssige Schattengestalt» Juana la Reina besitzt nicht viel. Ihr einziges Kapital ist ihr Sohn, ein wasserköpfiger Zwerg, den sie auf Jahrmärkten zur Schau stellt. Die Kreatur, die sabbernd und fauchend in einem Schweinetrog auf Rädern sitzt, ist eine kleine Goldgrube, die den Neugierigen und Barmherzigen immer wieder Almosen aus der Tasche lockt. Als Juana stirbt, entbrennt ein Streit um das lukrative Erbteil. Die beiden Schwägerinnen, denen «el idiota» nun zufällt, einigen sich schliesslich darauf, abwechselnd mit ihm über Land zu ziehen. Doch während die eine nur schlecht verdient, geht die andere ganz und gar in der Vermarktung des Elends auf – und nutzt obendrein die Möglichkeit, aus dem Bett ihres Mannes in die Arme des Gauners Lucero zu flüchten …

Geboren im Jahr 1866, gestorben 1936, zählt der Autor Ramón María del Valle-Inclán in seiner Heimat Spanien zu den bedeutendsten Wegbereitern der literarischen Moderne. Was er in seinen Stücken zu Papier bringt, sind pralle, barocke, dem Volkstheater abgelauschte Geschichten: archaische Dorfwelten zwischen katholischer Litanei und heidnischem Aberglaube – eine dramatische Ursuppe, bevölkert von grellen, schwermütigen und zwielichtigen Gestalten, aber auch von sprechenden Hunden, gefiederten Propheten und haarigen Bocksgeistern.

Im deutschsprachigen Raum sind Valle-Incláns Theatertexte bisher weitgehend unbekannt geblieben: Das 1920 entstandene Stück «Worte Gottes» ist in Luzern als Schweizer Erstaufführung zu erleben. Neben dem gesamten Schauspielensemble stehen dabei auch Mitglieder von Luzerner Laienspielgruppen mit auf der Bühne.

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur und Schauspielleiter Andreas Herrmann. 

PRESSESTIMMEN

«Es ist ein Lebensfest. Ausgelassen tanzen die Dorfbewohner, werfen ihre Arme und Beine in die Luft, Musikanten spielen auf und feuern sich gegenseitig an, der Aldcordeonspieler (Alan Bern) treibt den Takt höher, presst den Balg und zieht ihn weit. Klatschen, Johlen, Singen, es ist die reine Lust und Lebensfreude. Zusammen mit Spielern aus Innerschweizer Theatervereinen kosten die Schauspieler des Luzerner Theaters die satten und deftigen Szenen der «dörflichen Tragikomödie» «Worte Gottes» des galizischen Dramatikers Ramön del Valle-Inclän (1866-1936) aus. Das Stück zeigt die Menschen, wie sie nach ihrem Glück streben, mit Frömmelei oder Gaunerei nach ihrem Vorteil gieren, getrieben vom Verlangen, aus dem dumpfen Dasein auszubrechen, ein Stück Himmel auf Erden zu erhaschen, Liebe zu finden - oder wenigstens Befreiung vom Drang, nicht allein zu sein. Mitten unter ihnen vegetiert Laureano (fern der Karikatur: Samuel Zumbühl). (…) Andreas Herrmann nutzt die Vitalität des Volkstheaters, die die 18 Mitspieler aus den Theatervereinen mitbringen. Die Spieler aus dem Ensemble des Luzerner Theaters fügen sich stimmkräftig ein in das Lebensfest, tragen das Pathos mit und grundieren auf der Bühne von Max Wehberg (mit Pappe- Grabsteinen und Stahlrohrkirche) den Abgesang auf Menschlichkeit und Moral mit dunkler Kraft. Wie böse Komik sein kann, zeigt Hajo Tuschy als Miguelin. Hans-Caspar Gattiker als Lucero gibt den skrupellosen Verführer, Jörg Dathe als Küster Pedro den lautstark verzweifelten gehörnten Ehemann, der zuletzt aus seinem Glaubenshalt dennoch zur Verzeihung findet. Wiebke Kayser zeigt als Mari-Gaila eine hinreissend starke Rolle: Sie nimmt sich, was ihr das Leben versagen will, die Lust und die Liebe. Die andern zerbrechen daran, sie hat ihre eigene Moral.» 
Neue Luzerner Zeitung, 04.März 2012

