nahkampf

UG

nahkampf

Schauspiel von Sabine Harbeke
Uraufführung
Premiere: 03. Mai 2014

«ich hatte ihr erklärt, was kommen würde, ich hatte mit vielen gesprochen. die schleuse, die engen gänge, die kameras, die drehtüren, eins nach dem anderen, und du hörst nur die eigenen geräusche, den eigenen atem. und warten. vorallem warten. irgendwann leute in uniform hinter glas, fingerabdrücke, papiere. niemand spricht ein wort, handzeichen, kopfzeichen, lichtzeichen. und alles nährt deine unsicherheit, du zögerst, spürst dein herzklopfen, zensierst deine gedanken, antizipierst dein zusammenzucken, den ersten schlag. und plötzlich wirst du ausgespuckt, stehst draussen im staub. und es ist heiss.»

So der Beginn einer Szene. Ein Mann und eine Frau. Sie kennen sich, haben sich aber wohl eine Weile nicht gesehen. Dann sprechen sie über seine Mutter. Er wollte mit ihr über die Grenze? Sie musste zurückbleiben? Erinnerungen, Erklärungsversuche … und viele Fragen, nicht nur an die Vergangenheit.
Eine andere Szene: Schwester und Bruder. Sie sprechen über ihre Mutter. Auch hier der Versuch, sich gegenseitig und selbst zu erinnern, Erklärungen werden gesucht … und wieder viele Fragen. «im gehen lässt es sich leichter lügen.» - ein Fazit?
Und einer singt ein Lied.

«Darsteller und Zuschauer begegnen sich auf der Suche nach Wahrheit, indem sie sich auf ein Spiel mit Fiktionen einlassen. Gemeinsam entdecken sie die Brutalität und die Schönheit, die in jedem Satz, in jeder Entscheidung liegt, da so vieles ausgeschlossen wird, um die eine Geschichte zu ermöglichen, die wir glauben – bis es wieder eine andere ist.
Der Theaterabend verspricht, die Erwartungen der Zuschauer zu provozieren oder zu brechen und manchmal überraschend zu verdichten, da das Gleiche an einem Abend wieder und wieder verschieden erzählt wird.»
Sabine Harbeke


Sabine Harbeke ist eine der meistgespielten Schweizer Dramatikerinnen. Die Theaterautorin, Regisseurin und Filmemacherin bringt ihre Stücke, die vielfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt wurden, in der Regel selbst zur Uraufführung. Nach dem Studium der visuellen Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern studierte sie an der School of Visual Arts in New York Filmregie und arbeitete in der Independent Filmszene. Seit 2009 leitet sie die Regieklasse an der Zürcher Hochschule der Künste. Sabine Harbeke schreibt und inszeniert u.a. für das Theater Neumarkt Zürich, Theater Basel,  Theater Bern, Schauspielhaus Bochum, Thalia Theater Hamburg und das Theater Bonn.
 

GESPRÄCH

VERSCHIEDENE AGGREGATZUSTÄNDE
Die Autorin und Regisseurin Sabine Harbeke im Gespräch mit Ulf Frötzschner

Ulf Frötzschner: Du bist Autorin und Regisseurin, inszenierst die Uraufführungen der meisten deiner Stücke selbst. Wie weit arbeiten da Autorin und Regisseurin in den verschiedenen Arbeitsstadien zusammen? Oder ist es einfach furchtbar, immer diese oder so ähnliche Fragen gestellt zu bekommen?

Sabine Harbeke: (Lacht.) Ja, natürlich nervt es! Und nein, überhaupt nicht. Im Ernst: Bei meinen ersten Arbeiten gingen Autorin und Regisseurin noch die ganze Strecke Hand in Hand. Ich komme ja vom Autorenfilm, bei dem Text, also das Drehbuch, und Inszenierung viel kongruenter sind, wo das Drehbuch dazu dient, die Vision der Inszenierung schon aufzuzeigen, regelrecht vorwegzunehmen. Durch das Arbeiten und dem Entdecken theatraler Möglichkeiten haben sich Autorin und Regisseurin immer deutlicher voneinander getrennt, arbeiten jetzt auffallend autonom. Für mich sind Text und Inszenierung verschiedene Aggregatzustände, haben aber je eine eigene Vision. Beide Visionen müssen eigenständig und in sich stimmig sein, folgen einem bestimmten Regelwerk, das heisst aber gerade nicht, dass das Regelwerk des Textes das  Regelwerk  der  Inszenierung  bestimmt,  vielleicht  entsteht  etwas völlig Gegenteiliges. Deshalb liebe ich es auch, weitere Inszenierungen meiner Stücke anzuschauen, zu sehen, wie andere Regisseure mit diesem Text umgehen.

