Nachruf oder Jung sterben hat mich auch nicht besser gemacht

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Nachruf oder Jung sterben hat mich auch nicht besser gemacht

Schauspiel von Daniel Mezger
Uraufführung
Premiere: 12. April 2014

Ungefähr einmal die Woche habe ich mir notiert: «Die Geschichte ist eine ein­fache.» Und da ich ungehörig lang an «Nachruf» gearbeitet habe, findet sich der Satz nun zigfach in meinen Notizbüchern. Auf Fresszetteln. In Word­dateien, die ich hoffnungsvoll eröffnete, weil ich dachte: Gleich erschliesst sich die Geschichte. Ich muss nur ganz vorne mit Nachdenken beginnen: Die Geschichte ist eine einfache. Bei einer Beerdigung ist da plötzlich noch eine zweite Frau, die trauert, die Eigentliche geht der Anderen nach, statt sich zu zerfleischen, befreundet man sich. Eine einfache Geschichte. Eine einfache Geschichte. Das Mantra breitet sich aus auf dem Schreibtisch, Post-its verkleben die Aussicht vor dem Fenster. Bis ich mir endlich eingestehen konnte, dass es eben keine einfache Geschichte ist, diese Geschichte übers Trauern und darüber, wie wenig man sein Gegenüber kennt. Darüber, wie wenig so ein Mensch eigentlich so ausmacht. Und darüber, wie sehr wir sie lieben, die einfachen Geschichten, die wir «unsere Geschichte» nennen.

Daniel Mezger


Daniel Mezger, 1978 geboren und aufgewachsen in den Glarner Bergen, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und arbeitet heute als freier Autor und Dramatiker in Zürich. 2007 wurde er mit «In den Bergen» zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens eingeladen und von der Fachzeitschrift «Theater heute» als Nachwuchsdramatiker des Jahres nominiert. 2008 nahm er am Dramen­prozessor des Theaters an der Winkelwiese Zürich und an den Werkstatttagen des Burgtheaters Wien teil. Mit «Findlinge» wurde Mezger 2009 zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und gewann den Preis der Schweizerischen Autorengesellschaft. Mezgers Debütroman «Land spielen», den er 2010 im Rahmen des Wettbewerbs zum Ingeborg-Bachmann-Preis präsentierte, wurde 2012 veröffentlicht. Im gleichen Jahr wurde er mit dem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet.

PRESSESTIMMEN

Eigentlich geht es in Mezgers Mutmassungen über Mark um die zwei Frauen. Wer sind sie, in welches Verhältnis zueinander geraten sie, wenn Mira sich Ann auf die Fersen heftet, sie bedrängt, ausquetscht, verfolgt bis in den Waschsalon? Liebten die beiden tatsächlich denselben Mann, ohne voneinander zu wissen? Geschichten werden erzählt, beginnende Liebesgeschichten was davon ist wahr, was Bluff? Braucht der Autor sie bloss, um das an sich banale Leben «Geplänkel» darstellbar vorzuführen? Nach und nach fallen die Schleier, der Raum öffnet sich, die Schauspieler sitzen zuhinterst auf Stühlen, als wären sie das Publikum und wir die Handlung. Ein Ende wie das Leben: zufällig, aber mit nachhaltiger Wirkung.

(Neue Zürcher Zeitung, 19. April 2014)

 

Der Tod des Autors? Ebenso heisst ein literaturtheoretischer Aufsatz von Roland Barthes, der im Jahr 1967 erschien. Es geht Mezger also kaum um den Tod an sich, sondern um den Tod des Autoren. In gewisser Weise um den Tod der Erzählinstanz. Mit dem Autor stirbt auch der Regisseur, hier Pedro Martins Beja, der das Stück in Luzern inszeniert - er hätte aus der Vorlage Mezgers eine runde Geschichte machen können, das wollte er zu Recht nicht. Das Stück, das sich daraus ergibt, ist sperrig, es entwickelt eine Eigendynamik, franst aus, gleitet aus der Hand, bleibt unzugänglich. Der Autor, der die Geschichte zusammenhält, ist weg. Er hinterlässt eine Lücke - in der «Geschichte» zieht der Tod des Autors Mira, Ann und Mark den Boden unter den Füssen weg. Besonders Mira, die glaubte, ihren Freund, den Autor, zu kennen, ist hilflos. Desillusionierung und Wahnsinn scheinen nahe beieinander zu liegen. Mit dem Autor ist auch die Projektion des Autoren gestorben. Die Illusion eines Menschen, den man nie in allen Facetten durchschauen kann. Dem Autor hingegen fällt eine schwere Last von den Schultern. «Oh happy day!» dröhnt es aus den Lautsprechern, «nie mehr Schreibblockade» schreit er tanzend, gar ekstatisch jubelnd. Er hat keine Angst mehr, zu früh und mit zu wenig «output» zu sterben. Trägt keine sinnstiftende Verantwortung mehr. Nur die Sprache spricht! Der Autor, nichts als ein Jongleur mit Buchstaben und Wörtern, die es längst gibt! Die Figuren entziehen sich ihm, er trägt keine Verantwortung mehr für sie. Der Zuschauer ist geboren. Die Last der Geschichte, sie ruht nun auf seinen Schultern.

