Geister sind auch nur Menschen

Luzerner Theater

Geister sind auch nur Menschen

Schauspiel von Katja Brunner
In Zusammenarbeit mit dem Stück Labor Basel
Uraufführung
Premiere: 08. Mai 2015

Mit einer «Masse an Stimmen» und einem «Arsenal am Altern Teilnehmender» wie Frau Simplon, Frau Grantl und Frau Heisinger sowie einigen Pflegenden bevölkert Katja Brunner ihr neues Stück – und «los geht ein SPRECHEN OHNE ZUKUNFT, DAHER FREI VON JEDER NÜTZLICHKEIT, daher freier als manch anderes Sprechen».
Es geht um akute physische Notstände, auch in Geriatrie(selbsthilfe)gruppen, die Nöte des Alterns und Strategien des Überlebens dank eigenem Regelwerk für Betagte, gehäufte Ausfälle bei wechselnd bewölkten Namen, Kindersuche und Demenzdiagnose – voilà! Und auch der Gummibaum muss mal gestreichelt werden. Und Hilfskräfte scheitern an den kleinen Dingen, wie «Zeitumstellung zweimal jährlich» und Pünktlichkeit mit dem Frühstückslieferwagen. Ein Aquafit-Kurs ist schnell ausgebucht. Und ehe man sich‘s versieht, landet man in der Pflegestufe DREEEI.


Dinge, an die ich (nicht) glaube
Ich glaube an Mut, ich glaube an Schwüre geschworen in Zelten kurz bevor die Sonne aufgeht mit Blut aus aufgekratzten Mückenstichen, ich glaube an Mütter, Mutterfiguren, ich glaube an die Sprache & ihre Kraft, an häusliche Gewalt, ich glaube an die Wichtigkeit der Frage WOHIN MIT DER GANZEN AGGRESSION, WOHIN MIT DER GANZEN TRAUER WOHIN MIT DEN BEIDEN DIE KANN MAN DOCH NICHT EINFACH RAUSKOTEN DIE BLEIBEN DOCH IRGENDWO IN DIESEM KÖRPERGESTELL, auch glaube ich an den Kontrollverlust als klammheimlichen Heilsbringer. Ich glaube an Verdauungsbeschwerden durch Katholizismus und ich glaube daran, dass es der tollen Feige eine Beleidigung sein muss, dass die Feigheit ihr so ähnlich klingt. Ich glaube nicht ans Kleingedruckte, dafür an vergiftete Bonbons, an Scham und Schuld, dieses unzertrennliche Paar. Ich glaube an folgenden Satz: «ICH FINDE NICHT NAIV SEIN NOCH VIEL NAIVER.»
Vor allem steht fest: Ich glaube an Theater als Ort, an welchem die Pathologien eines Jetzt und einer gemeinschaftslosen Gemeinschaft Auslauf haben. Ich glaube an das Theater als Ort, an dem die Ambivalenzen zu und mit den Pathologien wuchern. Ich glaube ans Theater als Ort, wo diese zur Besichtigung, Auseinandersetzung freigegeben sind, Theater als Heilsbringer. Ich verehre diesen Satz: «DAS EINZIGE, WAS KUNST KANN, IST SEHNSUCHT WECKEN NACH EINEM ANDEREN ZUSTAND DER WELT UND DIESE SEHNSUCHT IST REVOLUTIONÄR.»

Katja Brunner


Katja Brunner, 1991 in der italienischen Schweiz geboren, wuchs in Zürich auf. Mit ihrem Debüt «Von den Beinen zu kurz» gewann sie 2013 den MÜLHEIMER DRAMATIKERPREIS, den höchst gesetzten Autorenpreis im deutschsprachigen Theater, und ist die jüngste Preisträgerin in der Geschichte dieses Wettbewerbs. (Die Schauspielerin Wiebke Puls, Jurymitglied: «Katja Brunner hat mich zutiefst gepackt. Sie ist skrupellos, aber feinfühlig. Ihre Sprache ist gewaltig, rabiat, schamlos, hoch artifiziell. Es ist dünnes Eis, auf das sich die Autorin begibt – sie betritt es nicht nur, sie liegt unter diesem Eis, wirklich mitten im See.» Und Tobias Becker, Kulturredakteur des SPIEGEL, Jurymitglied: «Katja Brunner setzt die Moral aufs Spiel; es ist sehr heikel, was sie macht – aber genau für solche Texte brauchen wir das Theater.») Zudem wurde sie in der  Kritikerumfrage des Fachmagazins «Theater heute» zur NACHWUCHSAUTORIN DES JAHRES 2013 gewählt. Nach ihrem für das Luzerner Theater geschriebenen Stück «Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg?» ist sie in der Spielzeit 2014/15 unsere Hausautorin.

