Fassade muss sein

Der Luzerner Architekt Markus Boyer schreibt passend zur nächsten Tanzpremiere «Hinter Türen», wieso wir die Türen manchmal besser schliessen und warum wir uns gerne hinter Fassaden verstecken.

Aber nein, was fällt euch eigentlich ein. Ihr könnt doch nicht draussen auf der Strasse zu solch lauter Musik wie wild herumtanzen ... und erst noch in diesen bunten Klamotten! 

Kommt sofort herein und schliesst die Türe!

Wir sind hier weder im Urwald noch in Südamerika, wo ungezügeltes Ausleben der Gefühle und der Lebensfreude und spontanes Herumtanzen auf den Strassen zu Land und Leuten passt und keinen Anstoss erregt. Aber hier in Luzern?

Was denken da die Nachbarn, die Passanten, die Touristen? Man muss sich ja genieren.

Sind wir wirklich so prüde und zugeknöpft und verbannen alles Spontane hinter die Fassade der Privatsphäre, peinlich darauf bedacht, dass niemand Anstoss nimmt?

Der öffentliche Raum scheint uns tatsächlich irgendwie heilig zu sein. Auf den Strassen und Plätzen lieben wir Ordnung und klare Regeln. Das Bild, das man sich von unserer Stadt macht, ist uns wichtig.

Zuviel Spontanes, Unkontrolliertes und Individuelles könnte dieses Bild stören und in Frage stellen.

So schützen wir den öffentlichen Raum und das Stadt-Bild mit zahlreichen Verordnungen und Richtlinien, Schutzzonen und Bauvorschriften, halten am Bestehenden fest, bewahren das Alte und Vertraute. Wir pflegen und unterhalten die Brücken und Türme, die Strassen und Plätze, die historischen Baudenkmäler und Altstadthäuser, die herausgeputzten Fassaden mit Erkern, Sprossenfenstern und Dachlukarnen ...

... auch wenn hinter diesen Fassaden die mittelalterliche Vergangenheit längst ersetzt wurde durch zeitgemässe Strukturen und Konstruktionen, moderne Materialien und zukunftsträchtige Nutzungen;

... auch wenn die stilgerecht nachgebildeten Fassaden nur Fassade sind, nicht alt, nicht sehr echt, nicht ganz ehrlich, etwas scheinheilig.

Hauptsache das Bild, die Wirkung nach aussen stimmt. Schliesslich sind wir eine weltbekannte Touristendestination. Lassen wir unseren Gästen doch die mittelalterliche Illusion und die Fotosujets.

Trotzdem leben wir unsere Spontanität, unsere bekannte Innerschweizer Fest- und Lebensfreude nicht nur im privaten Kreis, hinter geschützten Fassaden und verschlossenen Türen aus. An den Stadt–Festen, Musikfestivals und vor allem natürlich an der Fasnacht entlädt sich unsere Ausgelassenheit auf Strassen und Plätzen, dass die ganze Stadt vibriert. «Luzern im Ausnahmezustand» titeln dann die Medien ... und sie haben recht.

Denn alle diese Anlässe im öffentlichen Raum bilden tatsächlich nur einen Ausnahme-Zustand; ausnahmsweise bewilligt, streng reglementiert, auf einzelne Tage beschränkt. Das spontane Feiern, Musizieren und Tanzen auf unseren Strassen und Plätzen ist terminiert und limitiert ...

... und bereits wenige Stunden danach sind alle Spuren der überbordenden Festfreude weggeräumt, Strassen und Plätze gereinigt, die Ordnung wieder hergestellt, das Bild nach aussen gewahrt.

Sogar während der Luzerner Fasnacht, der tollsten und wildesten Veranstaltung, dem spontansten und kreativsten Ausleben überschäumender Lebenslust auf der Strasse ist uns offenbar wichtig, das Gesicht ja nicht zu verlieren, das Bild nach aussen zu wahren ... wohl deshalb tragen wir bunte Kostüme und schöne Masken!

Ein bisschen Fassade muss sein!

 

«Tanz 26: Hinter Türen» ist ab 25. November auf unserer Bühne zu sehen.

Luzern, 20.11.17

Markus Boyer, Luzerner Theater

 

Markus Boyer wurde 1947 in Luzern geboren. Er studierte Architektur an der ETH Zürich. Es folgten Praxisjahre in der Schweiz und in England. 1978 übernahm er das Luzerner Architekturbüro Boyer, führte dieses in zweiter Generation während 35 Jahren weiter und ist seither Partner der 2013 gegründeten Boyer+Camenzind AG.

Markus Boyer lebt als Architekt und Kulturliebhaber in Luzern.