Cantos de Sirena

Verkehrshaus der Schweiz

Cantos de Sirena

Musiktheater von «La Fura dels Baus»
Mit Kompositionen und Bearbeitungen von Howard Arman
Text von Marc Rosich, in verschiedenen Sprachen, Übersetzung ins Deutsche von Volker Glab
Koproduktion mit der Oper Köln
Uraufführung
Premiere: 10. Januar 2015

Gewaltig ist die Macht der Ästhetik – eine Erkenntnis, aus der im 20. Jahrhundert auch die Politik Kapital zu schlagen versuchte. Keine Frage: Kunst verführt. Insbesondere die Musik kann von dieser Kraft ein Lied singen, zielt sie doch ganz direkt auf menschliche Sinne und Gefühle. Von dem Sirenengesang einer irrealen phantastischen Welt, wie sie das Theater naturgemäss immer wieder herbeizaubert, erzählt die neue Musiktheaterproduktion der katalanischen Künstlergruppe «La Fura dels Baus».

Eine junge Frau sucht das absolute Kunstwerk. Enttäuscht von der realen Welt, die sie umgibt, flieht sie in einen virtuellen Raum, in dessen ästhetischen Reizen und technologischen Möglichkeiten sie sich zunehmend verliert. Die Grenze zwischen Innen und Aussen verschwimmt ebenso wie die zwischen Wirklichkeit und Illusion. Selbst die Trennung der Elemente Luft und Wasser scheint aufgehoben. Dann aber kommt die Frau zur Besinnung, zunehmend erkennt sie die Abwesenheit von Leben in dem Oberflächenglanz technischer Perfektion.

«La Fura dels Baus» überrascht immer wieder durch ebenso eigenwillige wie brillante Bühnenspektakel, die geschmackssicher so verschiedene Elemente wie Oper, Variété und Installation zu poetischen Momenten verdichten. In ihrem neuesten Werk «Cantos de Sirena» kommt die Musik zu ihrem ureigensten Recht: Gesangs- und Instrumentalnummern aus verschiedenen Epochen zelebrieren jede auf ihre Weise die Magie des Betörens. Das Luzerner Theater wiederum gibt dieser eigenwilligen Kreation den richtigen Rahmen. Es präsentiert «Cantos de Sirena» dort, wo Technik ohnehin einen hohen Stellenwert besitzt: im Verkehrshaus der Schweiz.

Aufführungsdauer: 1¾ Stunden, keine Pause.
 

Die Platzgategorie b verfügt über keine Rückenlehne.

Empfohlen ab 16 Jahren

 

Kulinarische Ouvertüre
Geniessen Sie vor der Aufführung «La Fura dels Baus» im Restaurant Piccard ein Abendessen à la Carte. Wenn es ein kleiner Snack oder ein Drink sein darf, dann freut sich das Team auf Ihren Besuch an der Theater-Bar. Sie lädt bei stimmiger Atmosphäre zum Verweilen ein.
 
Restaurant Piccard: jeweils ab 17.00 Uhr geöffnet, Reservationen unter Tel. 041 375 7455
Theater-Bar: jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn bis ca. 23.00 Uhr geöffnet
 

GESPRÄCH

EIN WORT DES ÜBERSETZERS

Volker Glab über «Cantos de Sirena»

 

In über dreissig Jahren als Deutschlehrer am Gymnasium habe ich Goethes «Faust» wahrscheinlich über zwanzig Mal im Unterricht besprochen. Und ich dachte lange, dass dieses Werk in der Weltliteratur so singulär dastehe, dass ihm nichts mehr hinzuzufügen wäre. Dann trat ich im Jahr 2000 der Freimaurerei bei, der ja bekanntlich auch Goethe angehörte, und von da an wurde mir mehr und mehr bewusst, wie anders meine Sichtweise wurde. Sollte man dem Stoff also doch mehr, womöglich Neues abgewinnen können?

Im Sommer letzten Jahres bat mich Marc Rosich, mit dem ich bereits bei anderen Opernprojekten, bei «Lord B.», «Cuentos de la Alhambra» oder «Cassandras Bazar», übersetzerisch zusammenarbeiten durfte, «eine kleine Sache, die ich für ‹La Fura dels Baus› geschrieben habe», zu übersetzen. Ich hatte Zeit und war bereit. Kurz darauf kam der Text, und als ich ihn las, wuchs meine Begeisterung von Wort zu Wort, von Vers zu Vers: «Cantos de Sirena» erwies sich für mich schon bald als weit mehr als «eine kleine Sache» ...

