Ariadne auf Naxos

Luzerner Theater

Ariadne auf Naxos

Oper in einem Akt mit einem Vorspiel von Richard Strauss
Text von Hugo von Hofmannsthal
In deutscher Sprache
Premiere: 19. April 2015

Oper als Welttheater – nichts Geringeres schwebte Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss vor, als sie ihr Gemeinschaftsprojekt «Ariadne auf Naxos» in Angriff nahmen. Das Ziel war nicht neu, der Weg dahin schon. Nach einer ersten Fassung (1912), die unter Verwendung von Molières Komödie «Le Bourgeois gentilhomme» (1670) Schauspiel, Tanz und Oper miteinander verband, entwickelten sie aus aufführungspraktischen Gründen eine zweite Version (1916), die mit auskomponiertem Vorspiel und folgender Oper auf die Selbstreflexion der Gattung fokussiert.

Im Hause eines reichen Mäzens werden letzte Vorbereitungen für eine illustre Opernvorstellung getroffen. Als der Komponist erfährt, dass seiner Musiktragödie «Ariadne auf Naxos» ein lustiges Nachspiel folgen soll, fürchtet er um die Wirkung seiner Schöpfung. Dann verkündet der Haushofmeister einen neuen Befehl seines Herrn: Um Zeit zu sparen, will man beide Werke gleichzeitig sehen. Fassungsloses Entsetzen hinter der Bühne. Wie sollen bloss Trauerspiel und Komödie in einem Stück zusammenfinden? Kurz darauf hebt sich der Vorhang: Ariadne, von ihrem Geliebten schnöde auf einer wüsten Insel ausgesetzt, erwartet nichts mehr als den Tod. Vergeblich versucht Zerbinetta gemeinsam mit ihren vier Freunden, die unglückliche Frau aufzuheitern und für das Leben zurückzugewinnen. Dann aber geschieht ein Wunder …

Mitten in der Diskussion um das Musiktheater der Moderne wagten Dichter und Komponist noch vor dem eigentlichen Neoklassizismus einen bewussten Blick auf die Historie. Opera seria und auf der Commedia dell’arte beruhendes Intermezzo finden wie noch im frühen 17. Jahrhundert zu einer Einheit zusammen, die gerade aufgrund der Heterogenität des Stils alle Aspekte des Lebens umfasst. Das in einem äusserst beweglichen und klar charakterisie-renden Rezitativ vertonte Vorspiel verkündet als Metatheater jene Poetik, die erst die im Anschluss aufgeführte, mit Rollentypik, Stimmcharakter und überlieferten Formen spielende Oper ästhetisch einlöst. Die beiden Gattungen des italienischen Musiktheaters bilden in ihrer modernen Zuspitzung dabei die zwei Seiten jenes Phänomens ab, das im Zentrum des gesamten Werks steht: die Lebendigkeit des menschlichen Herzens.

Empfohlen ab 14 Jahren

Aufführungsdauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause nach dem Vorspiel

PRESSESTIMMEN

Rote, gelbe und schwarze Kabel, Scheinwerfer, in Reihen nebeneinander an Eisengestellen montiert, zu beiden Seiten hoch übereinander aufgetürmt: Die Bühne des Luzerner Theaters gibt den Blick frei auf ein Innenleben, das normalerweise bei Aufführungen nicht sichtbar ist. Zudem wird der Zuschauerraum über einen an der Hinterseite der Bühne montierten Spiegel reflektiert, wodurch sich das Publikum selbst hinter die Kulissen versetzt fühlt. Mit diesem Perspektivenwechsel führt die neue Luzerner Inszenierung vor Augen, dass Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in ihrer Zusammenarbeit für «Ariadne auf Naxos» über die Gattungen des Musiktheaters und über den Theaterbetrieb nachdachten. Darüber hinaus verwischt sie bewusst die Grenzen zwischen der Realität und der Scheinwelt der Oper.

