Die lächerliche Finsternis

Luzerner Theater

Die lächerliche Finsternis

Nach einem Hörspieltext von Wolfram Lotz
Schweizer Erstaufführung
Premiere: 05. März 2015

 

Die Zusatzvorstellung von Samstag, 30. Mai findet auf der Bühne des Luzerner Theaters statt. Die Vorstellung ist ausverkauft Allfälige Restkarten gibt es an der Abendkasse.

 

1899 erscheint Joseph Conrads Erzählung «Herz der Finsternis» über einen wahnsinnig gewordenen Elfenbeinhändler in der Wildnis des Kongos. Achtzig Jahre später variiert Francis Ford Coppola die Geschichte in seinem epochalen Vietnam-Film «Apocalypse Now». 2013 greift Wolfram Lotz das Sujet in einer lockeren Szenenfolge auf und verdichtet es zu einem irrwitzigen Panorama aktueller Kriegskonflikte.

Zwei Soldaten erhalten den Auftrag, in den Weiten Afghanistans einen durchgedrehten Oberstleutnant ausfindig zu machen, der seine Kameraden liquidiert hat. In einem Boot begeben sie sich auf eine Reise in die Finsternis. Sie begegnen einem ehemaligen Fischer, der ein Diplomstudium der Piraterie an der Hochschule in Mogadishu absolvierte, italienischen Blauhelmsoldaten, die für die Mobilfunkindustrie die Ernte von Coltan überwachen, das hier auf Feldern wächst, und einen Bürgerkriegsflüchtling vom Balkan, der auf einem Kanu lebt und regen Handel mit Spirellinudeln, Spannbetttüchern und Investmentfonds treibt.

Somalia, Ex-Jugoslawien, Afghanistan – die Konfliktherde dieser Welt verschwimmen zu einer einzigen bedrohlichen, monströsen Welt, die es zu durchqueren gilt. Die Gesetze von Zeit und Raum scheinen ausser Kraft gesetzt, die Fahrt auf dem Fluss führt immer tiefer ins «Herz der Apokalypse». Angesichts zunehmend undurchschaubarer Konfrontationslinien ringt der überforderte West-Europäer um Orientierung. Am Ende erwartet ihn nichts als rabenschwarze Dunkelheit.

Wolfram Lotz, geboren 1981 in Hamburg, studierte Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft in Konstanz und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er ist Autor von Theaterstücken, Hörspielen, Lyrik und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2011 mit dem Kleistförderpreis.

AKTUELL: Wolfram Lotz ist mit «Die lächerliche Finsternis» für den MÜLHEIMER DRAMATIKERPREIS 2015 nominiert.


Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
 

PRESSESTIMMEN

Kraftvoller entspinnt das Ensemble die Kerngeschichte um die Irrfahrt der Elitesoldaten Pellner (Samuel Zumbühl) und Dorsch (Wiebke Kayser) auf dem Hindukusch, den die Medien für ein afghanisches Gebirge halten, den Lotz aber frech zum Dschungelfluss erklärt. Dieses Urmisstrauen gegenüber scheinbar gesicherten Wahrheiten, dieses oft absurde Aufsprengen von Sinnsystemen zieht sich durchs Stück. Pellners geheimer Auftrag: Er soll einen abtrünnigen Offizier liquidieren -wovon sein Untergebener Dorsch freilich nichts ahnt. An den Ufern des Hindukusch begegnen ihnen zivile Vorposten, denen die Wildnis und die Abgeschiedenheit offensichtlich die Sinne vernebeln: Der italienische Blauhelmsoldat Lodetti (Patrick Slanzi) wird am Hygienefanatismus irre, der platinblonde Sekten-Reverend Carter (Jörg Dathe) zelebriert anti-islamischen Freikörperkult. Und der Händler Stojkovic (Clemens Maria Riegler) erzählt, seine Familie sei bei einem Präzisionsbombenangriff verbrannt. Der Funkenflug habe die Sonnenstoren seines Hauses entzündet. Er habe die Storen gegen den Willen seiner Frau angebracht, nun ertrinkt Stojkovic in Selbstvorwürfen. Vielleicht will er mit der Story aber auch nur Kunden blenden? Pellner, der Abgeklärte, hat seine Verdachtsmomente. Als dann der Reverend mit Donnerstimme ein lächerliches TV-Predigergleichnis über die zweideutige Liebe eines «Lippenbären» zu einem Strassenmädchen vom Stapel lässt, vergisst auch Pellner alle Disziplin und geht in der discofiebrigen Sextouristenmeute auf - den wahren Wilden Asiens. Spätestens jetzt ist die Inszenierung im Herz der Finsternis angekommen. Und natürlich verreckt am Ende kein Elitesoldat, sondern nur ein chancenloser Fischer. Mission accomplished.

