Die lustige Witwe

Luzerner Theater

Die lustige Witwe

Operette in drei Akten von Franz Lehár
Text von Viktor Léon und Leo Stein, nach Henri Meilhac
In deutscher Sprache
Premiere: 08. November 2014

Kunst zeigt Wahrheiten des Lebens. Das gehört zu ihren Grundaufgaben und lässt sich doch auf besondere Weise erleben in der Operette «Die lustige Witwe». Wie sonst selten in dieser Gattung bündelt die Musik dramatische Zustände und verrät dabei auf subtile Art das, was die Figuren – gefangen in politischen Missionen, gesellschaftlichen Konventionen und persönlichen Konflikten – nicht äussern können oder wollen.

In Paris soll das Vermögen einer pontevedrinischen Witwe für das bankrotte Heimatland gesichert werden. Mit der dem Staatswohl dienenden Heirat wird der Gesandtschaftssekretär beauftragt. Sein grösstes Problem: Er liebt die Frau – weshalb sich der herrenlose Reichtum und das nationale Interesse daran plötzlich als unüberwindbares Hindernis herausstellen …

Franz Lehár entwarf für diesen turbulenten Kampf zweier liebender Herzen um das erlösende Geständnis eine Partitur, die den Tanz ins Zentrum der eigentlichen Kommunikation stellt. Ob mondänes Botschaftsparkett, folkloristische Heimatverklärung oder intimes Vergnügungs-etablissement – in jeder Welt findet nur die Musik das wahre Wort. Davon können nicht nur die Witwe und der Sekretär ein Lied singen, die im Schatten eines Geschäftsverdachts nicht tun wollen, was sie dürfen, sondern auch die Botschaftergattin und ihr heimlicher Verehrer, die innerhalb des sozialen Regelkanons nicht tun dürfen, was sie wünschen. Mit Walzer, Polka, Mazurka, Cakewalk und Cancan schuf der Komponist 1905 in Zusammenarbeit mit seinen Autoren eine mustergültige Tanzoperette, die, gerade weil darin die Musik das eigentliche Sein ausspricht, als ein Meisterwerk der Gattung gilt.

Aufführungsdauer: 2½ Stunden, eine Pause nach dem ersten Akt

Empfohlen ab 10 Jahren

GESPRÄCH

BRIEF VON HANNA GLAWARI AN GRAF DANILOWITSCH

Sehr geehrter Graf Danilowitsch,

oder sollte ich «Lieber Danilo» schreiben? Immerhin bemühten Sie sich einst derart um mich, dass ich schon dachte, Sie wollten mich heiraten. Das war natürlich nur Spass – zumindest von Ihrer Seite. Sie kannten Ihren Onkel und wussten, dass er Ihnen in seinem aristokratischen Stolz nie erlauben würde, eine mittellose Frau zu ehelichen. Und Sie kannten sich selbst genug, um zu wissen, dass Sie nicht den Mut haben würden, Ihrem Onkel zu widersprechen. Warten Sie nun auf eine Entschuldigung dafür, dass ich von anderer Seite ein Heiratsangebot annahm? Man muss schliesslich sehen, wo man bleibt. Wie ich höre, haben Sie sich schnell, mehrfach und abwechslungsreich getröstet. Das schreibe ich ohne Neid. Ich musste mich nicht trösten. Ich fand in meinem Mann das Glück. Das Bedürfnis nach Trost kam später: Er starb unerwartet nach kurzer Zeit. Nun bin ich wieder allein, habe keine Kinder, aber viel Geld. Das ist ein trostloser Trost – aber Ihr Onkel wäre jetzt zufrieden. Und Sie? Da begegne ich Ihnen zufällig in Paris! Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, wie kurios ich unser Zusammentreffen finde – genauer: Ihr Benehmen dabei. Seid wann haben Sie Ihr Landgut verlassen? Pferde, Jagden, Abenteuer – das war doch Ihr Leben. Was ist daraus geworden? Eine Existenz als Gesandtschaftssekretär mit verblassenden Sehnsüchten? Ist es das? Bloss keine Erinnerung an frühere Träume? Man muss schliesslich sehen, wo man bleibt. Richtig. Aber jetzt: Was machen wir aus dieser Situation? Es ist nicht meine Schuld, dass sich unsere Wege erneut kreuzen. Sie aber weichen mir aus. Sie stehen mir gegenüber und sind mir ferner denn je. Dabei erinnern Sie sich, ich weiss es. Wo bleibt Ihr Lebensmut? Ich habe meinen noch – und werde auch diesmal nicht ewig warten!

