Keine Stücke über Krieg

UG

Keine Stücke über Krieg

Zeitgenössische Dramatik aus Serbien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo
In Kooperation mit CULTURESCAPES. Balkan 2013
In Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste
Premiere: 20. Oktober 2013


Wie wenn das eine Vorstellung wäre ... Eine Mausefalle

Schauspiel von Almir Imširević
Deutschsprachige Erstaufführung


Inszenierung: Philippe Heule

Sarajevo während des Krieges in den 90er Jahren. Ein junger Mann wird von einem Heckenschützen in der Tram Nummer drei erschossen. Das Blut des Opfers spritzt auf die Kleidung der neben ihm stehenden Frau. Wenige Stunden später sieht man sie mit einer Freundin Eis essen; sie tauschen sich über ihre neuesten sexuellen Abenteuer aus. In einer Gerichtsverhandlung wird das Geschehene aus der Perspektive verschiedener Zeugen und in immer neuen Varianten aufgerollt. Ein Wahnsinn der militärischen Belagerung und die Normaliät des Alltags. Mit Zartgefühl und grandiosem Humor erzählt Almir Imširević von den Verwerfungen des Krieges.

Almir Imširević wurde 1971 in Bihać geboren und leitet heute den Lehrstuhl für Dramaturgie an der Hochschule für Darstellende Kunst in Sarajevo. Seine Dramen, die Almir Imširević zu einer der wichtigsten Stimmen Bosnien-Herzegowinas machten, wurden auch auf internationalen Festivals gezeigt, unter anderem in Avignon, Paris, Wiesbaden und Lausanne.

 

Yue Madeleine Yue

Schauspiel von Jeton Neziraj
Deutschsprachige Erstaufführung


Inszenierung: Katharina Cromme

Madeleine, ein Roma-Mädchen, fällt mitten in Pristina in eine ungesicherte Baugrube und liegt nun im Koma. Das Fernsehen hat eine Miss-Wahl für die grösste und schönste Baustelle ausgeschrieben. Madeleines Eltern versuchen alles, um ihre Tochter zu retten. Zu Wort kommen zudem diverse Beamte, ein Putzmann und ein Arzt - doch niemand will die Verantwortung für diesen Unfall übernehmen.

Jeton Neziraj, 1977 geboren, gehört zu den bedeutendsten Autoren des heutigen Kosovo. Er war Künstlerischer Direktor des Nationaltheaters Kosovo und lehrte Dramaturgie an der Uni­versität in Priština. Seine Dramen sind in zahlreiche Sprachen übersetzt und wurden im Kosovo, im europäischen Ausland und in den USA gespielt. Heute leitet er das Quendra Multimedia Zentrum in Priština, das sich dem zeitgenössischen Theater widmet.

 

Gesicht aus Glas

Schauspiel von Marija Karaklajić
Deutschsprachige Erstaufführung 

Inszenierung: Timo Krstin

Ein heisser Sommermittag im überfüllten Restaurant eines Einkaufszentrums. Es ist Mittagspause, die Gäste kommen und gehen, durch die Glaskuppel des Restaurants brennt die Sonne unerbittlich auf das Menschengetümmel herab. Ein junger Mann beobachtet eine Frau und ihren kleinen Sohn. Plötzlich entsteht eine Schlägerei, der Mann ergreift eine Pistole, am Ende liegt das Kind tot am Boden. Wieder und wieder lässt die junge Mutter die Ereignisse jenes Tages Revue passieren. Eine Geschichte über Menschen auf der Suche nach Wahrheit und Vergebung.

Marija Karaklajić, 1978 in Serbien geboren, studierte Dramaturgie in Belgrad und Frankfurt am Main. Seit 2001 arbeitet sie als freie Dramaturgin am Nationaltheater Belgrad, am Bitef Theater Belgrad sowie in der freien Szene in Belgrad, Berlin und Amsterdam. Sie schreibt Dramen und Hörspiele und ist als Übersetzerin tätig.


 

Autorengespräch

Mit: Marija Karaklajić, Almir Imširević und Jeton Neziraj

20. Oktober 2013, 18 Uhr, Eintritt frei

Brisante, sich stetig verschärfende soziale Gegensätze, eine ungeklärte politische und wirtschaftliche Zukunft, Versuche der Positionierung in einer globalisierten Welt und die Folgen des Bürgerkrieges. Welches sind die Themen, die die Autoren umtreiben? Oder verweigert man sich der Erwartung, über Politisches zu schreiben und pocht auf das Recht aufs Private? Vor der Premiere ihrer Stücke diskutieren die Autoren über Perspektiven zeitgenössischen Schreibens. 
 