 

Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

PRESSESTIMMEN

Brunner, geboren 1991, hat eine Wutrede geschrieben gegen die Zumutungen des Alters, deftig und derbe und auch mal ordinär. Sie lässt wirre Gedanken emporwirbeln, aus den Tiefen gelebter Leben. Und doch ist ihr Text nicht depressiv, er steckt voller Sehnsucht: Sehnsucht nach dem Tod, aber auch Sehnsucht nach dem Leben, nach Sex und kleinen Süchteleien, Alkohol und Kippen, nach Berührungen ohne Handschuhe, "ohne den Geschmack von Funktionalität". (…) "Katja ist eine Sprachmalerin", sagt die Regisseurin Goetze; in Brunners Texten fühle sie sich wie Alice im Wunderland. Und so fühlt sich auch der Zuschauer im Luzerner Theater: Wie in einem Altenheim hinter den Spiegeln. Goetze betont das Groteske und Fantastische der Vorlage, ganz ähnlich wie sie es schon 2013 getan hat, in ihrer genial-surrealen Version von Brunners Missbrauchstück "Von den Beinen zu kurz". Die Hannoveraner Inszenierung trug damals ihren Teil dazu bei, dass Brunner in der Kritikerumfrage des Fachmagazins "Theater heute" zur Nachwuchsautorin des Jahres gewählt wurde und den Mülheimer Dramatikerpreis gewann, als jüngste Autorin aller Zeiten. Zum Heulen schön Brunners neues Stück ist vielleicht nicht ganz so stark wie ihr Debüt, trotz einiger Hammersätze. Aber die Inszenierung insgesamt: Sie ist der Hammer. Man sollte Brunners Texte künftig nur noch in Goetzes pflegende Hände geben.

Spiegel Online, 11. Mai 2015

 

Wie viel besser machen das jetzt die Autorin Katja Brunner und die Regisseurin Heike M. Goetze in Luzern. Ihre Uraufführung von «Geister sind auch nur Menschen» ist eine Sensation. Zunächst, weil Brunner, die 1991 geborene Trägerin des Mühlheimer Dramatikerpreises von 2013, die Alten entschieden am Leben lässt: «Ich sehe, dass du fühlst», heisst es einmal in ihrem langen, im Halbbewussten strömenden Textsermon. So gibt es hier zwar prekäre Anstaltsbewohner in halb noch weissen, halb schon uringelben Kleidern, die in heftigen Textauswürfen ihre trockengelegten Intimbereiche und vollgekoteten Wände beklagen. Doch hat Katja Brunner auch feinere Passagen geschrieben, entlang der Bruchstellen, an denen die Würde lebt oder eben stirbt: über diesen seltsamen eigenen Körper etwa, der da im Heim «zu liegen gekommen» und «mit der Bettstatt vereinigt» ist. Oder dann ist da auch der Monolog eines Neuwitwers, der allein in seinem Zimmer sitzt und seinen Halbschlaf und seine Geräusche registriert. Die 1978 geborene Heike M. Goetze behält in jedem Moment den Überblick über den ausladenden Text. Mal montiert sie ihn als irrlichternde Alterspsychedelia aus verspulten Satzfetzen und der dementen Stromgitarre von Malte Preuss, mal schenkt sie ihm alle Konzentration und horcht ihn noch auf die feinsten Regungen ab. Aber immer stellt sie klar, dass es junge Menschen sind, die sich hier das Alter grausam fantasieren.

Tages-Anzeiger, 12. Mai 2015

 

Der virtuos vor sich hin mäandernde Text, den die Regisseurin variationenreich aufteilt zwischen Einzelstimmen und Gruppenszenen, strotzt vor bösem Witz, und doch unterlegt ihn anrührende Poesie: Falten als Gesichtsverzierung, Hämatome wie Blümchenschmuck, so trösten sich tapfer die Frauen, wenn Kotzlachen zu «Blutergüssen der Seele» wird: «Wir haben keine Hoffnung, dafür eine Reservation für den Grabplatz.» (…) Doch echten Rat weiss niemand. Dem Rollstuhlfahrer, der sich über Bevormundung durch die «Töchtersöhne» beklagt, hilft der stereotype Zuspruch «Na bravo» kaum weiter: «Niemand will uns zuhören», lautet die Klage. Abhilfe schafft auch Katja Brunner nicht, indem sie die Zustände an- und beklagt. Was kann man schon tun für Übriggebliebene wie jenen Witwer, der nach dem Tod seiner Gattin erfuhr, dass sie lesbisch war? Die Luzerner Revue, deren undramatische Anlage Heike M. Goetze szenisch dynamisiert (und bisweilen auch nur dekoriert), gibt solcher Ohnmacht eine laut und klar vernehmliche Stimme. Bei allem schwarzen Humor: ein potentes Plädoyer.