Ihre Hanna G.

PRESSESTIMMEN

Schmachten, Geldgier, Eifersucht, Lebensfreude, Enttäuschung – dies alles spielt sich in der Luzerner Inszenierung der «lustigen Witwe» in einer eher kargen Umgebung ab. Mehr als ein paar Stühle und grosse weisse Fransenvorhänge sieht man nie. Doch das Bühnenbild von Werner Hutterli überzeugt, denn so bleibt die ganze Aufmerksamkeit bei den Gesangssolistinnen und -solisten, die alle eine hervorragende Leistung zeigen. Das Ensemble des Luzerner Theaters kann an diesem Abend sein komödiantisches Talent voll ausleben. Die Verehrer der Witwe duellieren sich mit Blumensträussen, der Dirigent des Luzerner Sinfonieorchester tritt als erfolgloser Barpianist auf und mit übertriebenen Choreografien wird das Operetten-Genre auf die Schippe genommen. Die drei Akte der Operette spielen in der Luzerner Inszenierung in drei verschiedenen Epochen, denn schliesslich ist die Liebe etwas Zeitloses. Mit diesen vielen zusätzlichen Ideen kommt das Tempo der Handlung zwischendurch jedoch ins Stocken. Weil sich auch der Chor und das Orchester von der Spielfreude mitreissen lassen, geht das mehr als einmal zulasten der Transparenz, die einzelnen Stimmen versteht man nicht mehr gut. Aber eigentlich kommt es darauf gar nicht an. In einem grossen Teil der Handlung – das ist die Stärke von Franz Léhars Operette – wird nämlich nicht mit Worten sondern durch den Tanz erzählt. Graf Danilo und Hanna, die früher bereits ein Liebespaar waren, kommen sich über den Walzer wieder näher. Der Dreivierteltakt quasi als neuer Herzschlag einer alten Liebe. Gerade der Gegensatz zwischen den feinen, sorgfältig inszenierten Momenten und den übertriebenen Massenszenen, in welchen dem Ensemble auch Freiheiten gelassen werden, macht «Die lustige Witwe» am Luzerner Theater zu einem abwechslungsreichen und spannenden Abend.

SRF1 Regionaljournal Zentralschweiz, 9. November 2014

 

So kommt diese Inszenierung nach biederem Auftakt doch in Fahrt, wenn sich das Werk emotional verdichtet. Zum einen musikalisch mit einem raffinierten Mix von Operetten-Ohrwürmern mit spritzigen Tanzrhythmen, Fin-de-Siècle Parfüm und Puccini-Süsse (vorzüglich das Luzerner Sinfonieorchester und der Theaterchor unter Howard Arman). Zum anderen mit den doch noch schwungvollen Tanzszenen im Cabaret, die eine Paraderolle für Marie-Luise Dressen und die jungen Gast-Tänzerinnen der Musical Factory bieten. Überhaupt wird die Operetten-Künstlichkeit vor allem überwunden durch das lebendige Spiel der Darsteller. Jutta Maria Böhnert überhöht den Operettenton zur Gefühlsoper mit ihrem geschmeidigen, alles überstrahlenden Sopran. Robert Maszl macht ihn ganz natürlich mit schlanker Stimme und einem Spiel, das bis in die Verstellung hinein - die Weigerung, der Witwe seine Liebe einzugestehen - täuschend echt und ehrlich wirkt. Flurin Caduff als trotteliger Botschafter sowie Alexandre Beuchat und Carlo Jung-Heyk Cho als profitgierige Liebesintriganten machen selbst aus abgegriffenen Slapstick-Einlagen pointiertes Spiel. Am Schluss, wenn Werner Hutterlis leere Bühne mit einer traumhaften Überraschung aufwartet und flimmert wie eine Traumfabrik à la Hollywood, findet auch die Inszenierung beim Versteckspiel rund um das Pavillon-Liebesnest zu einem eigenen Höhepunkt. Das Publikum, das sich schon während der Vorstellung gut gelaunt zeigte, quittierte die ganze Produktion denn auch mit langem, wohlwollendem Applaus.

