Il viaggio a Reims

Luzerner Theater

Il viaggio a Reims

Dramma giocoso in einem Akt von Gioacchino Rossini
Text von Giuseppe Luigi Balloco
Orchesterarrangement und Neukomposition des Finale von Howard Arman
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere: 01. Mai 2016

Aller Abschied ist schwer – in der Regel aus emotionalen Gründen, weil man Liebgewonnenes zurücklassen muss, aber oft auch in organisatorischer Hinsicht, denn eine Reise will gut vorbereitet sein. Wie grandios ein Aufbruch mit schönstem Ziel an alltäglichen Unzulänglichkeiten scheitern kann – ohne dass den Reisenden ein Schaden daraus entstünde –, erzählt auf höchst unterhaltsame Weise die komische Oper «Il viaggio a Reims».

An der guten Absicht mangelt es der im Badehotel zur «Goldenen Lilie» in Plombières residierenden Gesellschaft keineswegs, will man sich doch spontan nach Reims begeben, um dort der Krönung Karls X. am nächsten Tag beizuwohnen. Allerdings beschäftigen sich die Gäste erheblich mehr mit ihren Privatproblemen als mit der Reiseplanung, weshalb am Ende zwar alle Versöhnung feiern, das aber vor Ort. Der Weg ist eben das Ziel, und wenn er auch nur aus dem Haus heraus in den Garten führt …

Als Gioacchino Rossini Ende 1824 die künstlerische Leitung des Théâtre-Italien in Paris übernahm, standen ihm aussergewöhnlich viele brillante Sänger, ein erweitertes Orchester und ein neuaufgebauter Chor zur Verfügung. So nutzte er diesen Glücksfall, um anlässlich der Krönung Karls X. am 29. Mai 1825 ein einaktiges Dramma giocoso in der Tradition der italienischen Farsa zu schreiben. Dessen Text von Giuseppe Luigi Balloco verzichtet zwar weitgehend auf Handlung und Konflikte, bietet dafür aber eine reiche Zahl an pointiert charakterisierten Figuren, die der Komponist mit hochvirtuosen Gesangspartien ausstattete. Nach wenigen Vorstellungen zu Rossinis Lebzeiten erlebte die kunstvoll vertonte Burleske erst 1984 eine weltweit gefeierte Wiederentdeckung.

Vorstellungsdauer: 2 ¾ Stunden mit einer Pause

Empfohlen ab 12 Jahren

 

Zeitgleich zur Dominique Menthas letzter Inszenierung in Luzern erschien im Verlag Theater der Zeit ein Buch über sein Theaterschaffen in Innsbruck, Wien und Luzern: Eine Spurensuche ist an der Theaterkasse für CHF 25 erhältlich.

GESPRÄCH

SO EIN ZIRKUS!
DOMINIQUE MENTHA IM GESPRÄCH MIT CHRISTIAN KIPPER

 

«Il viaggio a Reims», eine eher selten gespielte Musikkomödie von Gioacchino Rossini, ist die letzte Premiere der Sparte Oper und die letzte Regiearbeit des Hausherrn im Rahmen der insgesamt zwölfjährigen Ära Dominique Mentha. Warum ein Abschied mit gerade diesem Werk?

Es ist immer meine Leidenschaft gewesen, unbekannte Stücke zu spielen. In unserer letzten Spielzeit in Luzern sind, abgesehen von «Norma», alle Musiktheaterwerke des Spielplans «Randwerke»: «Albert Herring», «Béatrice et Bénédict», «Sweeney Todd». Für mich ist ein Abschied mit «Il viaggio a Reims» ein stolzer, origineller und unprätentiöser Schluss. Und natürlich hat das Abreisen viel mit unserer jetzigen Situation zu tun.

 

Die vielen Rollen des Stückes werden zum Teil mit ehemaligen Ensemblemitgliedern und regelmässigen Gästen besetzt. Steht diese Idee im Zusammenhang mit der Stückwahl?

Die Gelegenheit, möglichst alle unsere derzeitigen Ensemblemitglieder zu präsentieren und dazu noch einige Gäste aus unserer gemeinsamen Vergangenheit einflechten zu können, ist eines der zentralen Motive für die Entscheidung gewesen, mit diesem Werk aufzuhören.

 

Eine die Inszenierung bestimmende Setzung liegt in dem Plan, das Orchester aus dem Graben zu holen und auf die Bühne zu setzen. Howard Arman hat für die Umsetzung dieses Plans ein neues Orchesterarrangement geschrieben. Warum diese Setzung?

Der Grund dafür liegt in der Konzeptidee, das Stück in einer Art Zirkus zu verorten. Die Virtuosität der Akrobaten und Clowns hat viel mit der grundsätzlichen Ästhetik von Gioacchino Rossini zu tun – vielleicht sogar am deutlichsten gerade in diesem Werk. Zudem sind die Mitglieder eines Zirkus – vom Direktor bis zum Dompteur – der Inbegriff eines reisenden Volkes. Theaterangehörige sind das aber auch, denn regelmässige Wechsel müssen sein und gehören zu einem Theaterleben dazu. Um nun die Zirkus-Idee auch hörbar zu machen, hat unser Musikdirektor Howard Arman ein Arrangement geschrieben, das sich auf originelle Weise den Topoi von Zirkus-Musik nähert.

 

In dem Stück geht es im Grunde um nichts: Eine Gesellschaft illustrer Persönlichkeiten plant eine Reise, die nie stattfindet. Wo liegt also das Interesse?

Richtig: Es geht um nichts. Das ist eine wunderbare Ausgangslage, um einen genauen Blick auf die so ganz unterschiedlichen Charaktere innerhalb eines riesigen Ensembles zu werfen. Darum geht es – und um den Spass an absurden Situationen.