«In Andreas Herrmanns Inszenierung wird das Zeitlose an den Kostümen (Sabin Fleck) deutlich, von Vorkriegs- über Hippie- bis zu Girlie-Outfits. Herrmann hat das Ensemble mit Laien aus Innerschweizer Theatervereinen verstärkt. Das passt gut. Schon die bisher einzige Schweizer Aufführung des Dramas 1996 in Mörel im Kanton Wallis war eineVolkstheater - Inszenierung. Dialektal gefärbtes Deutsch verleiht dem Drama ländlichen Charme. In Luzern machen sich die Amateure gut neben den Profis. (…) Wunderbar dagegen die Volksfestszene vor der Pause, für die es langen Beifall gab. Alan Berns Kompositionen die er selber als Handörgeler auf der Bühne spielt tragen viel zum Gelingen bei. Der zweite, düsterere Teil ist weniger musikalisch. Hier gab es dafür Zwischenapplaus für die beiden stärksten Darsteller des Abends: Jörg Dathe als Pedro-Gailo und Bettina Riebesel als Marica. Riebesels heuchlerisch-pathetische Larmoyanz sorgte auch für die meisten Lacher.» 
Die Südostschweiz am Sonntag, 04.März 2012

«Als unaufführbar galten die Stücke des spanischen Dramatikers Ramön Maria del Valle-Inclän. Regisseur Andreas Herrmann beweist mit «Worte Gottes» das Gegenteil. Und bringt mit Laiendarstellern, neben dem gesamten Luzerner Ensemble, ein ganzes Dorf auf die Bühne. Ein gewagtes Spiel. Der Anblick widert an: Der betrunkene Miguelin (Hajo Tuschy) füllt den hilflos schreienden Krüppel Laureano (Samuel Zumbühl) so lange mit Alkohol ab, bis er in seiner Schubkarre elend stirbt. Dabei war alles nur ein Spiel eines, das sich bis zum Tod des Krüppels gelohnt hat. Zumindest finanziell. Dies ist eine der eindrücklichsten Szenen und Höhepunkt des tragisch-komischen Stücks, dessen Handlung in einer der ärmsten Gegenden Spaniens Anfang des 20. Jahrhunderts spielt. (…) Heidnischer Aberglaube und katholische Litanei die typische Glaubensmischung der Bewohner eines Dorfes im armen Galicien. Mitte des 19. Jahrhunderts kommt Ramön Maria del Valle-Inclän als Sohn eines Regionaldichters und Historikers zur Welt. Schon sehr früh kommt er deshalb mit Literatur in Berührung. Aber auch die katholische, provinzielle Umgebung inspiriert und prägt ihn eine Fundgrube kurioser Figuren und rohen Brauchtums und macht ihn zum zynischen Gesellschaftskritiker. Als Wegbereiter der literarischen Moderne geht er mit den Auswüchsen des Kapitalismus, dem System von Staat und Kirche hart ins Gericht. Als Bürgerschreck und schillernder Autor in seinem Heimatland kritisiert und bewundert, bleibt er hierzulande nahezu unbekannt. Lange werden Valle-Incläns Stücke als nicht bühnentauglich eingestuft die Grösse der Besetzung ist der Grund. Regisseur Andreas Herrmann gibt dem Volkstheater «Worte Gottes» volksnahen und regionalen Charakter, in dem er zwanzig Laiendarsteller aus Innerschweizer Theatergesellschaften auf die Bühne holt. Das nicht akzentfreie Deutsch einiger Laien wirkt im Gegensatz zum ausgebildeten Bühnendeutsch der Ensemblemitglieder nicht störend. Im Gegenteil: Es macht die Szenerie umso glaubhafter. Umrahmt wird sie von schwarzen, flexiblen Wänden und einem kreuzartigen Baugerüst, welches das Wirtshaus symbolisiert. Einfach, aber wirkungsvoll in Szene gesetzt. «Worte Gottes» der spanische Schwank, schwer verdaulich, aber grotesk-lustig überzeugt.» 
Basler Zeitung, 04.März 2012

«Ein wuchtiges, katholisches, auch bigottes Stück – in der Inszenierung von Andreas Herrmann –, dessen Faszination man sich schwerlich entziehen kann. (…) Dies ist die Schlussszene des Stücks «Worte Gottes» des Galiziers Ramón María del Valle-Inclán (1866–1936), in dem einige Kritiker ein spanisches Äquivalent zu James Joyce sehen, und der die Schreib- und Bühnenkonventionen seiner Zeit radikal verändert hat. Eine dörfliche Tragikomödie ist «Worte Gottes», die von der mystisch-katholischen Eröffnung bis zum Ende gut zweieinhalb Stunden später überzeugt und in Bann zieht. Selten ist die Zeit im Luzerner Theater so schnell vorbeigegangen. Und selten klang so viel nach. (…) Zu den Mitgliedern des Ensembles des Luzerner Theaters gesellen sich 18 Laien aus verschiedenen Luzerner Theatergesellschaften. Eine Referenz an die lebendige Dorftheaterkultur in katholischen Gebieten, wie man sie im Kanton Luzern wie in Galizien findet. Die Fallhöhe zwischen Laien und Profis ist auf hohem Niveau gross. Was nicht gegen die Profis spricht. (…) Bei «Worte Gottes» wurde Hand in Hand gearbeitet: Das ausgeklügelte Bühnenbild (Max Wehberg), die Kostüme (Sabin Fleck), die beschwördende Musik (Alan Bern) tragen ebenso viel zur Atmosphäre – die das Stück ausmacht – bei, wie Valle-Incláns grandiose Figuren und die Schauspieler, die sie verkörpern.»
kulturteil.ch, 03.März 2012

