Don Pasquale

Luzerner Theater

Don Pasquale

Dramma buffo in drei Akten von Gaetano Donizetti
Text von Giovanni Domenico Ruffini und Gaetano Donizetti
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere: 27. April 2014

So mancher Mann stellt irgendwann fest, dass Frauen ihren eigenen Kopf haben. Das kann zu unliebsamen Überraschungen führen. Dass die Diskrepanz zwischen Liebestraum und Beziehungsrealität ihre komische Seite besitzt, vor allem für Aussenstehende, beweisen auf brillante Weise der Komponist Gaetano Donizetti und sein Textdichter Giovanni Domenico Ruffini in ihrer gemeinsamen Farce «Don Pasquale».

Ein mittelloser junger Mann liebt eine arme junge Witwe. Das Geld besitzt sein Onkel, der jedoch von dieser uneinträglichen Verbindung nichts wissen will und sich stattdessen in eigenes Eheglück hineinschwärmt. Organisieren soll ihm das ein guter Freund, der aber mehr die Zukunft des unglücklichen Neffen im Auge hat. So wird der reiche Onkel als therapeutische Massnahme mit besagter Witwe verheiratet. Doch kaum ist die Hochzeit gefeiert und das Vermögen geteilt, da verwandelt sich die liebreizende, engelsgleiche, unterwürfige Frau in das völlige Gegenteil …

Donizetti reichte mit «Don Pasquale» 1843 eine Opera buffa nach, als es diese Gattung eigentlich gar nicht mehr gab – zumindest nicht im Bewusstsein der komponierenden Avantgarde. Dabei ging er seinen bei «L’elisir d’amore» unterbrochenen Weg konsequent weiter, indem er die Figuren verstärkt als mensch­liche Individuen zeichnete und dem musikalischen Satz, den Wechselfällen jener überdrehten Klamotte entsprechend, zu gesteigerter Beweglichkeit verhalf. So gehört das Werk, obgleich eines der letzten seiner Gattung, zu den Höhepunkten der italienischen Musikkomödie.

Vorstellungsdauer: 2 ¼ Stunden mit einer Pause

GESPRÄCH

MODERNE FRAUENBILDER

Johannes Pölzgutter im Gespräch mit Christian Kipper

In «Don Pasquale» geht es um eine Dreieckskonstellation. Norina ist stark und selbstbewusst. Wie verhalten sich die beiden Männer dazu? Ist der junge Ernesto das positive Gegenbild zum alten Don Pasquale?

Nein, wie in jeder guten Komödie gibt es keinen perfekten Menschen in diesem Stück. Ernesto erscheint teilweise genau so vertrottelt, wehleidig und eitel wie Don Pasquale. Er tappt zu Beginn ebenso ratlos durch die Intrige wie sein heiratswütiger Onkel und wird erst relativ spät von den beiden Verschwörern (Malatesta und Norina) eingeweiht. Was die beiden allerdings unterscheidet, ist das modernere Frauenbild, das Ernesto hat. Don Pasquale wünscht sich eine sittsame, stille Partnerin, die hauptsächlich dazu da ist, um ihm den Haushalt zu führen und – natürlich nur wenn er es will – Gesellschaft zu leisten. Ernesto hingegen liebt Norina so, wie sie ist. Wahrscheinlich auch, weil es ihm selbst schwerfällt sich durchzusetzen. Da kommt ihm eine emanzipierte, selbstbewusste bessere Hälfte gerade recht.

Welche Rolle spielt dabei Malatesta?

Malatesta ist der Regisseur in diesem Stück, der Puppenspieler, der die Fäden zieht. Er hat offensichtlich wahnsinnige Freude daran, Menschen zu manipulieren. Eine typische Figur der Buffo-Oper, die mit sadistischer Freude das Geschehen lenkt und über den Dingen steht. Er plant die komplette Intrige und vermag geschickt, auftretende Probleme umgehend zu lösen. Seine Motivation bleibt hingegen im Dunkeln. Ob er sich nun selbstlos für die Liebe von Norina zu Ernesto einsetzt oder mit Don Pasquale noch eine Rechnung offen hat, lässt sich nicht feststellen.

Dass hysterische Frauen keine Lust darauf machen, mit ihnen eine Ehe zu führen, ist naheliegend. Geht’s in der Oper um diese Erkenntnis?

Ich glaube es geht weniger um hysterische Frauen, als um das Bild das Männer von einer perfekten Ehefrau haben. Das Sujet, alter Mann will junge Frau heiraten, besitzt eine lange Theatertradition und gehört fest ins Repertoire der italienischen Komödie. Zur Zeit der Commedia dell’arte herrschten in Italien klar definierte Rollenbilder für Frauen: Mutter, Nonne oder Kurtisane. Die Colombina aber durchbricht genau dieses Schema. Sie tritt als kluge, mündige und selbstbewusste Frauen auf. In dieser Tradition steht natürlich auch Norina. Don Pasquale bekommt am Ende nicht nur sein physisches Alter vorgehalten, er muss viel mehr auch erkennen, wie sehr sich die Gesellschaft um ihn herum verändert hat.

Alle Figuren gehen also deutlich auf Vorbilder in der Commedia dell’arte zurück. Sind es Typen, Charaktere oder Persönlichkeiten?

