Luzerner Theater

Carmen

Opéra comique in vier Akten von Georges Bizet
Text von Henri Meilhac und Ludovic Halévy, nach Prosper Mérimée
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere: 23. Februar 2014

Eine Frau, die als Zigeunerin ausserhalb der bürgerlichen Gesellschaft steht, die ohne Rücksicht auf soziale Normen ihren Sehnsüchten folgt, die auch für den Preis des eigenen Lebens nicht auf Selbstbestimmung verzichtet und der dennoch die Würde eines Tragödientods auf der Opernbühne zukommt – «Carmen», das letzte Werk von Georges Bizet, 1875 an der Opéra-Comique uraufgeführt, startete als ungeheure Provokation. Doch schon ein Jahr später setzte der bis heute andauernde Erfolg ein, der die Heldin als Inbegriff einer Femme fatale zum Mythos machte.

Auf den Sergeanten Don José wartet ein Leben bürgerlicher Wohlanständigkeit an der Seite des Bauernmädchens Micaela. Doch dann begegnet er Carmen, die ihm ihre Liebe in Aussicht stellt für eine kleine illegale Gefälligkeit. Der Soldat vergisst seine Pflicht, verstrickt sich in weitere Verbrechen und verliert jeden Handlungsspielraum. Die Liebe aber bleibt frei …

Der französische Komponist Georges Bizet schuf auf der Grundlage einer Novelle von Prosper Mérimée ein Werk, das mit den gesprochenen Dialogen, dem fast naturalistisch gezeichneten einfachen Milieu und den vielen als Bühnen­musik konzipierten Gesangsnummern typische Merkmale der Opéra comique aufgreift. Gleichzeitig weist es mit seiner engen Verzahnung von Drama und Musik, aber auch mit der subtilen, psychologisch glaubwürdigen Zeichnung der Charaktere weit über die Konventionen jener Gattung hinaus.

 

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GESPRÄCH

PSYCHOPATHOLOGIE DES BEZIEHUNGSLEBENS

Tobias Kratzer im Gespräch mit Christian Kipper

 

Die Figur der Carmen hat viele Facetten. Sie kämpft einerseits um ihre Unabhängigkeit als Frau, andererseits setzt sie ihre Sexualität durchaus strategisch ein. Welche Aspekte an ihrem Charakter sind wesentlich?

Rein psychologisch ist das gar nicht so einfach zu beantworten. Die Oper ist nämlich sehr raffiniert, da sie die entscheidenden Wendepunkte in Carmens Verhalten grundsätzlich ausspart. Man lernt sie am Beginn eines jeden Aktes buchstäblich neu kennen und muss dann quasi rückwirkend ergänzen, was zwischen ihren Auftritten eigentlich passiert ist. Das Stück erklärt hier wenig und beschreibt kaum Handlungsmotivationen, sondern sehr sprunghafte emotionale Zustände. Daraus ergibt sich ein Rätselcharakter, den ich so bei keiner anderen Opernfigur kenne. Und die Frage, wie man diese Lücken füllt, ist keine rein analytische Arbeit, sondern immer auch Projektion – im Zweifelsfall sagen die Ergänzungen also mehr über den Betrachter aus als über den Charakter der Figur Carmen selbst. Ich glaube das ist eines der grossen Erfolgsgeheimnisse dieser Oper.

Wie verhält sich Don José dazu?

Im Grunde so wie der gerade beschriebene Betrachter. Er steht mit grosser Faszination, aber auch mit ziemlicher Ratlosigkeit vor Carmen. Und er versucht, sich das ganze Stück über einen Reim zu machen auf ihr Verhalten. Nur dass Carmen für ihn eben keine Opernfigur ist, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut: erst seine Geliebte, dann seine Ex-Freundin, dann sein Opfer. Aus Unverständnis resultiert bei ihm, wie so oft, Gewalt. Insofern ist das Stück mindestens ebenso sehr die Tragödie Don Josés wie es die Carmens ist.

Wir sehen eine Alltagstragödie: Eine Frau beendet ihre Beziehung und wird dafür von ihrem Geliebten, der sie nicht gehen lassen will, ermordet. Das ist leider ein zeitloses, aber auch ein bekanntes Sujet. Gibt’s daran im Rahmen der Oper Neues zu entdecken?

Mich fasziniert daran tatsächlich vor allem die gegenseitige Abhängigkeit von Carmen und Don José. Das Stück entwirft hier eine Psychopathologie des Beziehungslebens mit den Mitteln der Oper. Es wird eben nichts erklärt oder analysiert, sondern wir erleben eine Reihe von emotionalen Etappen – nahezu irrational und unverbunden. Und darum besonders glaubwürdig. «Carmen» ist für mich eine grosse Paartragödie. Ob das so «neu» ist, weiss ich nicht. Don José kommt mir nur meistens ein bisschen unterbelichtet vor. Ich glaube aber, um Carmen näher zu kommen, muss man auch Don José besser verstehen lernen.

