Der Besuch der alten Dame

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Luzerner Theater

Der Besuch der alten Dame

Tragische Komödie von Friedrich Dürrenmatt
Premiere: 11. November 2011

«Du hast dein Leben gewählt und mich in das meine gezwungen. Du wolltest, dass die Zeit aufgehoben würde, eben im Wald unserer Jugend, voll von Vergänglichkeit. Nun habe ich sie aufgehoben und nun will ich Gerechtigkeit, Gerechtigkeit für eine Milliarde.»

Dies der Anspruch von Claire Zachanassian, als sie nach Jahrzehnten steinreich in ihre Heimatstadt zurückkehrt und den Bürgern eben diese Summe als Schenkung verspricht, unter einer Bedingung: Alfred III, ihr damaliger Geliebter, welcher sie geschwängert und dann verlassen und verraten hat, muss sterben. Ihr Angebot wird umgehend und vehement abgelehnt. Aber nach und nach ...

Friedrich Dürrenmatts vor 55 Jahren uraufgeführte, groteske und rabenschwarze Abrechung mit der Scheinmoral des Bürgertums ist ein Klassiker der Schweizer Dramenliteratur. So viele Jahre ist es her, dass er die Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, nach Schuld und nach Sühne, nach Verbrechen und Vergebung erbarmungslos stellte. Wieviel ist von diesem Vorwurf, wieviel ist von dieser Beschreibung des Aufgebens aller ethischen Grundsätze durch die Verführbarkeit, der Macht des Geldes noch immer denkbar?

«Gerechtigkeitsliebe. Nicht schlecht. Wirkt immer.»

Der Regisseur Wojtek Klemm wurde in Warschau geboren und inszeniert nach seinem Regiestudium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch» unter anderem in Warschau, Krakau, Tel Aviv, Wien sowie an der Volksbühne in Berlin.

Lesen Sie hier ein Interview im Vorfeld der Premiere mit Regisseur Wojtek Klemm, erschienen in der Neuen Luzerner Zeitung.

PRESS FEEDBACK

Das ist nun keine alte Dame, wie sie im Buche steht. Eine ausgesprochen junge Claire Zachanassian besucht ihr Heimatdorf, um sich für vergangenes Unrecht zu rächen: Die Schauspielerin Agnieszka Podsiadlik ist dreissig, Polin wie der Regisseur, und sie spricht denn auch vorwiegend polnisch in Güllen. Ein doppelter Verfremdungseffekt – er bekommt Wojtek Klemms Inszenierung von Dürrenmatts bekanntester Komödie am Theater Luzern durchaus. (…) Wie eine archaische Rachegöttin reckt Claire Zachanassian oben ihre Arme, unten prosternieren sich devot die Güllener; sie wirft einen High Heel herunter, und Alfred Ill (Jürg Wisbach) apportiert ihn beflissen auf allen vieren wie ein Hündchen. Das ist zum Heulen komisch, aber eben auch zum Heulen, es zeigt viel von der Hierarchie der Figuren, von ihren Motivationen, von den Abgründen, über denen sie ihre Spiele treiben: zynische Spielchen. Regisseur Wojtek Klemm arbeitet mit starken körpersprachlichen Bildern, mit einer körperorientierten Symbolik, die einerseits ausgesprochen erheiternd ist, anderseits die boshafte Logik von Dürrenmatts Komödie mit aller gewünschten Drastik herausstreicht. Die Luzerner Inszenierung hat darin auch etwas Lehrstückhaftes, ist aber in keinem Moment didaktisch, sondern unterhaltsam, spannungsvoll, dicht – da immer sprechend auf mehreren Ebenen zugleich. Wojtek Klemm hat aus den Luzerner Schauspielern einen Güllener Gesellschaftshaufen von hinreissend urchiger Swissness und skrupelloser Rechtschaffenheit herausgekitzelt. (…) Immer wieder stoppt Klemm die in alle Himmelsrichtungen abhebende Komik – und sie ist wirklich komisch, weil stets stringent, niemals Selbstzweck – und konterkariert sie mit authentischen Momenten des Schreckens. Dürrenmatts Pointen sind böse, Wojtek Klemms Blick darauf steht ihnen in nichts nach. Güllener Spiele sind böse Spiele.
Neue Zürcher Zeitung, 14.11.2011

Wie fliessend in Güllen der Rechtsstaat und die direkte Demokratie in die Folklore übergehen, zeigt besonders schön der Bürgermeister. Jörg Dathe gibt ihn als aschgraue, aber auch hochkomische Kippfigur zwischen biederstem Bummelwitz und einer Demagogie, die nicht mal bemerkt, dass sie Demagogie ist. Wojtek Klemm, der sein Regiehandwerk bei Frank Castorf an der Berliner Volksbühne gelernt hat, erzählt die Geschichte ziemlich linear entlang der Vorlage. Beeindruckend ist, wie es ihm trotzdem gelingt, das europäische und schweizerische Tagesgeschehen in das 56 Jahre alte Stück hereinzuholen, ohne den Text gross ändern oder aktualisieren zu müssen. Ein paar schrille, vor allem aber viele subtile Eingriffe und ein starkes, wendiges Ensemble machen ihn durchlässig für die heutige Befindlichkeit.
Tages-Anzeiger, 14.11.2011 