Gleichwohl beschlich mich zunächst ein Zweifel: Ist das mit der Geschlechtsumwandlung nur ein blosser Zeitgeist-Gag? Schon bald war meine innere Antwort: nein. Mit diesem Kunstgriff verleiht Marc der Faust-Figur eine weit über wohlfeile Gender-Debatten und -Postulate hinausgehende neue Dimension, die mich Fausts Streben nach gottähnlicher Schöpfungskraft in ganz neuem Licht sehen liess. Und dann die Auseinandersetzung mit dem «Verweile doch, du bist so schön» in Form der Fristverlängerung um «vierundzwanzig Sekunden, Minuten, Stunden, Jahre» und des orgiastischen Endes ... Zu guter Letzt sehe ich in der Figur der Fausta auch eine Ohrfeige für unsere Tendenz zum nabelschauenden Körper- und Ich-Kult. Meine Zweifel sind ausgeräumt, und ich muss einsehen, dass man im 21. Jahrhundert dem Faust-Stoff sehr wohl Neues abgewinnen kann, ohne sich an Goethes Geist zu versündigen.

Dass das Werk dann auch noch in der ganz besonderen Darstellungsweise der von «La Fura dels Baus» auf die Bühne kommen sollte, verlieh der anstehenden Übersetzungsarbeit noch einen zusätzlichen Reiz. Meine erste Begegnung mit «La Fura» liegt reichlich zwanzig Jahre zurück, als diese ursprünglich aus dem Strassentheater hervorgegangene Gruppe in einem von der Generalitat de Catalunya herausgegebenen Bildband, «Katalonien kennenlernen», als hervorragende Vertreter des zeitgenössischen katalanischen Kulturbetriebs beschrieben wurde. Seitdem habe ich ihre Arbeiten eher rezipierend begleitet und konnte mich umso mehr darüber freuen, nun auch aktiv daran mitwirken zu dürfen.

Das Übersetzen gestaltete sich dann doch schwieriger, als ich auf den ersten Blick – immerhin blicke ich auf rund fünfundzwanzig Jahre Erfahrung im Übersetzen katalanischer und spanischer Literatur zurück – gedacht hatte: Es galt, für Marcs kraftvolle Sprache adäquate deutsche Entsprechungen zu finden. Ob es mir gelungen ist, muss das Publikum beurteilen. Jedenfalls hat die Arbeit, vielleicht gerade wegen des besonderen Herausforderungsmoments, mir grosse Freude, ja sogar Befriedigung bereitet.

PRESSESTIMMEN

Allerlei «Ring»-Requisiten, von den fahrbaren Sängerpodien bis zu den Rheintöchter-Aquarien, werden auf spielerische Weise recycled, Projektionen erzeugen künstliche Räume, akrobatische Aktionen setzen Akzente. Der Dirigent Howard Arman hat eine Reihe emblematischer Arien von Barock bis Dvorák für das kleine Orchester bearbeitet und mit selbstkomponierten Partien zu einer theaterwirksamen Bühnenmusik verwoben, in die des Öfteren auch die wie von Geisterhand bewegten Klangautomaten ihre künstlichen Stimmen mischen. Die pittoresken Musikmonster sind die wahren Sirenen dieses Bühnenspektakels.

Opernwelt, März 2015

 

Zwei Stunden lang sitzt sich das Publikum auf Tribünen gegenüber und bestaunt die Metamorphosen, Selbstfindungen, Musikdelirien und Verirrungen eines Faust, der zur Abwechslung nicht nur jung, sondern auch zur Frau wird. Zu allen dramaturgischen Höhepunkten werden passende Minihäppchen gereicht: Usnea als Todeskraut, Lehmbrösel begleiten die Menschwerdung eines von Fausta geschaffenen Männerhomun kulus, gedörrte Apfelringe den Maschinensex mit ihm. Und zu guter Letzt, wenn Fausta/Faust die Augen aufgehen über sein/ihr verpfuschtes, weil nur im eigenen Selbst brütenden Leben, gibt es gerösteten Mais mit schwarzer Schokolade. Die raffinierte Kreation stammt von Meisterkoch Ferran Adriä und steht ironischerweise für die Entdeckung der freien Natur.