Michaela und Escamillo repräsentieren mehr Typen als Individuen. Anderer Meinung?

Definitiv: Die Kategorie wäre eher «best supporting actors». Als reine Abstrakta wären sie ziemlich langweilig und hätten keinerlei Einfluss auf das Beziehungsleben der Hauptfiguren. Dass Carmen und Don José nicht zusammen kommen, ist ja das eine. Aber dass sie auch ohne einander nicht können, ist das andere. Und das begreift man nur über Michaela und Escamillo. Mich interessiert herauszufinden, warum diese Personen auch keine Alternativen sind – obwohl jeder von den beiden ja auf’s erste aussieht wie der jeweils «eigentlich perfekte» Partner für Carmen und Don José.

Bizet hat «Carmen» als Opéra comique konzipiert, d.h. gesprochene Dialoge verbinden in sich abgeschlossene Musiknummern – eine klassische Hürde für jede Inszenierung. Wie lässt sie sich am besten nehmen?

Dialoge kürzen, gut Französisch lernen und auf die Urform des Stückes vertrauen. Zumindest hoffe ich das ...

Eine weitere Hürde: die deutlich ausformulierte Folklore und die damit verbundene Gefahr von Kitsch und Klischee. Wie entkommt man der Falle?

Ich glaube, dass es weniger eine Falle ist als ein Wesenskern des Stückes, mit dem man umgehen muss. Das «Spanische» an Carmen, der Stierkampf, die Kastagnetten etc. – das gehört ja alles zu den Bildern, die man automatisch im Kopf hat bei dieser Oper. Das ist natürlich ein Fetischisieren einzelner Aspekte – aber auch hier geht es den Figuren des Stückes ganz ähnlich wie den Zuschauern: Carmen sieht in Escamillo vor allem den feurigen Torero, Don José in ihr die leidenschaftliche Femme fatale. Und gerade aus dieser Nicht-Identität oder auch Reibung zwischen den echten, viel komplexeren Figuren und solchen festgelegten Wunsch- und Rollenbildern resultiert auch die Tragödie, die das Stück beschreibt.

Warum ist «Carmen» dennoch eine gute Oper?

Und wenn es nur das ist: Bei keiner anderen Oper kann man mehr musikalische Nummern mitpfeifen als bei dieser!

 

PRESSESTIMMEN

Nie zeigt Kratzer José als Opfer der Umstände - er sieht ihn als den jähzornigen Raufbold der «Carmen»-Vorlage von Prosper Mérimée. Der Partitur folgt der Regisseur ohne Umstellung, mit wenigen Strichen. Die Dialoge allerdings sind auf ein Minimum reduziert. Der Chor und die Nebendarsteller sitzen links und rechts über dem Orchestergraben und verfolgen gebannt das Geschehen; die Nebenfiguren mischen sich in den Rückblenden in die Handlung. Das ist vor allem im ersten Akt mit seinen großen Chorszenen bisweilen problematisch, geht insgesamt  aber erstaunlich gut auf da Kratzer genau auf die Musik hört und sie oft als Gefühlsregung der Protagonisten  umsetzt. Für hohes musikalisches Niveau sorgen der Dirigent Howard Arman und das schlank und federnd musizierende Orchester.

(Opernwelt, April 2014)

 

Bühnenbildner Rainer Sellmaier hat eine herrlich hässliche Kleinbürgerwohnung kreiert, die Fenster sind zugemauert, der Blick nach draußen gelingt nur über einen Flachbildfernseher, auf dem auch schon mal eine Corrida zu sehen ist. Als Kontrast zur Tristesse gibt es immerhin Sitzgelegenheiten im Bauhaus-Stil. Es handelt sich offenbar um Escamillos Wohnung, der zuhause gern Joggingklamotten trägt und mit Carmen nicht sehr pfleglich umgeht. Don Josés Rück-Eroberungsversuche laufen letztlich ins Leere, weil er nicht nur ziemlich hässlich aussieht, sondern auch geistig eher minderbemittelt wirkt. Singen kann er trotzdem: Carlo Jung-Heyk Cho beherrscht die gesamte Palette, von trauriger Melancholie bis zu wütendem Furor, auch William Bergers Escamillo überzeugt mit fein strukturiertem Melos und emphatischem Spiel. Allen folkloristischen Tand lässt die Regie beiseite, bis auf einen Kinderchor aus kleinen Toreros, welcher kurz vorbeischaut und eher wie ein Fotomotiv wirkt. Schmuggler-Lager, Wirtshaus, Stierkampfarena sind allesamt gestrichen. Maria Böhnert sprengt mit hinreißendem Gesang die biederen Fesseln ihres Mauerblümchen-Kostüms. Mühelos erklimmt sie sämtliche Tongipfel.