Die polnische Schauspielerin Agnieszka Podsiadlik spielt mit ihren 30 Jahren Dürrenmatts «alte Dame» so kühl kaltschnäuzig wie warmherzig im Nachklang lang vergangener Verliebtheit. Daniela Britt, die sie als Zofe, Begleiterin, Schatten und Doppelgängerin Saba begleitet – eine tolle Rolle und grandios gespielt –, übersetzt in breiteste Mundart, was Claire auf Polnisch sagt. (...) Der polnische Regisseur Wojtek Klemm (37) zeigt in Luzern einen atemberaubend frischen und jungen «Besuch». Er gibt ihm die Erfahrung der Fremdheit mit, den Schrecken über die eigenen inneren Abgründe. (...) Das Ensemble blüht in komödiantischer Spiellaune auf: Jörg Dathe als Bürgermeister, Bettina Riebesel als Lehrerin, Mario Fuchs als Pfarrer, Christian Baus als Polizist, Wiebke Kayser als Ills Frau. Im urwüchsigen Waldmännerkleid, mit Glocken und Trycheln zu Alphornklang und künstlichem Nebel bringen sie träggemütliche «Swissness» auf die Bühne, dass es zum Lachen und Gruseln zugleich ist. (...) Es ist eine wahrhaft Dürrenmatt’sche, bitterböse und entlarvende Komik – und eine packende Inszenierung, die zeigt, was Theater kann, wenn Text und Stück in die Körper kommen, Bewegungen und Gesten umgekehrt Sprache werden. Deshalb verliert diese «Alte Dame» trotz radikaler Striche und Reduktion der Figuren rein gar nichts.
Neue Luzerner Zeitung, 13.11.2011

Wenn ein Theater einen neuen Zugang zu einem Bühnenklassiker sucht, stellt sich immer die Frage, ob das Unterfangen auch gelingt. In diesem Fall ist es gelungen. Mit der Annäherung von aussen wird Kritik an der Schweiz, wie sie Dürrenmatt zu seiner Zeit ausgeübt hatte, zeitgemäss umgesetzt. (...) Eine solche künstlerisch internationale Vernetzung ist fürs Sprechtheater in der Tourismusstadt Luzern ein möglicher Weg in die Zukunft.
Radio DRS Regionaljournal, 12.11.2011

Was Regisseur Wojtek Klemm am Luzerner Theater mit der «alten Dame» anstellt, ist beeindruckend und auch ein wenig unheimlich. Er erzählt seinen Dürrenmatt recht linear als das, was er ist, nämlich als Parabel auf die Krisenanfälligkeit des Rechts. Und gleichzeitig führt diese Parabel, ohne allzu fest drauf zu drücken, durch die ökonomischen und moralischen Blasen der schweizerischen und europäischen Gegenwart. Wohl dosiert, klug und immer wieder hoch komisch.
Nachtkritik.de, 11.11.2011

Der polnische Regisseur Wojtek Klemm, der u.a. bei Castorf und Schlingensief assistierte, überzeugt in Luzern mit einem mutigen Zugriff auf das Stück. Die stark gekürzte Stückfassung spielt etwa Ills Vergehen herunter, da seine aktiven Leugnungsstrategien, die Zeugenerpressung und das unterwürfige Schuldgeständnis  gestrichen sind. Und sie vereint die zahlreichen Gatten und Diener der Dame zu einer einzigen kokettierenden Zofe. Die radikalste Veränderung betrifft die alte Dame selbst: Gespielt von der polnischen Schauspielerin Agnieszka Podsiadlik ist sie ausgesprochen jung, prothesenfrei und in ihrem Deux-Pièces äusserst attraktiv. Sie lächelt, doch ihre Absätze durchlöchern die über die ganze Bühne ausgelegten Kartons wie Schüsse. (...) Die Zofe ist mit der Dame so eng verbunden, dass sie wirkt wie deren abgespaltener, Schweizerdeutsch sprechender Teil, der Teil von damals. Mit offensichtlicher Spiellust gibt Daniela Britt dieses überdrehte, flirtende Girl, dessen sublimierte Aggression sich zwischendurch in Fremdtexten von Heiner Müller, Lothar Trolle, und Léon Bloy über Anakondas, Löwen und Krokodile Bahn bricht. (...) Klemm setzt auf hohes Tempo, flirrende Nervosität. Rollen werden so schnell gewechselt wie Werte. (...) Die schleichende Korruption durch die Milliarde der Dame wird in dieser Umsetzung subtiler gehandhabt als im Original und ist entsprechend unangenehmer.
Theater der Zeit, Februar 2012