Basler Zeitung, 7. März 2015

 

«Die lächerliche Finsternis» ist ein Highlight der aktuellen Theatersaison, eine Produktion, die in allen Bereichen überzeugt und das Publikum völlig begeistert hat. (…) Die Flucht vor der unsäglichen Realität ins Absurde zeigt sich schon im Prolog des Stücks, als «der schwarze Neger» Ultimo aus Somalia (Dagmar Bock) vor einem Gericht erklären muss, weshalb er allein einen Frachter geentert hat. Fast nahtlos zieht sich der böse Schalk weiter. Die beiden soldatischen Protagonisten gebärden sich hie und da wie Dick und Doof und begegnen auf ihrer Fahrt so durchgeknallten Typen wie dem Blauhelm-Kommandanten Lodetti (Patrick Slanzi), dem Händler Bojan Stojkovic (Clemens Maria Riegler) und dem scheinheiligen Reverend Carter (Jörg Dathe), mit dem sie eine ausgelassene Dschungeldisco-Party feiern. «Die lächerliche Finsternis» ist eine Parodie, die mit theatralischen Mitteln das Grauen zu benennen und zu bannen versucht, gleichzeitig auch die Möglichkeiten des Theaters befragt. Regisseur Andreas Herrmann hat das vielschichtige Stück überzeugend und bis zum Schluss spannend inszeniert. Zu grosser Form liefen an der Premiere auch die Schauspielerinnen und Schauspieler auf - allen voran Wiebke Kayser und Samuel Zumbühl.

Neue Luzerner Zeitung, 7. März 2015

 

Andreas Herrmann als Regisseur und die Schauspieler des Luzerner Ensembles haben die Vorlage von Wolfram Lotz mit einer eindrücklichen Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Lächerlichkeit umgesetzt. Herausgekommen ist dabei ein Abend, der vor Dichte nur so strotzt und alle Facetten des Lebens abzubilden vermag: von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Ein Abend auch, in dem das herzhafte Lachen immer wieder im Halse stecken bleibt. Der Fluss Hindukusch (oder ist es doch ein Gebirge? Warst du schon mal dort? Woher willst du es dann wissen?) wird so zum Fluss der absurden Existenz in der globalisierten Welt, in der sich der Einzelne nur noch mit sich selber zu beschäftigen vermag und der Fluss des Lebens irgendwo zwischen Anus und Rachen zirkulär dahinfliesst. Sinnbildlicherweise hat Lotz, gespielt von Elia Brülhart, sich auch selber in das Stück hineingeschrieben: «Wieder vom Schreiben gedrückt», sagt er da und schnitzt mit seinem Vater beim gemeinsamen Kochen aus dem Gemüse Pimmel, Auto und Lokomotive – nur um dann selber wieder von der Geschichte eingeholt zu werden. Das treibt den radikalen Egozentrismus auf die Spitze, der dieses Stück so unangenehm nachwirken lässt, weil sich jeder Zuschauer irgendwo darin wiederfindet. Als Herzstück bleibt das mutig-lange Liebesclubsong-Medley in Erinnerung, zu dem die Protagonisten feiern, als gäbe es kein Morgen. Nur im Exzess scheint für kurze Zeit ein Zusammen möglich; bis der Abend kippt und die Einsamkeit umso trauriger Überhand gewinnt. Eine Einsamkeit, die sich erst durch den kontrastierenden Wunsch nach Liebe ergibt. Ein Wunsch, der sich als Motiv durch das ganze Stück hindurch zieht und von dem alle Protagonisten in irgend einer Art und Weise getrieben werden. Durch die ständige Beschäftigung mit sich selber ist aber schon die Kommunikation mit den Mitmenschen unwahrscheinlich – die Liebe gar unmöglich und die abwesende Liebe Motiv; zum Beispiel in den Krieg zu ziehen.

www.kulturteil.ch, 8. März 2015

 

Das schwierige und tiefsinnige Stück war nichts für Zartbesaitete. Nicht leicht in Szene gesetzt, aber der Regisseur Andreas Herrmann und alle Schauspieler gaben auf beeindruckende Weise ihr Bestes. Die guten Tanzszenen und Billigmusik im Hintergrund untermalen die ernsten Einsichten in die Einsamkeit des Menschen. Wieder einmal wird einem auf hervorragende, künstlerische Weise vorgeführt, wie absurd und grotesk Krieg doch ist. Er treibt den Menschen in den Wahnsinn. Eine sehr beeindruckende Umsetzung und Interpretation des Werkes als Schweizerische Erstaufführung im UG des Luzerner Theaters. Der Applaus des Auditoriums war denn auch dementsprechend fulminant.

www.innerschweizonline.ch, 8. März 2015