Dracula oder Frust der Unsterblichkeit

UG

Dracula oder Frust der Unsterblichkeit

Eine theatralische Soirée
Premiere: 30. Januar 2015

Er scheut das Tageslicht, Knoblauch und Kreuze. Er gilt als furchterregender Blutsauger, der den Menschen Lebenskraft aussaugt, um selbst unsterblich zu sein. Er ist aber auch ein sensibles Wesen, melancholischer Neurotiker, eine fragile Gestalt, aus der Zeit gefallene Kreatur und ein individualistischer Aussenseiter, der am Rande der Gesellschaft sein Schattendasein fristet. Interpretiert man seine Unsterblichkeit nicht als bedrohliche Überlegenheit, sondern als schwere Bürde, ist der Vampir vor allem als eine gequälte Seele zu bemitleiden. Denn ist die ewige Jugend wirklich so erstrebenswert?

Der Mythos des blutdürstigen Wiedergängers, der des Nachts sein Unwesen treibt, entstand auf dem Balkan im 16. Jahrhundert. In Literatur und Film wurden die Blutsauger mehrfach verewigt. Einer der bekanntesten Romane ist sicherlich Bram Stokers «Dracula» aus dem Jahr 1897, der die Vorlage für den genrebildenden Stummfilm-Klassiker «Nosferatu – eine Symphonie des Grauens» (1922) von Friedrich Murnau lieferte. In den letzten Jahren wurde der Vampir immer mehr entmythisiert, sein Wandel von der furchterregenden zur tragischen Figur war vollzogen. Vermenschlicht und domestiziert, ist er nun mehr Verführer mit unwiderstehlicher Anziehungskraft als gefürchtete Schreckensgestalt, wie die erfolgreiche «Twilight»-Saga oder Jim Jarmuschs neuester Film «Only Lovers Left Alive» beweisen.

Die Regisseurin Lia Schmieder studierte Musikwissenschaften, Publizistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich und der Humboldt Universität Berlin. Sie absolvierte mehrere Regiehospitanzen und -assistenzen am Opernhaus Zürich, am Theater Basel sowie an der Komischen Oper Berlin, unter anderem bei den Regisseuren Robert Wilson, Sebastian Baumgarten und Andreas Homoki.

PRESSESTIMMEN

Ob ein Theaterabend gut war, erkennt man daran, ob man sich ihn nochmals ansehen möchte. Vielleicht gar unzählige Male? Diese Frage würde «als das grösste Schwergewicht auf allem unserem Handeln liegen», meinte Friedrich Nietzsche zum Gedanken von der ewigen Wiederkehr des Gleichen: Wenn wir nicht sterblich wären, sondern unser Leben, «so wie du es jetzt lebst und gelebt hast, noch einmal und noch unzählige Male» leben müssten. Keine platten Vampir-Klischees Das ist einer der Texte, die die dritte Schauergeschichten-Produktion im UG des Luzerner Theaters zur Collage «Dracula oder Frust der Unsterblichkeit» versammelt. Der Vampir-Stoff gibt dafür einen schillernden Aufhänger, ohne Klischees platt auszureizen. (…) Die drei Schauspieler geben den Texten in der Regie von Lia Schmieder eine unaufgeregte, bis zum Schluss anhaltende Intensität. Und bestätigen, was man sich schon bei der süffigen Grimm-Parabel zu Beginn dachte. Nach dieser lebt der Mensch, der sich ein längeres Leben wünscht als Esel, Hund und Affe zusammen, nur die ersten 30 Jahre als Mensch. Dann plackt er sich ab wie ein Esel, wird abgeschoben wie ein zahnloser Hund und macht sich im Alter schwachköpfig zum Affen. Da war sie schon da: Die Wiederkehr des Immergleichen, das so aktuell bleibt, dass man ihm wie an diesem Abend nochmals und immer wieder zuhören kann.

Zentralschweiz am Sonntag, 1. Februar 2015

 

Anhand von Texten diverser Schriftsteller wie Kierkegaard, Rousseau, Jelinek, Nietzsche sinnieren und philosophieren die drei über das Leben und Sterben, über die Ewigkeit, die Unsterblichkeit. Das Ganze kommt zwar ruhig daher aber nicht emotionslos. Wiebke Kayser haucht ihre Texte mehr als dass sie sie spricht, den Blick zu Boden gerichtet, oder ins Nichts, sie selber mehr Nichts als Geschöpf, kraftlos, halbblind, ihre Bewegungen leblos, beinahe sphärisch, als könnte sie sich jederzeit auflösen. Ganz stark die Szene, wo sie und Clemens-Maria Riegler sich wie verletzte Vögel in sanft-fliessenden Gesten umgarnen, Rieglers Spiel intensiv wie immer, aber mit einer anderen Dimension der Intensität.

Nein, da ist kein Horror, auch wenn Blut getrunken wird, auch wenn die zwei wie Fledermäuse von einer Stange hängen, auch wenn grausige Riten beschrieben und dunkle Mythen heraufbeschwört werden. Da ist eine gewisse Faszination und gleichzeitig ein gewisses Erbarmen, man wünscht sich für die beiden, sie würden erlöst von diesem kraft- und lustlosen Leben, erlöst von der Unsterblichkeit, die sich in dieser Form keiner wünschen kann. Aber wenn das Publikum den dunklen Ort des Geschehens verlässt, liegen die beiden wieder in ihrer Anfangspose auf dem roten Tuch, sie liest vor, er hört zu, bereit zur ewigen Wiederholung.

Innerschweiz Online, 22. Februar 2015