  

 

 

 

 

Zum Autor

Don Ramón María del Valle-Inclán

Ramón María del Valle-Inclán zählt in seiner Heimat Spanien zu den wichtigsten Literaten des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er gilt als Rebell und Theater-Anarchist, aber auch als genialer Sprachkünstler, der die Schreib- und Bühnenkonventionen seiner Zeit radikal verändert und damit zum Mitbegründer der modernen spanischen Dramenliteratur wird.

Zur Welt kommt Valle-Inclán am 28. Oktober 1866 in Villanueva de Arosa, einem Hafenstädtchen in der spanischen Provinz Galicien. In seiner Familie gibt es Adelstitel, die aber mehr Legende als gelebte Realität sind. Sein Vater ist Journalist und ein im regionalen Rahmen preisgekrönter Dichter und Historiker, der – obwohl er in seiner bürgerlichen Existenz auch einfachen Brotberufen nachgehen muss – einen relativ wohlhabenden und kultivierten Lebensstil unterhält. Der Sohn kommt früh mit Literatur in Berührung. Aber auch die Menschen und Traditionen des ländlichen Galicien prägen den jungen Ramon von Kindesbeinen an: die autonome Nord-West-Provinz zählt damals (wie heute) zu den ärmsten Regionen Spaniens. Gleichzeitig ist der Landstrich mit seiner eigenständigen Sprache, Musik- und Festkultur eine unerschöpfliche Fundgrube kurioser Figuren und Gebräuche. Die vielen, der volkstümlichen Tradition verhafteten Elemente, Redeweisen, Typen und Gestalten, die der Autor in seinen späteren Werken versammelt, sind unmittelbar von diesem ländlichen Kosmos und von der für die schroffe Küsten- und Bergwelt Galiciens so elementaren Begegnung von Mensch, Meer, Natur und Landschaft inspiriert.

Auch die beiden grossen religiösen Mythen, die sich mit Galicien verbinden, hinterlassen bei Valle-Inclan Spuren. Das gilt zum einen für die Legende vom Christenschützer und Maurentöter Jakobus, dessen Grablege über den Jakobsweg tagtäglich neue Pilger in die galicische Hauptstadt Santiago de Compostela lockt – und Valle-Inclans Heimatprovinz zu einem der wichtigsten Pilgerzentren Europas, aber auch zum Eldorado für Jahrmärktler, Scharlatane, Gauner und Fahrende aller Art werden lässt. Zum anderen prägen – im Schatten dieses katholischen Gewimmels – uralte „keltische“ Traditionen Valle-Inclans Umfeld. Den archaischen Toten- und Ahnenkult der Dörfler, den Glauben an Seelenwanderung und an die übernatürlichen Kräfte weiser Hexen und Heilerinnen und die für Galicien typische Mischung aus katholischer Litanei und druidischer Volksfrömmigkeit erlebt Valle-Inclan in seiner sozial und politisch rückständigen Heimat mit besonderer Intensität.

Im Jahr 1890 stirbt Valle-Inclans Vater – und der 24jährige Ramon beschliesst, Galicien zu verlassen, um fortan ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu führen. Er bricht sein Jurastudium ab, geht nach Madrid und unternimmt mit einer Theatertruppe eine Reise nach Südamerika, wohin es am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hunderttausende verarmte Galicier gezogen hatte. Anders als diese Landsleute kommt der Valle-Inclan allerdings nicht als Emmigrant in die Neue Welt, sondern als Intellektueller, dem seine Heimat zu eng geworden ist. Der Autor schlägt sich zunächst als Journalist durch und vollzieht nach und nach seine Wandlung zum Bohemien. Nach dem Vorbild romantischer Autoren und der Schriftsteller des französischen Parnass hört er damit auf, sich das Haar und den Bart zu schneiden und macht auf der Suche nach dem geistigen Abenteuer, nach Stoffen, Anekdoten und Atmosphären die für ihn wichtige Bekanntschaft mit Marihuana und anderen Rauschmitteln der mexikanischen Ureinwohner.

