Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg?

UG

Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg?

Schauspiel von Katja Brunner
Uraufführung
Premiere: 21. März 2014

Ich hätte Lust, von verschiedenen Arten der Traurigkeiten zu erzählen, vielleicht der Trauer eine Art Stimme reinzustopfen, die gasförmig ist und viel Platz will, sofort, zum Beispiel der Tod, personifiziert, der es Leid geworden ist, ein Trauerverursacher zu sein, alle Kinderzeichnungen der Welt, dann die Traurigkeit der Desillusionierung als Coming of Age Kehrseite: Die ganzen Dinge, die sich nie eingelöst haben und nicht einlösen werden … Wichtig: Wie geht eine Sprache der Trauer, gibt es eine Sprache der Trauer, welche Worthülsen aus dem «Trauerjargon» sind geläufig? Welche sind die Wort­hülsen, mit denen man sich beim Trauern Abhilfe zu verschaffen versucht? Können andere mittrauern? Stockt der Mensch als empathiefähiges Tierchen vor der Trauer? Wie möglich, wie unmöglich ist das Trösten? Warum ist es wohl so, dass im 19. Jahrhundert das, was wir heute depressiv nennen, «melancholisch» genannt wurde? Muss man durch das Nadelöhr der Trauer? Wie viel kostet das? Und muss ich jetzt unabdingbar Krebs kriegen, weil ich nicht weiss, wohin mit der Trauer? Sparfanatismus ist die Abwendung einer möglichen Enttäuschung, es ist die Unterdrückung und Vorwegnahme der Trauer, wie hält die das wiederum bloss aus, warum rächt sie sich nicht?
Ein Theatertext, der an der schweren Fassbarkeit der eigenen Endlichkeit nagt, ein Theatertext, der gegen den eng gegleisten Narzissmus sich gerne stellen wollte, ein Theatertext für die anderen, die nicht du sind, die keine spiegelnden Oberflächen haben. Von der Verkettung von Ereignissen, ein Text darüber, dass man vielleicht besser daran getan hätte, den Menschen bei seiner Geburt zu beweinen statt bei seinem Tod. Ein Text über die energetische Freisetzung, könnte man alle Depressionen aus den Herzen und aus den Köpfen mittelständischer mitteleuropäischer gepamperter Menschen löschen. Ein Text, der sich der Frage widmet, wie genau ein so grosser Opa in eine so kleine Urne kommt. Ein Text, der fragt, warum Trauer so zähe Gallensäfte benötigt, bis sie einen verlässt, während die Freude sich zahme und schnelle Abgänge sucht. Ein Text über totgefahrene Füchse und ihre Seelen, über den vielleicht schwer stillbaren Durst nach Trost, Urnendesign und Aschestückchen zwischen den Zähnen.

Katja Brunner

 

Katja Brunner war zu Gast bei «Reflexe» auf SRF2 Kultur und hat über ihr Stück für das Luzerner Theater berichtet. Die Sendung finden Sie hier.
 

 

Katja Brunner wurde 1991 in der italienischen Schweiz geboren und wuchs in Zürich auf. Mit ihrem Debüt «Von den Beinen zu kurz» gewann sie 2013 den MÜLHEIMER DRAMATIKERPREIS, den höchst gesetzten Autorenpreis im deutschsprachigen Theater, und ist die jüngste Preisträgerin in der Geschichte dieses Wettbewerbs. (Die Schauspielerin Wiebke Puls, Jurymitglied: «Katja Brunner hat mich zutiefst gepackt. Sie ist skrupellos, aber feinfühlig. Ihre Sprache ist gewaltig, rabiat, schamlos, hoch artifiziell. Es ist dünnes Eis, auf das sich die Autorin begibt – sie betritt es nicht nur, sie liegt unter diesem Eis, wirklich mitten im See.» Und Tobias Becker, Kulturredakteur des SPIEGEL, Jurymitglied: «Katja Brunner setzt die Moral aufs Spiel; es ist sehr heikel, was sie macht – aber genau für solche Texte brauchen wir das Theater.») Zudem wurde sie in der aktuellen Kritikerumfrage des Fachmagazins «Theater heute» zur NACHWUCHSAUTORIN DES JAHRES gewählt. Ihr zweites Stück «Die Hölle ist auch nur eine Sauna» wurde zum Heidelberger Stückemarkt 2013 eingeladen. «Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg?» wird Katja Brunner für das Luzerner Theater schreiben.


