Luzerner Theater

JOHANNA!

Schauspiel über Johanna von Orléans
Premiere: 28. März 2014

Johanna, Jungfrau von Orléans, folgt der extremen Unbedingtheit ihrer selbstauferlegten Mission, bis sie, über ein Gefühl stolpernd, in ein grosses existenzielles Zweifeln gerät und schlussendlich scheitert. Liegt aber gerade in diesem Scheitern vielleicht die Möglichkeit der Freiheit, einer Erlösung? Die Regisseurin Sabine Auf der Heyde hinterfragt den vermeintlich nicht zu brechenden Willen und die anfänglich so resolute Überzeugung der jungfräulichen Kämpferin und untersucht die auffallend verschiedenartigen Kräfte, die in zahlreichen Adaptionen der Geschichte dieser jungen Frau an deren Bedeutung zerren.

«Natürlich ist sie ein Kind des 15. Jahrhunderts, aber genau genommen passte sie damals genauso wenig ins System. Ein Leben jenseits von Rollenmustern. Eine radikale Provokation. Jemand wie Johanna fällt einfach heraus. Sie ist einzigartig, vor allem, sie lässt sich nicht instrumentalisieren. Das wäre heute nicht anders. Johanna ist weder Parteigängerin noch Selbstmordattentäterin. Sie stirbt nicht für irgendeine Sache, sondern sie lebt (mit tödlicher Konsequenz) für ihre Sache. (‹Ich bleibe bei Gott und bei meiner Meinung!›) Kurz gesagt: Sie tut das, wovon wir bestenfalls reden. Aber wenn man mal von diesen übergrossen Massstäben herunterkommt, sieht man sie eigentlich noch deutlicher vor sich. Entwaffnend, präsent, geistesgegenwärtig. Fast möchte man sagen: Ein Vorbild. Aber unnachahmlich ...»

Felicitas Hoppe


Sabine Auf der Heyde, geboren 1979 in Hongkong, studierte Regie an der New York University. Nach mehreren Inszenierungen am Deutschen Theater in Berlin arbeitet sie u.a. am Staatsschauspiel Dresden, am Nationaltheater Weimar und am Staatstheater Mainz. Ihre Luzerner Inszenierung von Schillers «Maria Stuart» in der vergangenen Spielzeit wurde von Presse und Publikum gefeiert.

PRESSESTIMMEN

Der gestrige Abend ist im Kontext mit Auf der Heydes Inszenierung in der vergangenen Spielzeit zu sehen: «Maria Stuart» war ein durchschlagender Erfolg bei Publikum und Kritik und kann damit eine Erklärung hergeben, dass sie im aktuellen Stück vom Theater an der Reuss eine Carte Blanche erhalten hat. Man vertraut der Frau und traut ihr Grosses zu – zu Recht. Mit sicherem Gespür für Aktualitäten klopft Auf der Heyde die zahlreichen Versionen von Johannas Lebensgeschichten und deren Rezeptionen ab. (…) Nachdem «Johanna» erst einmal freigelegt ist und die Narrationen von Kirche und Staat als Machtmittel entlarvt sind, wird das Innerschweizer Publikum auf Trab gehalten: Ist Anders Behring Breivik, Terrorist aus Norwegen, ein Freiheitskämpfer? Ist der moralische Anspruch bei Johanna nach gleichem Muster gestrickt wie bei Snowden? Was trennt Überzeugung von Wahn?

(www.kulturteil.ch, 29. März 2014)

 

Heilige, Hure, Hexe, Ketzerin, Rebellin oder Patriotin? Wer und vor allem was war die Jungfrau von Orlans? Diesen Fragen geht der Theaterabend über Johanna von Sabine Auf der Heyde nach. (…) Auf die Fragen, wer und was Johanna ist, arbeitet der Theaterabend zwei Hauptstränge heraus: Einerseits ist sie die Rebellin, die sich gegen die kirchlichen und politischen Autoritäten auf lehnt. Die aufmüpfig-kämpferische Seite der Heiligen wird nicht allein bei den Verhören im Prozess aufgedeckt, sondern auch mit aktuellen Beispielen vergegenwärtigt und konkretisiert. Als Kronzeugin für Johannas Sache tritt die russische Punkband Pussy Riot in Szene, und von den prominenten Whistleblowern Bradley Manning und Edward Snowden werden Statements aus dem Off gelesen, in denen sie ihr Tun rechtfertigen. Auch zur anderen, der patriotischen Seite von Johanna werden aktuelle Bezüge hergestellt. Es kommen der Rechtspolitiker Jean-Marie Le Pen, aber auch Nicolas Sarkozy und als Provokation Anders Behring Breivik zu Wort. Während eines Monats hat die Regisseurin das Projekt «Johanna!» zusammen mit den Schauspielerinnen erarbeitet. Bis kurz vor der Premiere war noch vieles offen. Überraschend ist, dass gleich fünf Schauspielerinnen als Johanna auftreten. Darunter auch die 10-jährige Iana Huber.

(Zentralschweiz am Sonntag, 30. März 2014)

 

Der Stoff wird so vielschichtig und mutig umgesetzt, dass sich der Zuschauer gelegentlich an die Wand gespielt fühlt. Kurz zuvor rutscht er noch ungeduldig auf dem Theatersessel hin und her, weil der absurd lange und sich stets wiederholende Prozess gegen Johanna derart aufreibend ist, dass er ihn am liebsten verlassen würde. Es sind diese Tempo- und Perspektivenwechsel, die das Stück so interessant, so existenziell machen. Es ist eine Politikerin (Le Pen) zu sehen, die Johanna für nationalistische Zwecke instrumentalisiert, die Schauspielerinnen schlüpfen auch mal aus der Rolle und reflektieren als reale Menschen über Übersinnliches. Glauben Sie an Wunder? Dazwischen sind Zitate von Menschen aus dem Off zu hören, die sich weder vom System noch von Rollenmustern knechten lassen und ihre «Mission» verfolgen – ob als Whistleblower, Terrorist oder Nationalheld. Dann Johanna, die im absurden Prozess einen nicht zu brechenden Willen beweist und vor keiner Folter zurückschreckt, dass dem Zuschauer im Range bange wird – auch, weil das Stück dann und wann zu provozieren weiss. Vor ihrem Tod ist Johanna entblösst, wirkt gebrochen und im wahrsten Sinne ausgezogen. Unter klerikalen Gesängen wird sie auf den Scheiterhaufen geschickt. Eine «Burn the Witch» Fahne wird gezeigt. Und aus ist das Spiel.

(Luzerner Rundschau, 29. März 2014)