 

Wo liegen die besonderen Qualitäten der Musik in dieser Rossini-Oper?

Das grösste Qualität der Musik liegt in Rossinis besonderer Begabung, Absurdes oder Groteskes in Musik zu fassen. Gerade deshalb wird aus dem Mangel an Handlung ein spezieller Trumpf des Werks. Der Komponist fühlte sich völlig frei, unterschiedlichste musikalische Formen auszuprobieren: vierzehnstimmige Ensembles etwa oder personenkonforme Nationalhymnen …

 

Das Stück war gerade in Zürich in einer Neuproduktion von Christoph Marthaler zu sehen. Erschwert das die eigene Arbeit? Oder regt das an?

Die wunderbare Inszenierung von Christoph Marthaler fand ich ungeheuer inspirierend. Meinen eigenen Zugang zum Werk hatte ich da ja schon längst gefunden.

PRESSESTIMMEN

Die Pointen sind so gewählt, dass sie die Individualität der (...) Sängerinnen und Sänger köstlich herausstellen. Flurin Caduff glänzt mit seinem Buffo-Temperament in der Rolle des deutschen Barons, der seine Alphorn-Imitation auch mal wie eine Kanone einsetzt. Boris Petronje karikiert mit abschnurrendem Parlando und profundem Bass köstlich die Nationalitäten, die auf der Bühne versammelt sind. Carla Maffioletti bringt mit lupenrein hingetupften Koloraturen die Nähe von Rossinis Gesangskunst zum Zirzensischen zur Geltung. Dass Mentha namentlich bei den Sängerinnen Entdeckungen gelungen sind, beweist auch Teodora Gheorghiu in der Rolle der Hausherrin mit einer bezaubernd leichten Stimme, die an Expressivität und durchdringendem Glanz gewonnen hat. Vokale Höhepunkte sind auch die Auftritte von Jutta Maria Böhnert in der Rolle der Primadonna Corinna, die aus dem Off ebenso bezaubert wie da, wo sie sich in den Harfenseilen zwischen Arm und Bein verheddert. (...) Wenn Todd Boyce uramerikanische Songmelancholie in den Raum zaubert und in dem als Clown-Meute kostümierten Theaterchor die Feuerzeuge aufleuchten, finden Komik und grosse Emotionen in einem lachenden und einem tränenden Auge zusammen. Und das geht über den Radetzky-Charme von Robert Maszl, französische Opernchansons und eine fernöstliche Träumerei (mit den Jungtalenten Alexandre Beuchat und Eunkyong Lim) so weiter bis zum Schluss.

Neue Luzerner Zeitung, 3. Mai 2016

 

Die Luzerner Inszenierung hat dieses ganz neu arrangiert. Mentha und Musikdirektor Howard Arman, Arrangeur und Dirigent des Abends, feiern das Ensemble ihres Theaters, das noch viel internationaler ist, als sich Rossini wohl vorstellen konnte, und alle konnten nun musikalisch an ihre Herkunft anknüpfen, und so  klang es sehr beherzt amerikanisch, polnisch und auch fernöstlich in diesem Finale. Die musikalische Feier ist auch ein Kostümfest. Während Werner Hutterli mit einer einfachen Konstruktion clever eine Art Zirkusarena andeutet, mit Laufsteg durchs Parkett, Samtvorhang im Hintergrund und dem Orchesterpodest auf der Bühne, nutzt Susanne Hubrich das Stichwort Zirkus zu einem Fantasierausch zum Thema Clown.

roccosound.ch, 2. Mai 2016

 

Für seine Abschiedsvorstellung am Luzerner Theater hat sich Direktor Dominique Mentha offensichtlich zwei Sachen vorgenommen: Noch einmal so richtig auf den Putz zu hauen und die Leute zum Lachen zu bringen sowie sein Gesangsensemble noch einmal ins Scheinwerferlicht zu stellen. Die Wahl einer Rossini-Oper ist für ebendiesen Zweck passend, eine tiefschürfende Handlung hat das Werk nämlich nicht, dafür wird eine grosse Besetzung aufgefahren. Alle Ensemblemitglieder kommen noch einmal gebührend zum Zug. (...) Dominique Mentha macht an seinem letzten Opernabend im Luzerner Theater noch einmal das, was ihm Spass macht – und dies sei ihm gegönnt.

SRF Regionaljournal Zentralschweiz, 2. Mai 2016

 

Mentha schafft in seiner Inszenierung für die Mitglieder seines Ensembles – heutige wie ehemalige – noch einmal Raum für einen grossen Auftritt auf dieser ihrer Bühne. Das ist eine starke Geste gegenüber seinen Luzerner Mitstreitern, die in der umkomponierten Schlussszene gipfelt. Hier bieten die Protagonisten bei Rossini ursprünglich Lieder aus ihren Herkunftsländern dar; stattdessen hat Howard Arman, der Musikdirektor des Theaters und musikalische Leiter der «Viaggio»-Produktion, das Finale neu gestaltet: mit Liedern aus der Heimat jedes Einzelnen der Luzerner Sänger. Und auch wenn diese Szene vor der Schlussarie Corrinas (von Jutta Maria Böhnert warm und klangvoll gesungen) ein bisschen lang gerät: Spielerisch und wie nebenbei hat sich Rossinis bunt gemischte Europäer-Schar hier in das beliebte Luzerner Ensemble zurückverwandelt, das mit seinem Publikum Abschied feiert.

Neue Zürcher Zeitung, 4. Mai 2016

 

 

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Mit freundlicher Unterstützung der Ernst Göhner Stiftung.