AKTUELL Dezember 2013
Der SPIEGEL wählt «Von den Beinen zu kurz» von Katja Brunner zum besten neuen Stück des Jahres

«Dieser Text ist eine Zumutung. Denn er ist derbe im Ton, übervoll mit Bildern grotesker Körperlichkeit. Er ist ein Schock. Denn er transportiert Empathie mit einem Pädophilen. Er ist ein Graus. Denn eine missbrauchte Tochter verteidigt ihren Vater, ja mehr noch: Sie rechtfertigt sein Tun.
Dieser Text ist aber auch eine Sensation. Denn Katja Brunner hat ihn geschrieben, als sie 18 war, und mit ihm den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen, als sie 22 war - als jüngste Autorin aller Zeiten. Dieser Text ist auch ein ästhetisches Erlebnis. Denn er mischt realistische mit phantastischen Passagen: Protokolle von Arztbesuchen mit Moraldiskursen mit Märchen. Dieser Text ist auch eine Lektion. Denn er dämonisiert den Täter nicht, und so rückt er ihn nicht auf Distanz. Er zähmt die Tat nicht, indem er sie moralisiert, sondern er lässt sie als Rätsel im Raum stehen. Dieser Text ist auch ein Glück. Ein Glück fürs Theater. Denn für Texte wie diesen ist das Medium geeignet wie kein anderes: dafür, die Moral aufs Spiel zu setzen und mit ihr alle Gewissheiten. Für alles andere gibt es Leitartikel. Und die ‹Tatorte› am Sonntagabend.
Verstörend ist eine der Lieblingsvokabeln, wenn Regisseure, Dramaturgen, Kritiker über Theaterstücke sprechen. Selten passt der Begriff so gut wie zu Brunners Text.»

(Tobias Becker)
 

PRESSESTIMMEN

Anders als in ihrem formal deutlich strenger strukturierten Erfolgsstück "Von den Beinen zu kurz", das aus unterschiedlichen Perspektiven das Tabu-Themas Kindesmissbrauch betrachtet, hat sich Brunner in ihrem neuen Text für eine offene szenische Konzeption entschieden. Satzfetzen und Reflexionen über den Tod, auch ein großer Monolog, quellen wie Schlamm aus Ritzen. Jeder Versuch der Akteure, in einen Dialog zu treten, versandet im seelischen Ödland. Diese strukturelle Herausforderung löst Štormans Regie stark: Thomas Sehers quälend leise, synthetisch schockgefrostete Musik jagt dem Publikum nicht nur zarte Schauer über den Rücken. Die großartige Klangkulisse verknüpft den zerklüfteten Textkörper zur stimmigen Komposition. Auch chorisches Sprechen setzt der Regisseur ein. Das aber so sparsam, dass die Wirkung groß bleibt. Dies wird Brunners grandioser Sprachkunst sehr gerecht. Ihren sinnlich aufgeladenen Bildern wohnt Zärtlichkeit inne. Wenn das zauberhafte Kindwesen, verkörpert von Emma-Lou Herrmann, in einer der wenigen, nervtötend flimmernden Filmsequenzen im rosa Himmelbett mit kitschigen Heiligenbildern den Zeugungsakt beschreibt, ist das einfach wunderschön. Das aber ist nur die eine Seite: Dann wieder sprengt Hass schon einzelne Sätze. Bettina Riebesel als Mama, selbst eine Projektion aus dem Reich der Toten, liest in einer anderen filmischen Passage mit der Taschenlampe die Geschichte eines Jungen, dessen Yuppie-Eltern ihn ins Frühchinesisch und Kinderyoga schicken. Da erstickt der Knirps an einem Zitronenkern. Auch so schreibt Brunner, böse und schamlos ironisch.