(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. März 2014)

 

Das Versprechen, das Werk als zeitgemässen «Psychothriller» zu erzählen, löst Kratzer so aufregend ein. Das Zimmer, in dem sich Jos mit Carmen einsperrt, als Escamillo für eine im Fernseher übertragene Medienkonferenz verschwindet, bleibt einziger Spielort. Und während der Ouvertüre ist im Kern schon die ganze Geschichte erzählt, die von der eifersüchtigen Raserei eines Mannes gegen die Geliebte handelt, die ihn für einen anderen sitzen lässt. Bis eben das Telefon klingelt und ein Stück Aussenwelt in das abgekapselte Zimmer-Gefängnis dringt. Es ist ein Anruf von José, mit welchem ihn seine Verlobte Micaela zur Besinnung ruft. Ein Liebesduett als Telefonanruf - das ist eine Schlüsselszene für eine Inszenierung, in der alle Gefühle Projektion und Fassade sind. Auch musikalisch ist sie ein Höhepunkt: Denn das Singen am Telefon erlaubt es, die Gefühle im Gesang innig strömen zu lassen und sie doch in den Verzweiflungsgesten – für den anderen unsichtbar - zu verraten. Kommt hinzu, dass Kratzer in dieses Kammerspiel hinter verschlossenen Türen grosse Ensemble-Szenen raffiniert mit einbaut. Der Knabenchor - vorzüglich: die Luzerner Sängerknaben – gibt Escamillo ein Ständchen, der seitlich über dem Graben platzierte Theaterchor imaginiert mit seinen Kommentaren grosse Tableaus. Der Streit, der zur Verhaftung Carmens führt, tobt zwischen Carmen und José der in einem Eifersuchtsanfall die Badezimmertür zertrümmert, hinter der sie sich verschanzt.

(Neue Luzerner Zeitung, 25. Februar 2014)

 

Zigeuner in farbigen Flamencokleidern und Soldaten in schnittigen Uniformen kommen vor der Stierkampfarena in Sevilla zusammen - von diesem spanischen Folklore-Kitsch will die Luzerner Inszenierung überhaupt nichts wissen. Die romantischen «Carmen»-Bilder, die das Publikum im Kopf hat, werden sofort zerschlagen, getötet und als Trophäe aufgehängt. Genauso wie der ausgestopfte Stierkopf an der Wohnzimmer-Wand, wo sich die Handlung abspielt. Dort hat Carmen es sich auf dem Ledersofa gemütlich gemacht und zündet eine Zigarette an. Sie ist eine selbstbewusste Frau, die sich alle Freiheiten nimmt und selber entscheidet, welcher Mann ihr Liebhaber sein darf. Diese femme fatale spielt Carolyn Dobbin. Die Mezzosopranistin liefert eine beeindruckende Leistung ab und zieht das Publikum mit ihrer Bühnenpräsenz in ihren Bann. Besonders eindrücklich arbeitet die Luzerner Inszenierung mit der Rolle des Soldaten Don José. Er ist kein passiver Mann sondern ein aggressiver und psychopathischer Stalker, welcher Carmen überfällt, bedroht und fesselt. (…) Dass man so richtig in die Geschichte hineingezogen wird liegt auch an der ausgezeichneten Leistung des Chors und des Luzerner Sinfonieorchesters. Die Begleitung der Gesangssolisten ist sehr sorgfältig gestaltet und bei den zahlreichen Ohrwürmern können Orchester und Chor aus dem Vollen schöpfen. (…) Dass Carmen in dieser Männerwelt den Ton angibt und selber über ihr Schicksal entscheidet, wird in der Produktion des Luzerner Theaters konsequent und überzeugend durchgezogen.

(Radio SRF1, 24. Februar 2014)

 

Carmen kommt ein bisschen als Luxusnutte daher, hat sich in der Bunkervilla des Don Escamillo recht gut eingerichtet, frönt dem Liebesspiel mit ihrem Mann, der jedoch schon wieder nach Frischfleisch Ausschau hält. Carolyn Dobbin spielt diese Frau zwischen Angst vor dem Stalker und frivoler Lebenslust sehr überzeugend. Stimmlich ist sie eine ganz grosse Überraschung, denn sie bezirzt die Männer nicht mit brustigem Röhren sondern mit einer gepflegten Mozartstimme – ein überaus interessantes Experiment des Besetzungsbüros, eine Carmen, die wirklich singt und nicht nur vibratoreich gurrt. Wenn man mal all die Baltsas, Resniks und Hornes vergisst, entdeckt man wunderbare Schattierungen in der Gesangslinie. Die Habanera singt sie frisch geduscht, Handtuch kunstvoll um den Kopf gewickelt, im Bademantel und sich gleichzeitig mit der Pedicure beschäftigend. Herrlich!

(www.oper-aktuell.de, 24. Februar 2014)

 

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