Es sind Typen, Charaktere und Persönlichkeiten. Natürlich folgt Donizetti dem Muster der Vorlage, doch entwickelt er mit Hilfe der Musik eine Charakterisierung, die diese Stereotype mit individuellem Leben füllt. So sieht und hört man etwa Don Pasquale als zutiefst gekränkten Mann oder Ernesto und Norina als sehnsuchtsvolles Liebespaar. Das sprengt die Dimensionen der traditionellen Commedia dell’arte.

Die Handlung ist auffallend eindimensional. Es gibt keinerlei Nebenintrige. Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil für die Regie?

Ein absoluter Vorteil. Die Handlung lässt so sehr viel Luft für Interpretationen, was gerade bei Komödien eine grosse Chance ist. Auch hier ist die Parallele zur Commedia dell’arte nicht zu übersehen. Das Gerüst aus Typen und leicht verständlicher Handlung gab den Darstellern die Möglichkeit, frei zu improvisieren und auf das Publikum zu reagieren. Eine ähnliche Situation ergibt sich bei dieser Oper. Obwohl der Regisseur an ein strenges musikalisches Korsett gebunden ist, hat er aufgrund des klaren Handlungsverlaufs jede Menge Spielraum für eine eigene Deutung und Handschrift.

 

 

PRESSESTIMMEN

Doch bei diesen Parallelen zur Commedia dell'Arte lässt es die Regie – und lässt es auch Donizetti – nicht bewenden. Pölzgutter hört minuziös auf die Gesten, die Affekte, welche die Musik zeichnet. Der Dirigent Michael Wendeberg hat sie mit dem Luzerner Sinfonieorchester durchaus pointiert herausgearbeitet. Aufs Schönste wird im Orchestergraben musiziert, das Orchester hört und denkt mit. Das prächtige Schlussbild findet sein Pendant in der Ouvertüre, über die Pölzgutter äusserst präzise eine differenzierte Pantomime mit dem Geizkragen Pasquale und seinem mindestens neunzigjährigen, parkinsonkranken Diener legt. Jede Bewegung stimmt, geht mit der Musik zusammen, hat Witz und überrascht. Einmalig, wie der Diener (Otto Burri) nach seinem Hinauswurf durch Pasquale wieder durch das Fenster hereinklettert. Und auch danach: Jede Bewegung stimmt, ist klug und mit Phantasie gesetzt. Die Regie indes beginnt mit den verschiedenen Ebenen des Theaters zu spielen. Gekünstelt wird überzeichnet, mit Sinn für das Absurde hin und her gesprungen zwischen Pantomime, Oper, Operette, Commedia mit Masken und Theater im Theater – der von Mark Daver bestens vorbereitete Chor gibt ein prächtiges Publikum ab. Und dann gibt es plötzlich auch diese ganz menschlichen Momente, wo die Archetypen ihre Rolle verlassen und Empfindsamkeit, Verletzlichkeit und Melancholie enthüllen. Bestechend wird das gezeigt, und man wird erst noch bestens unterhalten.

(Neue Zürcher Zeitung, 29. April 2014)

 

Da sieht man doch, was ein wacher Dirigent vermag. Das Luzerner Sinfonieorchester unter Michael Wendeberg präsentiert sich in Bestform, spielt spritzig, federnd, wendig und farbig. So macht Donizettis von Sentimentalitäten nicht freie Musik Spass; der Schwung aus dem Orchestergraben trägt massgeblich das Geschehen. Auch gesungen wird sehr beachtlich. Flurin Caduff in der Titelrolle setzt seinen dunklen Bassbariton mal voll strömend, mal in plapperndem Parlando ein und wird so schon mal stimmlich seiner Rolle voll gerecht. Gleiches gilt für Dana Marbach als einzige weibliche Solistin in der Doppelrolle der Norina/Sofronia. Sie ist die Kecke ebenso wie die Schüchterne oder Listige, bewältigt mühelos Koloraturen und Kantilenen und das schnelle Geplauder und Gekeife. Hier wird ganz gross aufgesungen und aufgespielt. Die übrigen drei Solisten mit ihren teils sehr kleinen Rollen halten durchaus mit.

(www.kulturteil.ch, 29. April 201)

 

Diese einfache Geschichte wird durch eine einfache Inszenierung aufgeführt. Das Bühnenbild ist schlicht, nur das Nötigste ist zu sehen, auf den traditionellen Opern-Pomp wird verzichtet. Das Stück wird mit einer Leichtigkeit erzählt, welche durch feine und raffinierte Details unterstützt wird. Ein sehr wichtiges und schön gestaltetes Element sind die Kostüme. Diese verändern sich laufend und unterstreichen die Stimmung der Schauspieler. So plustert sich beispielsweise der schwingende Rock von Norina auf wenn sie wütend ist. Auch die gesangliche und schauspielerische Leistung der Sängerinnen und Sänger ist sehr gut. Auch das feine Augenzwinkern welches es bei einer traditionellen Opera buffa, einer komischen Oper, braucht gelingt den Schauspielern mit feinen Gestiken und Gesichtsausdrücken. Auf Schenkelklopfer wird verzichtet, der Humor kommt subtil daher. Alles in allem eine gelungene Inszenierung eines Opernklassikers auf eine leicht verdauliche Art, die sich nicht nur für Opernfans sondern auch für Neueinsteiger eignet.

(Radio SRF1, 28. April 2014)

 

Medienpartner: Zentralschweizer Fernsehen Tele1