Neue Zürcher Zeitung, 21. April 2015

 

Daneben könnte das Gefühlsdrama Ariadnes als das Luxusproblem erscheinen, als das die lebenslustige Komödiantin Zerbinetta es verspottet. Aber die Besetzung, die mit einer Reihe phänomenaler Stimmen aufwartet, verhilft ihm zu ihrem Recht und erfüllt die Kunstwelt (Text: Hugo von Hofmannsthal) mit praller Sinnlichkeit. Das beginnt im Vorspiel mit dem Auftritt des Komponisten, der um die Integrität seines Werks ringt: Marie-Luise Dressen tut es mit der Intensität und Leuchtkraft einer Stimme, die der Figur alle weltfremde Verträumtheit austreibt. Carla Maffioletti als Zerbinetta wischt nicht nur Ariadnes vermeintlich ewigen Liebeskummer mit koketten Koloraturen hinweg. Schon in der Begegnung mit dem Komponisten findet sie zu innig ergreifenden Tönen, die später eine Frauensolidarität mit der Ariadne-Heroine ermöglichen. Ein stimmliches Ereignis ist auch deren Gestaltung durch die Gastsängerin Gabriela Scherer. Mit einer ebenso dramatischen wie geschmeidigen Stimme bringt sie die Emotionen zum Überlaufen: Wenn in ihrer Begegnung mit Bacchus (mit grossartig strömendem Tenor: Carlo Jung-Heyk Cho) eine neue Liebe aufkeimt, kommt es - unter dem abermals genutzten Vorhang-Flügel – zum atemberaubenden vokalen Höhenflug.

Neue Luzerner Zeitung, 21. April 2015

 

Marie-Luise Dressen interpretiert die innere Zerrissenheit des Komponisten, der seine klaren Vorstellungen von hoher Kunst über den Haufen werfen muss, auf eindrückliche Art und Weise. Es ist ein Abend, in dem starke Frauenstimmen im Zentrum stehen. Die Hauptrolle der Ariadne singt Gabriele Scherer. Sie gastiert zum ersten Mal am Luzerner Theater. (…) In der Oper «Ariadne auf Naxos» geht es um Charaktere, die in festgefahrenen Strukturen leben. Diese müssen sie nach und nach aufgeben, sie verwandeln sich. Ariadne beispielsweise trauert nicht mehr ihrer Vergangenheit nach, sondern verliebt sich und findet neuen Lebensmut. Das Thema Veränderung setzt das Bühnenbild von Philipp Fürhofer überzeugend um. Im Hintergrund der Bühne steht eine riesige Spiegelwand. Das Publikum sieht sich also selber im Theatersaal sitzen und man stellt sich unweigerlich die Frage, was Veränderung für einen selber bedeutet.

Radio SRF1, 20. April 2015

 

Die Regie zeigt uns den Gegensatz zwischen abgeschotteter Innen- und der Aussenwelt zum Beispiel dadurch, dass zunächst der ganze Bühnenraum mittels einer grossen Spiegelwand, in der sich der Zuschauerraum und mithin wir selber reflektieren, in ein selbstreferentielles Kabinett ohne Ausweg verwandelt wird. Ganz am Schluss geht die Primadonna, die sich Ariadne nennt, mit ihrer neuen Liebe, dem Tenor, hinten durch die zur Strasse hin offene Materialrampe ab. Es ist ihr gelungen, aus der selbstimaginierten und -inszenierten Oper auszubrechen. Zudem wird während des ganzen Spiels immer wieder eine Soldaten- und Kriegswelt in den Kostümen des ersten Weltkrieges gezeigt. Das referiert einerseits auf die Entstehungszeit der «Ariadne auf Naxos» oder auch auf aktuelle Fernsehbilder, greift aber andererseits wiederum das Thema der Realitätsverweigerung auf, indem das «untere» Personal der Garderobieren und Gaukler sich auf diese Schreckenswelt einlässt, ja ihr gar angehört, während die Primadonnen, Komponisten und Musiklehrer sie gar nicht zur Kenntnis nehmen und statt dem realen Sterben ins Auge zu sehen lieber von Liebestoden schwärmen. Der ganze Abend zeigt in der Inszenierung von Holger Müller-Brandes durch Vorspiel und Nachspiel zum Vorspiel hindurch die Befreiung der Verlassenen, der Primadonna aus ihrem Eingeschlossensein hin zu neuem Leben und neuer Liebe. (…) Das umfangreiche Sängerinnen- und Sängeraufgebot der ansonsten ja eher nicht eben gross konziperten Oper konnte fast ohne Ausnahme mit Mitgliedern des Luzerner Ensembles besetzt werden, die sich wie immer auf hohem Niveau präsentieren. Besonderen Applaus verdiente und erhielt Marie-Luise Dressen in der Hosenrolle des Komponisten. Für die offizielle Hauptrolle der Primadonna/Ariadne wurde die Sopranistin Gabriela Scherer als Gast verpflichtet, welche mit wahrlich heroinenhaftem Organ und hohem Ausdruck die Produktion prägte.