Süddeutsche Zeitung, 30. Januar 2015

 

Es ist eine surreale Vision, die von Carlus Padrissa in dieser Koproduktion des Luzerner Theaters mit der Oper Köln inszeniert wird. Eine Mischung aus «Star Wars» und Prada-Modeschau mit glitzernder Oberfläche und gut getimten Bildern. Ein zentrales Objekt im leeren Raum des Luzerner Verkehrshauses ist eine langgliedrige Waage, an deren Ende ein Harlekin befestigt ist, der wie ein Astronaut durch den Raum schwebt. Während auf dieser Himmelsleiter Carla Mafioletti Händels «Endless Pleasure» singt, streift sie über das Publikum und berührt es sanft mit den Händen. Hart an der Grenze zum Kitsch ist das. Aber voller Schönheit. Vor allem auch wegen der Musik. Fünfzehn Arien aus barocken und romantischen Opern wurden vom Luzerner Musikdirektor Howard Arman uminstrumentiert und ergänzt für eine Art zeitgenössisches Continuo-Ensemble, das unter anderem ein Akkordeon, Keyboard, Harfe und Cembalo umfasst. Aber die Arien werden keinen blossen Bearbeitungen unterzogen: Howard Arman tanzt und streitet mit ihnen, stöhnt mit ihnen mit, lässt sie stehen und versöhnt sich mit ihnen, auch mithilfe der Klangmaschinen von Roland Olbeter. Da wird kopiert, ersetzt, gefärbt, gestutzt, gefüttert, gebürstet, erweitert um Zitate und surreale Albernheiten. Eine Koloratur in Purcells «Two Daughters of this Aged Stream» verliert sich ins Leere, stolpert über ihren eigenen Übermut, torkelt ein bisschen und endet in einem gellenden Schrei. Die Klebekanten dieser Adaptionen sind so noch gut erkennbar, manches wurde ohnehin nur getackert. Aber alles hat seine Eigenheit, einen ganz bestimmten Sound von unerhörter Poesie.

Tages-Anzeiger, 13. Januar 2015

 

«Cantos de Sirena», das ist Oper, Spektakel, Kabarett, Zirkus und erinnert ab und zu an Karls Kühne Gassenschau. Es gibt Tanzeinlagen, Videoeinspielungen, die mechanischen Instrumente führen ihr Ballett auf und über dem Orchester schwebt eine grosse mechanische Hand, die das Geschehen dirigiert. Die Sängerinnen und Sänger, allen voran eine herausragende Marie-Luise Dressen als Fausta, beeindrucken und überzeugen, aber selten wird man sich so stark bewusst wie in dieser Produktion, dass das Ganze nur im Zusammenspiel funktionieren kann. Überzeugende Stimmen, Textsicherheit und choreografische Exaktheit alleine reichen nicht, hier muss jeder Handgriff sitzen, die Technik muss funktionieren, die Übergänge klappen, die Maschinen bedient werden, damit das Stück zu dem wird was es ist: ein unglaubliches Spektakel! So schnell wird man diesen Sirenengesang des Luzerner Theaters nicht vergessen!

Innerschweiz Online, 13. Januar 2015

 

Wenn vor dem seitwärts platzierten Orchester unter der Leitung von Howard Arman die riesigen, aus Röhren und Gestänge filigran verkabelten Klangmaschinen von Roland Olbeter aufgefahren werden, mischt sich eine technoide Welt mit körperintensivem 'Theater. (…) Dazu gehören auch Auftritte von Sängerinnen in Wassertanks oder auf einer Schaukel, die sich wie ein Schwenkarm zum Greifen nah über die Köpfe des Publikums bewegt. Einbezogen wird das Publikum auch, wenn die ausdrucksstark agierenden Tänzer des Theaters kleine Köstlichkeiten verabreichen, die die Geschmacksnerven stimulieren – bis hin zu Salz bis zur Schokolade. Die Pointe des Stücks ist, dass Fausta erst zum Schluss den Wert solch direkter Sinneserfahrung wiederentdeckt, wenn sie sich in der kitschigen Schlussszene Maiskörner durch die Finger rieseln lässt. Dazwischen lebt sie ihren Egotrip medial in einer technisch simulierten Welt aus. Diese bildet den zweiten und spektakulärsten Strang des Abends. Möglich macht es das raffinierte Spiel mit Bildprojektionen, in denen Sternbahnen ineinander kreisen oder eine Töpferscheibe atemberaubend zu rotieren beginnt, wobei der Leinwand reihenweise die von Fausta geschaffenen Klone entspringen.