BalkanBeatsBar

Im Anschluss an die Premiere, am 25. Oktober und am 8. und 15. November: die BalkanBeatsBar – Drinks und Balkansounds an der UG-Bar. 
 

PRESSESTIMMEN

Am spielerischsten, d.h. am verspieltesten und theatralischsten, ist das erste Stück, «Wie wenn das eine Vorstellung wäre... eine Mausefalle» von Almir Imsirevic. Es beginnt als Einführung (Lecture Performance): ein Conferencier erklärt uns die Grundelemente des Theatralischen – Subjekt, Objekt, Fokus – und doziert: «Mit dem magischen Als-Ob beginnt die Schöpfung». Das wird mit lustvoll arrangierten Exempeln belegt: Die Erschiessung des Erzherzogs Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo findet als Slapstick statt und eine Heckschützen-Szene von 1992, bei der ein junger Mann, der in einem Tram sass, erschossen wird, wird zum Auslöser einer Kette subjektiver Nacherzählungen, die natürlich an Queneaus «Stilübungen» erinnern, auch, weil die Erzähler klischeehafte Züge haben, eigentlich nur Masken sind. Aus dem erspielten Material ergibt sich aber der Stoff für die Liebesgeschichte zwischen «Clemens» und «Daniela», die den jungen Mann aus Liebe zum Bücherdieb werden lässt, wofür er von der Polizei brutal verprügelt wird. Zuletzt wird der Conferencier zum Autor: Er entschliesst sich, der verlassenen Daniela «ein Drama» zu schenken, so freundlich und schlüssig das ist, so schmerzhaft und friedlos erscheinen doch die Episoden, die ihm dafür einfallen.

(www.theaterkritik.ch, 21. Oktober 2013)

 

Jeton Nezirajs «Yue Madeleine Yue» im Mittelteil macht den Theaterbesuch für sich alleine bereits lohnenswert. Behandelt werden hier in der Tat nicht die kriegerischen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte, sondern Korruption und Antiziganismus - der Hass auf Sinti und Roma in der Gegenwart - aktuelle Themen mithin. Die Tochter eines Roma-Ehepaares - in der Schweizer Fassung heisst die Familie Shaqiri - fällt auf dem Rückweg von der Schule in eine unzureichend ausgeschilderte Baugrube und verletzt sich dabei schwer. Der Vater (Hans-Caspar Gattiker) fordert hartnäckig Gerechtigkeit ein, doch nur eine ehrgeizige TV-Journalistin nimmt sich des Falles an. Der verantwortliche Bauunternehmer (Christian Baus) bietet bloss Schweigegeld. Überdies versichert er den schwer geprüften Eltern, dass aus seinem Bauprojekt «ein einzigartiges Hochhaus» für Pristina werden wird. Der Arzt im Spital wiederum ist korrupt, während sowohl bei der Polizei wie bei den kosovarischen Behörden und den westeuropäischen Bürokraten unter geschäftsmässigem Gebaren alsbald üble Vorurteile und Hass auf die Roma durchscheinen. Stark wirkt insbesondere, wie dem von Baus verkörperten deutschen Abgesandten im Verlaufe des Gesprächs mit dem Vater die Maske der Wohlanständigkeit abfällt. Die Roma-Familie sucht Gerechtigkeit für Madeleine (Iana Huber) am falschen Ort - aber gibt es den richtigen? Von den Deutschen, die aber sehr wohl auch Schweizer sein könnten, erhoffen sich die Shaqiris jedenfalls vergeblich Hilfe, wie die Inszenierung von Katharina Cromme auf beklemmende Weise zeigt.

(sda, 21.10.2013)

 

Und auch die Umsetzung des Luzerner Theaters überzeugt. Nur gerade fünf Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles spielen mit und wechseln immer wieder die Rollen, ohne dass es je aufgesetzt wirkt. Am stärksten zeigen dies Daniela Britt und Hans-Caspar Gattiker im dritten Stück nach der Pause. «Gesicht aus Glas», ein poetisches, hoch modernes und brillant geschriebenes Stück von der serbischen Autorin Marija Karaklajić. Mit vielen Zeit- und Perspektivenwechsel wird die Geschichte von einer Schlägerei in einem Belgrader Restaurant aufgerollt, es eskaliert und schliesslich wird ein Kind erschossen. Wie die beiden Schauspieler die feine literarische Vorlage zum Leben erwecken ist schlicht ergreifend.

(Radio SRF 1 Regionaljournal, 21. Oktober 2013)