Kulturteil.ch, 20. April 2015

 

Nach der Pause nehmen Oper und komödiantische Intermezzo ihren Lauf. Drei aufgebretzelte und zickige, mit ihrer Garderobe beschäftigten Nymphen beobachten machtlos die depressive und todessehnsüchtige Ariadne, hervorragend mit leicht dramatischem Sopran von Gabriele Scherer interpretiert. Ihr Gegenbild verkörpert die schlitzohrige und lebenskluge Zerbinetta. Virtuos wie ihr Kostüm wechselt sie scheinbar ihre Liebhaber, sich stets ihre im Alltag verankerte Liebesfähigkeit und Identität bewahrend. Ariadne wird erst durch Zufall klug, in der Begegnung mit Bacchus, mit schönem Tenor, wenn auch gestisch etwas steif, von Carlo Jung-Heyk Cho gesungen. Bis auf die Starrolle der Zerbinetta waren sämtliche Rollen gut bis hervorragend besetzt. Ein grosser Star des Abends war das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Howard Arman, dass mit kammermusikalischer Transparenz und dem Schmelz der Streicher brillierte.

Der neue Merker, Mai 2015

 

Beim Vorspiel brillierte Marie – Luise Dressen als Musiklehrer, konfrontiert mit den ständig wechselnden aussergewöhnlichen Ansprüchen und Forderungen des Gastgebers, Auftraggebers. Ausdrucksstark überzeugend, gesanglich als auch schauspielerisch war sie die dominierende Figur des Prologs, spielte und sang die andern fast an die Wand (die in diesem Fall ein Spiegel war). Vereinzelte Bravorufe vermischt mit stürmischem Applaus waren dafür die verdiente Anerkennung. (…) Alle Rollen dieser Sequenzen sind optimal besetzt bis in kleinste Nebenrollen, überzeugend besonders auch die drei Nymphen der Ariadne. Amüsant die Wechselspielchen zwischen der lebenslustigen umschwärmten Zerbinetta und ihren 4 Verehrern, gesanglich sehr gute Koloraturen von Carla Mafioletti, mit Leichtigkeit, mühelos interpretiert in Kombination mit der schauspielerischen Umsetzung ihres Parts ein Glanzpunkt der Inszenierung, immer sehr gut supportiert von Harlekin Todd Boyce, besonders, als er sie hinter einer Art Paravent in ein hellblaues Wunder verwandelt, später fast gar in eine brasilianische Sambagöttin. (…) Gabriela Scherer (Ariadne) und Carlo Jung-Heyk Cho (Bacchus) brillieren in ihrem Duett mit der sensibel-anrührenden und doch kraftvollen musischen Interpretation ihres Gemütszustandes. Die Première überzeugte in allen Belangen und hätte ein volles Haus mehr als verdient. Ein weiteres Mal wurde im Haus an der Reuss schwieriges Rohmaterial in verständlicher, trotzdem künstlerisch hochstehender Form einem dankbaren Publikum vermittelt, dies auch mit der, wie immer hochklassigen instrumentalen Unterstützung des Luzerner Sinfonieorchesters unter Howard Arman.

Innerschweiz Online, 21. April 2015