Dein Stück umzingelt eine Ausgangssituation, welche allerdings nie ganz klar wird, ein Geheimnis, zumindest eine Behauptung durch jeweils eine Figur bleibt, eine Behauptung,  welche  im  Laufe  der  Geschichte  Löcher  bekommt. Verrätst  du,  was  der  Anlass  deines  Schreibens  dieses Stückes war?

Zwei Dinge. Zum einen die Erfahrung einer Grenze und deren politische Situation, die Ohnmacht auslöst und doch ein Handeln erfordert. Beim Schreiben war mir wichtig, dass die latente Bedrohung und auch die offensichtliche Gewalt paradigmatisch für viele Grenzen steht, sich erweitern kann, sich in jede Beziehung einfrisst. Zum anderen eine formale Neugier, die Lust, mit der Sprache zu spielen, meine latente Sprachskepsis produktiv zu nutzen. Wie ist es, wenn eine andere Figur, gar eine gegengeschlechtliche, die gleichen Worte und Sätze noch einmal sagt. Inwieweit kann ich mit den gleichen Worten eine andere Geschichte erzählen, mit Erwartungen und (Sprach-)Mustern spielen. Diese Idee passte für mich zu dem Format dieser Uraufführungsreihe, zu diesem Ort hier, dem UG des Luzerner Theaters.

«im gehen lässt es sich leichter lügen.» heisst ein letzter Satz einer Szene? Ein Fazit? Und, ich frage plump: Im Miteinander-, im Auseinandergehen? Oder überhaupt einfach in der Bewegung?

Es ist überhaupt kein Fazit, auf keinen Fall, nicht im Geringsten. Das wäre viel zu einfach. Deshalb darf «lügen» auch nicht das letzte Wort dieser Szene sein. Und das Gehen, das meint eher die Bewegung im Allgemeinen und auch nicht nur die der Körper. Denn in der Bewegung ist vieles möglich, was im Stehen, im Stillstand schwieriger wird, mit mehr Widerstand verbunden ist, zum Beispiel Lügen. Oder vielleicht auch Frohlocken?
 

PRESSESTIMMEN

Anrührend ist dagegen eine Szene, in der die Frau sich verzweifelt an die Wand lehnt. Der Bruder nimmt wahr, dass es an ihm wäre, seine Schwester in die Arme zu nehmen - es gelingt ihm nicht, lediglich seine Jacke weiss er ihr anzubieten. In Augenblicken wie diesem überzeugt auch die erste Hälfte des Theaterabends. Nach der Pause wiederholt sich das Szenario, unter allerdings geänderten Vorzeichen: Auf seine Mutter wartet diesmal ein Mann mittleren Alters (Peter Ender), zur Unterstützung hat er seine Frau (Wiebke Kayser) herbei beordert. Wie sich bald zeigt, leben die beiden seit kurzem in Trennung. Zugetan sind sie sich immer noch. Der Mann flirtet mit der Frau, um dann erschreckt abzublocken, als sie seine Avancen aufnimmt. Es ist nun an ihr, die Ausgangslage zu klären: "Wegen dir wäre ich nicht gekommen." Über weite Strecken ist der Dialog mit demjenigen von Bruder und Schwester in der ersten Stückhälfte identisch - versehen jedoch mit einer anderen Bedeutung. Nicht nur die Frau, sondern auch die Zuschauerin und der Zuschauer kann sich fragen: Hat die Mutter, um deren Schicksal es ja ursprünglich ging, die Grenze überhaupt je passiert? Oder wollte hier ein Mann an eine unterbrochene Beziehung wieder anknüpfen? Ging es etwa auch der Schwester gar nicht in erster Linie um die Mutter, sondern um den entfremdeten Bruder? Die Bedrohung durch die Machthaber jedenfalls ist real: Zum Schluss zerlegen Soldaten in einem wahren Rausch das aus einem Unterstand und einer Ramsch-Auslage bestehende Bühnenbild (Viola Valsesia). Dass Fragen offen bleiben, ist die grosse Stärke dieses Abends, mit dem das Luzerner Theater seinen Uraufführungs-Reigen dieser Saison beendet. Das Publikum applaudierte am Samstagabend kräftig.