Im Jahr 1896 lässt sich der reisende Bummelstudent schliesslich langfristig in Madrid nieder. Er führt dort zunächst die Existenz eines Hungerkünstlers, etabliert sich aber relativ rasch als eine der exaltiertesten Kunstfiguren der Madrider Kaffeehaus- und Salon-Kultur. Valle-Inclan lebt in armseligen Zimmern, muss häufig fasten und verbringt viele Stunden krank im Bett. Sein Outfit, sein provokantes Auftreten, sein Hang zur Cholerik und seine beissende Kritik machen ihn zum Bürgerschreck und zu einer der schillerndsten Gestalten des Literaturbetriebs. Ausserdem versucht er sich als Schauspieler und unterhält im Café de Levante einen Zirkel von Romanciers, Dichter, Dramatiker, Maler, Journalisten mit seinen scharfzüngigen Reden. Dabei bleibt es nicht immer beim Streitgespräch: Als Valle-Inclan sich eines Tages mit seinem geschätzten Kollegen Manuel Bueno in einen Disput über den korrekten Ablauf eines Duells verstrickt, artet die Diskussion in einen Zweikampf aus – allerdings in einen ungeregelten. Die banale Schlägerei hat ernste Folgen: Dem Autor wird bei einem Stockschlag ein Manschettenknopf ins Fleisch getrieben. Die Wunde entzündet sich so sehr, dass der Arm amputiert werden muss – eine Prozedur, die der Autor auf eigenen Wunsch ohne Narkose über sich ergehen lässt. Valle-Inclan ist 35 Jahre alt und nun gänzlich darauf angewiesen, als freier Schriftsteller zu leben.

Neben ungeliebten Auftragswerken schreibt Valle-Inclan in schneller Folge Prosa, Romane und Theaterstücke, die er selbst „Esperpentos“ / „Schaupossen“ nennt: gross besetzte, groteske, anarchische, ausufernde Lesedramen, die schon den Zeitgenossen als nahezu unaufführbar gelten und die satirisch mit den moralischen Niederungen des „ruedo ibérico“, mit den Auswüchsen des Kapitalismus und dem korrupt gewordenen System von Staat, Kirche und Militär ins Gericht gehen. Die in ihrer Kritik beherzten Stücke stossen bei den spanischen Behörden auf Widerstand, werden teilweise verboten und machen den inzwischen landesweit berühmten Polemiker vollends zu einer der unbequemsten Stimmen Spaniens. Dabei führt Valle-Inclán weiterhin ein Leben als Literat ohne Auffangnetz. Seine materielle Basis bleibt ein Leben lang dünn und verstärkt so asketische Aussehen seiner hageren Gestalt. Dennoch schreibt und lebt er ohne Rücksicht auf die Institutionen und bedenkt das Banausentum der spanischen Bourgeoisie mit beissendem Dauerspott. Die Lehrstühle und offiziellen Posten, die ihm angetragen werden, verlässt er meist nach wenigen Wochen, bis er bei der Vergabe von Ämtern schliesslich kaum mehr berücksichtigt wird.

Zu Beginn der 1930er Jahre wird bei Valle-Inclán Krebs diagnostiziert. Er schreibt gegen die Krankheit an und unternimmt mehrere Auslandsreisen, besucht Schriftstellerkongresse, bis ihm das Schreiben zunehmend zur Last wird. Er stirbt am 5. Januar 1936 im Sanatorium in Santiago de Compostela und wird wenige Tage später zu Grabe getragen. Entweder wahr oder gut erfunden ist eine Anekdote, die als die letzte aus Valle-Inclans Leben ebenso gut einem seiner Theaterstücke entstammen könnte: Vor seinem Tod hatte Valle-Inclan verfügt, dass sein Begräbnis ohne kirchliches Zutun erfolgen sollte. Seinen Sarg wünschte er so bescheiden wie möglich, Traueranzeigen sollten nicht veröffentlicht werden. Der Trauerzug führte um fünf Uhr nachmittags zum Friedhof von Santiago. Es war fast dunkel, als die Prozession ihr Ziel erreichte. Als der Sarg herabgesenkt werden sollte, sprang ein junger Man herbei, der bemerkt hatte, dass auf der Sargdecke ein Kruzifix angebracht war; er wollte es herunterreissen und stürzte dabei mitsamt dem Sarg in die Grube. Erst als der junge Mann wieder aus dem Grab gestiegen und die Ruhe wiederhergestellt war, konnte die Zeremonie beendet und der Leichnam, den nun kein religiöses Symbol mehr begleitete, der Erde übergeben werden.

Bernd Isele