Neue Luzerner Zeitung, 12. Januar 2015

 

Für einen starken Gegenpart sorgen die Frauenstimmen, die mit Marie-Luise Dressen (als weiblicher Faust «Fausta»), Carla Maffioletti und Stella Motina toll besetzt sind. Ob kopfüber, rotierend oder bis zum Hals im Wasser: Da wird gesungen, präzise, sonor und farbenreich, und Carla Maffioletti sorgt in Offenbachs «Les Oiseaux dans la charmille» mit souverän-schalkhaften Koloraturen für einen Höhepunkt der Aufführung.

Neue Zürcher Zeitung, 12. Januar 2015

 

Was man hier vom Luzerner Theater und von «La Fura dels Baus» geboten bekommt, ist ein eindrückliches Gesamtkunstwerk, das die verschiedensten Sinne anspricht. Neben den Ohren beispielsweise auch den Gaumen. Das Publikum wird immer wieder mit besonderen Häppchen aus der Küche des Entlebuchers Stefan Wiesner verwöhnt. Vor allem ist die Vorstellung ein Augenschmaus. «La Fura dels Baus» unter der Regie von Carlus Padrissa bietet spektakuläre Bilder. Mensch und Maschine werden eins. Das verlangt vor allem den drei Sängerinnen des Luzerner Theaters, Marie-Luise Dressen, Carla Maffioletti und Stella Motina, auch in akrobatischer Hinsicht einiges ab. Gesungen wird in der Luft, balancierend auf einem Stahlbalken der wie eine Waage hin und herschaukelt oder angeschnallt an einem Kran-Arm, in welchem sich die Sängerin während der Arie in einem rasanten Tempo um die eigene Achse dreht. Oder schwimmend und abtauchend in einem Wasserbecken. (…) Das Musiktheater «Cantos de Sirena» ist ein Erlebnis. Es ist nichts alltägliches, das einem hier geboten wird, weder für das Publikum, noch für das Ensemble des Luzerner Theaters. Vergnügen hat es beiden Seiten bereitet.

Radio SRF1 Regionaljournal, 11. Januar 2015

 

Wie bereits vor einiger Zeit angekündigt, ist es nun hier, eines der Highlights der Jubiläumssaison des Luzerner Theaters. Die Rede ist von der wilden und ja, fantastisch absurden, Dreispartenproduktion der katalanischen Theatergruppe "La Fura dels Baus". Mit dem Titel "Cantos de Sirena" zieht das Stück die Zuschauenden wahrlich in ihren Bann – überwältigt diese und sämtliche Sinne. (…) Vielleicht ein Mü "too much"? Nein, sagen wir, lediglich fantastisch absurd, vorausgesetzt man kann sich darauf einlassen. Ein Schmaus für alles, was Sie physisch und psychisch besitzen – gehen Sie hin mit hungrigen Sinnen.

Luzerner Rundschau, 21. Januar 2015

 

Im Keller des Luzerner Verkehrshauses geht Seltsames vor sich: Wo man sonst Technik möglichst anschaulich erklärt, wird sie zum Vehikel für Fantasien und Emotionen. Zauberwesen verbinden sich mit kryptischen Maschinen, menschliche Stimmen verschmelzen mit mechanischen Musikinstrumenten. Die Theatertruppe «La Fura dels Baus» ist hier am Werk. (…) Maschinen und Skulpturen, Video und Musikautomaten, sechs Sänger, sechs Tänzer, ein Schauspieler und eine Handvoll Bühnentechniker schaffen ein unterhaltsames Spektakel für alle Sinne. Die sowohl schauspielerisch wie sängerisch sehr anforderungsreiche Hauptrolle füllte Marie-Luise Dressen fulminant aus.

Musik & Theater, März 2015

 

Patronat:

Image preview