Neue Zürcher Zeitung, 11. Mai 2015

 

Regisseurin Heike M. Goetze geht mit den Texten von Katja Brunner spielerisch um. Sie werden direkt auf der Bühne gesprochen, ertönen ab Lautsprecher oder erscheinen als Schriftbild auf der Bühne. Heike M. Goetze holt zudem alte Menschen – Laien – auf die Bühne und kehrt die Rollen um. Sie lässt das Schauspielensemble des Luzerner Theaters von den alten Leuten pflegen: Waschen, Zähne putzen, Haare kämmen. Dieser Einfall besticht. Der Rollentausch sorgt für eine tragisch-komische Situation. Die Theateraufführung weist einige Längen auf, auch die Texte wiederholen sich teilweise inhaltlich, trotzdem überzeugt die Uraufführung durch die intensive Sprache und die einfallsreiche Inszenierung.

Radio SRF1, 10. Mai 2015

 

Unerbittlich und schonungslos ist der Blick aufs Altsein. Doch die Anklage und Kritik richten sich nicht gegen die alten Menschen, sondern dagegen, wie die Gesellschaft mit ihnen umgeht. Angeprangert wird, dass wir eine Generation verlottern lassen, die uns noch so viel zu sagen und zu geben hätte. Katja Brunner gibt alten Menschen eine Sprache, damit wir ihre Nöte und Träume hören, welche die Autorin, die bei ihren Recherchen mit alten Menschen sehr gut zugehört hat, ernst nimmt und in wütende Wortkaskaden, aber auch poetische Wendungen fasst. Wie wortmächtig die Dramatikerin ist, zeigt sie auch in diesem Stück mit Texten, welche die Schauspieler extrem fordern und Zuhörer zeitweise gezielt überfordern. Die deutsche Regisseurin Heike M. Goetze unterstützt mit ihrer Inszenierung die versöhnlichere Seite des Stücks. Neben Wut und Trauer lässt sie auch den leisen Emotionen und dem Humor Raum. Mit ruhigen Bildern lässt sie den Text Wirkung entfalten. Einen wichtigen Part hat die Musik von Malte Preuss, die Stimmungen aufgreift, lautstark anheizt oder besänftigend auf das Geschehen einwirkt.

Zentralschweiz am Sonntag, 10. Mai 2015

 

Die Sprache der nur locker verbundenen Teile ist kompromisslos, frech, gelegentlich auch ganz schön unflätig. Die Autorin scheut nicht vor Kalauern wie "Pflegefachschwächen", „Schulddrüsen" oder "er war beliebt und beleibt" zurück. Die Regisseurin Heike M. Goetze spiegelt das Irreale dieser Sprache in alptraumhaften Szenarien: Wortgedonner aus dem Off beispielsweise, begleitet von trommelfellsprengender Kakophonie; weisse Tiermasken, vermutlich Traumsymbole; und besonders witzig: ein herumhampelnder Pfleger, der seine eigene Stimme synchronisiert.

Sda, 9. Mai 2015

 

Es ist, als habe sich Heike M. Goetze einen Satz von Katja Brunner besonders zu Herzen genommen: "Ich sehe, dass du fühlst", heißt es gegen Ende des Stücks. Es ist also eine Hoffnung eingebaut in diese irrlichternde Vision des Alterns und Verfallens, die im Tanznachmittag der verratzten Bettmatratzen zum Höhepunkt kommt. "Wir sehen uns wieder", sagt eine Stimme noch, "Pflegestufe drei". Und das klingt nun wieder wie eine Drohung. Sollen wir uns fürchten? Vielleicht. Aber vielleicht ist dieser Theaterabend auch nur ein Enkeltrick. Ein großartig gelungener.

Nachtkritik.de, 8. Mai 2015

 

Die Inszenierung von Heike M. Goetze ist genauso beachtlich wie der Text von Katja Brunner. Mit der Musik von Malte Preuss passt alles wie die Faust aufs Auge. Oder in den Magen. So fühlt sich’s manchmal an. Es ist ein Gesamtwerk, eine Symphonie, die manchmal kreischt und unstimmig ist. Genau wie das Älterwerden. Und manchmal ganz zärtlich ist, wie der Trost, den man sich immer wünschen wird.

Kulturteil.ch, 13. Mai 2015