(sda, 4. Mai 2014)

 

 

«Ich hatte ihr erklärt, was kommen würde, ich hatte mit vielen gesprochen. Die Schleuse, die engen Gänge, die Kameras, die Drehtüren, eins nach dem anderen ... Und warten. Vor allem warten.» Nun wartet sie selber zusammen mit ihrem Bruder, den sie hergerufen hat, um sie zu unterstützen. Sie reden, miteinander, aneinander vorbei, sie streiten und rechtfertigen sich. Vor allem erinnern sie sich an die Geschehnisse der Vergangenheit, die sie traumatisiert und offenbar unterschiedlich erlebt haben. Sabine Harbeke hat ihr Stück selber inszeniert, schnörkellos und in karger Ausstattung. Sie hat es dabei geschafft, die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln, indem stets eine latenten Bedrohung vorhanden ist: Es könnte was passieren. Nach der Pause stehen ein anderer Mann und eine andere Frau auf der Bühne, ein Ehepaar, das dieselbe Geschichte noch einmal erzählt, allerdings in vertauschten Rollen. Es ist diesmal der Sohn, der die Mutter begleitet hat. Der Text ist streckenweise identisch, doch es ist faszinierend, zu hören, wie die gleichen Worte und Sätze andere Bedeutung erhalten. In der Spiegelung macht die Autorin deutlich, dass dasselbe nicht das Gleiche ist.

(Neue Luzerner Zeitung, 5. Mai 2014)

 

 

Schon beim Eintreffen im UG läuft eine Frau auf der Bühne ein Muster ab – immer wieder und ohne Grund, wie unter Zwang. Wir befinden uns an einer Grenze, irgendwo weit weg. „Es gibt ein Drüben“ steht in den Regieanweisungen. Wenn man zu nahe kommt, schrillt der Alarm und Hunde bellen. Ein Mann und eine Frau stehen an der Grenze und sprechen miteinander, mit zweimal fast dem gleichen Text. Nur sind es beim ersten Mal Schwester und Bruder, beim zweiten Mal Mann und Frau. Beide Male geht es um eine Mutter, die noch einmal zurück in ihre Heimat wollte. Doch dies ist noch so einfach und sogar gefährlich. Bruder und Schwester, Ehemann und Ehefrau die auf der anderen Seite warten, wussten was kommt. Jetzt aber ist es zu spät. Die Mutter ist drüben und kommt nicht zurück. Und die, die draussen warten, können nichts machen. Sie sind dieser Gewalt oder dem Zwang machtlos ausgesetzt. Sabine Harbeke, die Autorin von „nahkampf“, hat die Uraufführung ihres Stücks selber inszeniert, wie sie es meistens tut. Sie spiegelt den äusseren Zwang der Grenze mit den inneren Zwängen ihrer Figuren. Jede und jeder trägt etwas mit sich herum. Bei Bruder und Schwester ist es die Familie und alles was damit zusammenhängt. Es geht um Geheimnisse, Verrat und um Trauer, man durfte nie allen alles sagen, man war gezwungen, die entscheidenden Fragen nicht zu stellen. Dieser Zwang zeigt sich bei den Geschwistern auch in einem zwanghaften Verhalten, welches manchmal ein bisschen übertrieben ist. Sie verrenken sich krampfhaft, sie tigern hin und her, fallen plötzlich um und schlagen an die Wände - immer und immer wieder bis es auch uns vom Zuschauen und Zuhören weh tut.

(Radio SRF1, 4. Mai 2014)

3 Uraufführungen im UG

Entdecker-Paket

Drei Schweizer Uraufführungen zum Preis von zwei!

Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg? Schauspiel von Katja Brunner (ab 21. März 2014)

Nachruf oder Jung sterben hat mich auch nicht besser gemacht Schauspiel von Daniel Mezger (ab 12. April 2014)

nahkampf Schauspiel von Sabine Harbeke (ab 3. Mai 2014)

Der Entdecker-Pass ist an der Theaterkasse erhältlich. Tel. 041 228 14 14, kasse@luzernertheater.ch