(Luzerner Rundschau, 25. April 2014)

 

Die Raumteilung an diesem Abend war Ausdruck der Vielschichtigkeit dieses Stückes: Eine Dreiteilung in die Tiefe des Raumes schaffte unterschiedliche Handlungsebenen. Zuvorderst die trauernde Witwe mit ihrem Ex-Freund, die sich angesichts ihres Verlustes den Blicken der Allgemeinheit ausgesetzt fühlt. Eine thematische Parallele zur kürzlichen Uraufführung von Katja Brunner, die sich mit dem Aspekt der Individualität im Trauerprozess auseinandersetzte. In der mittleren Ebene jene Figur, die den Autoren in seiner Situation des Schreibprozesses mit der stetigen Betonung vertritt, dass sich diese Erzählung auch ganz anders ereignen könnte. Der Geliebten des Verstorbenen, die als untröstliche Unbekannte die Beisetzung unerwartet aufwühlt, wurde zuhinterst platziert. Eine wunderbare Ausgangslage also für ein spannendes Drama, wäre da nicht die unmissverständliche Absage an runde Geschichten von Seiten des Autors. (…) Vielleicht wollte Daniel Mezger hier keine runde Geschichte erzählen, doch er hat ein sensibles Gespür für ein Drama, dessen Wirkung eben nicht in einer eingängigen Vermittlung des Erzählstoffes liegt, sondern in der Konstellation der Figuren. Nach und nach ergab sich durch Einzelheiten aus dem Leben der Beteiligten ein facettenreiches Gesamtbild. Die Spannung des Stückes reichte soweit, dass man sich beinahe wünschte, es würde nicht enden.

(www.kulturteil.ch, 13. April 2014)

 

Der Autor Daniel Mezger wollte eine einfache Geschichte auf die Theaterbühne bringen: Bei einer Beerdigung sieht die Freundin des Verstorbenen eine andere Frau, welche auf die gleiche Art und Weise trauert – und dies ist ihr suspekt. Sie verfolgt diese Frau fast wie eine Stalkerin und lernt so die Geliebte ihres Freundes kennen ohne dass sie ihre Identität preisgibt. Gefühlsmässig ist diese Geschichte dann doch nicht so einfach. Denn es passiert viel: Wut über den Tod des Freundes, Fassungslosigkeit dass sie ihre Nebenbuhlerin nicht bemerkt hat und Eifersucht. Es gibt auch eine zweite Ebene, ein Kunstgriff: Der Tote ist der Autor des Stücks und tritt immer wieder in Erscheinung.

(Radio SRF 1, 13. April 2014)

 

Ausgangspunkt ist eine klassische Konstellation: Lebenspartnerin und Geliebte begegnen sich an der Beerdigung eines Mannes. So denkt es sich jedenfalls der Autor (Clemens Maria Riegler) aus, der auf offener Bühne auf seinem Laptop seinen eigenen Nachruf in Form eines Theaterstückes schreibt. Und weil das Stück ja nicht die Wirklichkeit ist, sondern eine aus Teilen des eigenen Lebens gespiesene Möglichkeit, wird das Spiel der beiden Frauen – und manchmal auch der Kommentar des Autors - vom rückwärtigen Teil der Bühne auf drei hintereinander gestaffelte Gazevorhänge projiziert. Das wirkt wie eine mehrfach gespiegelte Geistererscheinung und ist schön anzusehen. (…) Die einzig «Normale» im Quartett ist die heimliche Geliebte Ann (Daniela Britt). Mit ihrer gerüschten Corsage sieht man ihr gleich an, dass sie in der Dreiecksbeziehung für den Sex zuständig war. Sonst gibt sie sich bedeckt. Als sie von Mira gestalkt wird, tut sie zunächst abweisend, steigt aber allmählich in das Katz-und-Maus-Spiel mit der Nebenbuhlerin ein. Ann gibt vor, Mira nicht zu erkennen, und beginnt, über ihren verstorbenen Freund zu erzählen. Mira wiederum tut, als hätte sie den Toten nicht gekannt. Dazu schaltet sich der Autor ein und erzählt aus seinem Leben - mit der einen oder der anderen Frau. Und auch wenn alle vom selben Ereignis erzählen, sind die Geschichten nicht deckungsgleich. Könnte man irgendeinen Schluss aus dem Stück ziehen, wäre es wohl der, dass Mira ihren Mann nicht gekannt hat. Und wie sie schon zu Beginn sagte: «Man kann niemanden lieben, den man nicht kennt.»

(sda, 14. April 2014)

3 Uraufführungen im UG

Entdecker-Paket

Drei Schweizer Uraufführungen zum Preis von zwei!

Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg? Schauspiel von Katja Brunner (ab 21. März 2014)

Nachruf oder Jung sterben hat mich auch nicht besser gemacht Schauspiel von Daniel Mezger (ab 12. April 2014)

nahkampf Schauspiel von Sabine Harbeke (ab 3. Mai 2014)

Der Entdecker-Pass ist an der Theaterkasse erhältlich. Tel. 041 228 14 14, kasse@luzernertheater.ch