Der Mensch erscheint im Holozän

Max Frisch, Gustav Mahler, Luzerner Sinfonieorchester

Premiere 30.04.17

Das Valle Onsernone im Tessin. Irgendwo klöppelt es auf Blech. Spätsommerlicher Dauerregen. Herr Geiser sitzt in seinem Alterswohnsitz fest. Ein Erdrutsch hat den Weg ins Tal versperrt. Der Strom fällt aus. «Che tempo», sagen die Einwohner des Bergdorfes, die er kaum versteht. Schweigsam versucht er, die Zeit totzuschlagen. Er baut Pagoden aus Knäckebrot, trägt einen Hut ohne Zweck und sieht Risse im Berg, die die anderen nicht sehen. Es ist nicht der Hang, der ins Rutschen kommt. Sein Weltbezug verliert den Boden. Schlimmer als das Unwetter – geht es ihm durch den Kopf – wäre der Verlust des Gedächtnisses. Herr Geiser verzettelt sich. Ringt mit Notizblock und Brockhaus um seine Erinnerungen. Verwechselt das eigene Ende mit dem Ende der Welt. «Das Zeitalter der Dinosaurier», «Geologische Formationen», «Gedächtnisverlust», «Schlaganfall». Erosion ist ein langsamer Vorgang.

In seiner späten Erzählung, die manche für sein Meisterwerk halten, erzählt Max Frisch fein, lakonisch und sonderbar heiter von einem so existentiellen wie aussichtslosen Auflehnen gegen die Natur. Der Regisseur Felix Rothenhäusler inszeniert Herrn Geisers stummen, sturen Kampf als Begegnung mit der monumentalen Kraft eines Orchesters und Gustav Mahlers Zehnter Sinfonie – in der «etwas gesagt werden» kann, «was wir noch nicht wissen sollen». Die Zehnte ist sein letztes Werk, auch zerrissen, unvollendet. «Wahnsinn, fass mich an, Verfluchten! Vernichte mich, dass ich vergesse, dass ich bin! dass ich aufhöre zu sein, dass ich ver» ... 

Pressestimmen

Adrian Furrer beeindruckt in seiner Darstellung des Herrn Geiser mit einer Gedächtnis- und Sprachperformance sondergleichen. (zentralplus)

So vital kann Gedächtnisverlust sein. In der aussergewöhnlichen Produktion (…) verbindet sich Max Frischs Text mit Musik von Mahler zu einem Plädoyer für das Leben als Grenzerfahrung. (Luzerner Zeitung)

Sie (die Zehnte Sinfonie) ist wie «Der Mensch erscheint im Holozän» ein Spätwerk, oft mit autobiografischem Abschiedsschmerz assoziiert (...) Auch wenn sie naturgemäß weit mächtiger anmutet als Max Frischs knapper Text, erweist sich die Assoziation doch als verblüffend stimmig. Er ist ja nun wirklich gewaltigen Mächten ausgesetzt, dieser Herr Geiser, der sich verliert im regenverhangenen Tessin und in der zunehmenden Vergesslichkeit, in einem abgeschnittenen Bergdorf, gegenüber rutschenden Hängen, im Bewusstsein der verstreichenden Zeit.
(…)
Adrian Furrer ist Herr Geiser in Luzern. Er ist ein energischer, fast jugendlicher, jungenhafter, umtriebiger Geselle. Voller Inbrunst breitet er vor uns sein Wissen aus, und das «Vincent»-(van Gogh-)T-Shirt, das er trägt, legt eine zusätzliche genialisch sich verlierende Schöpfer-Assoziation nahe. (Nachtkritik.de)

Mit dem Orchester, welches im Laufe der Aufführung auf die Bühne kommt, bekommt das Wissen von Herr Geiser hörbar Risse. Die Katastrophe naht und endet mit einem Hirnschlag und Sprachlosigkeit. Ab da übernimmt die Musik – präzis und intensiv gespielt vom Luzerner Sinfonieorchester an der Premiere unter der Leitung von Winston Dan Vogel.
Gustav Mahlers 10. Sinfonie – ein apokalyptisches Werk – und Max Frischs Erzählung befruchten sich gegenseitig. Mit der Verknüpfung der beiden Werke entsteht auf der Bühne des Luzerner Theaters etwas extrem Existenzielles und Emotionales. (SRF Regionaljournal Zentralschweiz)

Warm wird Furrer spätestens mit der Passage, wo in der Erzählung die Schwärze des Tessiner Tals beschrieben ist, in dem sich Geiser befindet. Sie ist genau so gut vorgetragen, wie sie geschrieben ist. (041 - Das Kulturmagazin)

Informationen

  • 1 Stunde 5 Minuten ohne Pause

  • Im Zusammenspiel von Musik und Sprache trifft ein Schauspieler auf das Luzerner Sinfonieorchester.

  • Nach einer Spieldauer von ca. 40 Minuten kommt es zu zwölf lauten «apokalyptischen Schlägen» auf einer Trommel aus dem 2. Rang.

  • Im Anschluss an die Vorstellungen am 7. und 19. Mai Nachgespräch mit Team und Gästen (7. Mai: Yoel Gamzou & Thomas Strässle; 19. Mai Adrian Furrer & Fulbert Steffensky)

  • Auch für Schulklassen der Oberstufe geeignet. Schulgruppen können zudem Patenklassen werden.

  • Einführung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn.

  • Nur acht Vorstellungen.

Medienpartner

Zentralschweizer Fernsehen Tele 1 AG

Nachgespräche

Im Anschluss an die Vorstellung am 7. Mai findet ein Nachgespräch mit dem Dirigenten Yoel Gamzou und dem Vorsitzenden der Max Frisch-Gesellschaft Thomas Strässle statt.

Und am 19. Mai spricht im Anschluss an die Vorstellung der Theologe Fulbert Steffensky mit Schauspieler Adrian Furrer über die Inszenierung, Max Frisch und die Frage nach Hoffnung.

Impulsgeber

«Expertinnen und Experten stellen ihr Wissen zur Verfügung»

Zu Beginn der Probenzeit im Schauspiel hält jeweils eine Luzerner Expertin, ein Luzerner Experte ein Impulsreferat für die an der Produktion Mitwirkenden und andere Theatermacher. Das Publikum ist eingeladen, beim Referat und dem anschliessenden Gespräch mit dabei zu sein. Auf geht’s, die Proben können beginnen! 

  • Mit Thomas Strässle, Präsident der Max-Frisch-Stiftung
  • 23. März 2017, 18.00 Uhr
  • Box
  • Eintritt frei

Produktionsteam

Musikalische Leitung: Yoel Gamzou Musikalische Leitung: Winston Dan Vogel (30.04. / 21.05. / 19.05. / 28.05.) Inszenierung: Felix Rothenhäusler Raum- und Lichtdesign: Matthias Singer Dramaturgie: Julia Reichert Licht: Clemens Gorzella Konzeption und musikalische Bearbeitung: Yoel Gamzou Kostüm: Moana Lehmann

Besetzung

Mit: Adrian Furrer (Herr Geiser)

Luzerner Sinfonieorchester

Spieldaten

Heute:
 
13:30
-
14:35 
ical
 

Max Frisch, Gustav Mahler, Luzerner Sinfonieorchester
Einführung um 12.45 Uhr Foyer 2. Rang

 
CHF 30 - 100
Fr
09.06.
19:30
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20:35 
ical
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Max Frisch, Gustav Mahler, Luzerner Sinfonieorchester
Einführung um 18.45 Uhr Foyer 2. Rang

CHF 30 - 100
Yoel Gamzou über Frisch und Mahler