Neue Luzerner Zeitung, 10. November 2014

 

Im Luzerner Theater ist «Die lustige Witwe» in einer Neuinszenierung zu erleben, die musikalisch fasziniert und szenisch vorsichtig nach neuen Wegen sucht. Bei der Grundfrage, ob die Operette traditionell oder aktualisierend darzustellen sei, entschied sich der Regisseur Dominique Mentha, seines Zeichens Direktor des Luzerner Theaters, für einen Mittelweg. Bei den von Janina Ammon entworfenen Kostümen herrscht üppige Operettentradition: exotische Uniformen der pontevedrinischen Gesandten im ersten Akt, bunte Folklore-Gewänder im zweiten, leichtbekleidete Maxim-Girls und befrackte Männer im dritten. Demgegenüber ist bei der Bühne von Werner Hutterli Abstraktion angesagt. Blickfang ist das je nach Situation unterschiedlich beleuchtete Tanzparkett. Mit zahlreichen Stühlen, Perlenvorhängen und Lichterketten werden die einzelnen Szenen charakterisiert. In der Zeitachse placiert Mentha die Handlung anfangs im Jahr 1800, dann im Jahr 1860 und schliesslich im Jahr 1920. (…) Howard Arman erreicht mit dem Luzerner Sinfonieorchester sowie dem Chor und dem Extrachor des Luzerner Theaters bei der Premiere eine ausgesprochen tänzerische Wiedergabe. Alle diese Walzer, Cancans, Mazurken oder Polonaisen, die Lehár raffiniert zur Charakterisierung der Personen einsetzt, erklingen mit einer Beweglichkeit und Frische, dass es eine Freude ist. Bei den Protagonisten konnten fast ausschliesslich Ensemblemitglieder des Luzerner Theaters berücksichtigt werden. Jutta Maria Böhnert in der Titelrolle der Witwe Hanna gefällt mit einem leuchtenden Sopran, braucht aber eine gewisse Zeit, um ihre Rolle auch emotional zu verkörpern. Am Schluss zeigt sie sich als starke Frau, welche die Fäden selber in den Händen behält. Graf Danilo ist beim gebürtigen Wiener Robert Maszl blendend aufgehoben; mit seiner weichen Tenorstimme und der Darstellung seiner widerstrebenden Gefühlslagen punktet er am meisten. Der Bariton Flurin Caduff ist für die Rolle des ältlichen, unterbelichteten Barons Zeta zu jung und zu leichtgewichtig. Eine gute Figur macht Marie-Louise Dressen als Zetas Gattin Valencienne, die einen wahren Kampf zwischen Pflicht und Neigung ausführt. Die Neigung gilt ihrem Liebhaber Camille de Rosillon, der vom Tenor Utku Kuzuluk etwas eindimensional dargestellt wird. Komödiantisch im besten Sinn wirken Alexandre Beuchat und Carlo Jung-Heyk Cho als zwei Adelige, die stets synchron um die Gunst der Witwe buhlen. Natürlich vergeblich.

Neue Zürcher Zeitung, 10. November 2014

 

Es war ein höchst vergnüglicher Première-Abend mit einer sehr überzeugten und überzeugenden Jutta Maria Böhnert als Witwe Glawari mit strahlenden Sopran, einem eher ernsthaften Robert Maszl als Grafen Danilo mit weichem Tenor, einem Kai Liemann als Njegus und seinem leicht trotteligen Gegenspieler Flurin Caduff als Baron Mirko, beide mit viel komödiantischem Talent und grosser Spielfreude. Das Orchester unter Howard Arman liebte je nachdem schwungvoll, schmachtend oder lüpfig mit im Dreivierteltakt, Arman selber zeigte zwischenzeitlich seine Fähigkeiten auf der Bühne als Barpianist im Maxims. Eine rundum gelungene Aufführung, dem Premierenpublikum gefiel es. Diese Witwe wird noch so manchen Besucher belustigen, unterhalten und mit der Farbenpracht der Kostüme über die kommenden grauen Monate hinweghelfen.

Innerschweiz Online, 11. November 2014

 

Patronat:
Hermann Alexander Beyeler, Stifter des Kunst- und KulturZentrums Littau-Luzern

Medienpartner: Zentralschweizer Fernsehen Tele1