(www.nachtkritik.de, 22. März 2014)

 

(…)«Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg?» lautet der ziemlich komplizierte Titel. Produktive Verkomplizierung aber ist Programm bei der jungen Zürcher Autorin und Trägerin des Mülheimer Dramatikerpreises 2013. Wie alles, was sie schreibt, bringt auch dieser Stücktitel nicht einfach ein Faktum auf den Punkt, sondern evoziert, assoziiert, suggerier umkreist ein Begriffsfeld, umschreibt einen Zustand: Trauer. Apropos Stück: Natürlich offeriert der Text keine konventionellen Rollen, sondern Prosa-Monologe, Stimmen-Dialoge, die nicht einwandfrei den jeweils Sprechenden zugeordnet werden können. Manchmal bündelt Regisseur Marco Storman sie also zum Gesellschafts-Chor während seines von sanftem Ernst umflorten, mit bissiger Ironie und galligem Humor durchsetzten Sprachoratoriums.

(Neue Zürcher Zeitung, 24. März 2014)

 

Ein Mädchen im Prinzessinnenkleid, eingepfercht in eine mit Heiligenbildchen dekorierte Nische, meldet sich per Videoprojektion und erzählt von seiner Zeugung: 7,3 Minuten Zärtlichkeit zwecks Entspannung, daraus resultierend eine absichtslose Existenz. "Hallo! So macht man mich." Später realisiert man: Das Kind ist schon unter dem Boden, das heisst hier im UG, der zweiten Spielstätte des Theater, unter dem Tisch. Es repräsentiert den verstorbenen Jungen, von dem im Text die Rede ist. Was mit ihm passiert ist, bleibt lange nebulös. Von einer "dämlichen Idee", spricht die Mutter, von einem "Malheur" die Familie. Erst nach der Hälfte wagt es einer auszusprechen: "Selbstmord". Das ist eine Zumutung, ist die allgemeine Meinung. Dass sich der Junge auf dem Asphalt verteilen musste und einem damit auch noch das Heimatgefühl im Wohnquartier vermiest. (…) Oft sind solche Theatertexte, in denen um viele Ecken gedacht, aber kaum gehandelt wird, eine Einladung für Regisseure, die Zuschauer mit häufig unmotivierten optischen Einfällen bei der Stange zu halten. Nicht so für Storman. Von den Maden, die über die ganze Dauer des Stücks als Memento mori an die Wand projiziert, bis zu den typischen Friedhofsblumen Stiefmütterchen, die auf dem Tisch angepflanzt werden, stiftet alles Sinn. Und mit der Idee, Zuschauer, und manchmal auch Schauspieler, an einen langen Tisch zu setzen, nutzt er den schwer zu bespielenden, schlauchförmigen UG-Raum optimal aus.

(sda, 22. März 2014)

 

Die Uraufführung von Katja Brunners Stück war herausfordernd, mutig und sprachlich ganz einfach grandios. Zu Tisch gebeten mitten im Schauspiel, sass man eingepfercht zwischen Sprachwällen und Schuldgefühlen. So fühlt es sich am Puls der Zeit des zeitgenössischen Theaters an.

(http://www.kulturteil.ch/2014/schuld-und-sprache/, 23. März 2014)

3 Uraufführungen im UG

Entdecker-Paket

Drei Schweizer Uraufführungen zum Preis von zwei!

Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg? Schauspiel von Katja Brunner (ab 21. März 2014)

Nachruf oder Jung sterben hat mich auch nicht besser gemacht Schauspiel von Daniel Mezger (ab 12. April 2014)

nahkampf Schauspiel von Sabine Harbeke (ab 3. Mai 2014)

Der Entdecker-Pass ist an der Theaterkasse erhältlich. Tel. 041 228 14 14, kasse@luzernertheater.ch