Il ritorno d'Ulisse in patria

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Luzerner Theater

Il ritorno d'Ulisse in patria

Oper in drei Akten von Claudio Monteverdi
Text von Giacomo Badoaro, Nach Homer
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
KOPRODUKTION MIT DER SCHOLA CANTORUM BASILIENSIS
Premiere: 19. April 2013

Claudio Monteverdi gehört zu den Begründern der Gattung Oper, die sich gerade zu Beginn häufig auf prominente Stoffe aus der antiken Mythologie bezog. Für «Il ritorno d’Ulisse in patria» griff der Dichter Giacomo Badoaro auf eine der grössten Menschheitssagen – Homers im 8. Jahrhundert v. Chr. notierte «Odyssee» – zurück, wobei sein fünfaktiges Libretto ausschliesslich den zweiten Teil des gigantischen Epos in prägnanten Szenen zusammenfasst:

Jahre nach Beendigung des Trojanischen Krieges wartet man in Ithaka noch immer auf die Rückkehr des Herrschers. Seine Gemahlin Penelope wird von zahlreichen Bewerbern um ihre Hand belagert, doch will die unglückliche Frau ihrem totgeglaubten Gatten treu bleiben. Während sich der gemeinsame Sohn Telemaco, mittlerweile zum erwachsenen Mann gereift, noch auf der Suche nach seinem Vater befindet, um das Königshaus vor dem Untergang durch die schmarotzenden Freier zu retten, kehrt Ulisse unerkannt als fremder Bettler zurück …

Im Zentrum der Librettofassung steht das für die frühe venezianische Oper typische Motiv der Verstellung, mit dessen Hilfe sich die Rückkehr zum ehemaligen Status quo über Enthüllung und Erkenntnis spannend vollzieht. Auf den absichtsvollen Wechsel von komischen und tragischen Momenten im Laufe des Geschehens antwortete Monteverdi mit einer ebenfalls auf starke Kontraste, aber auch auf grosse Steigerungen angelegten Vertonung. Zusammen mit der neuen, wegweisenden Behandlung des Instrumentalen erweist sich das Werk somit als ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zur Oper des Hochbarock.

GESPRÄCH

EIN BUNTES GEMISCH

Dominique Mentha im Gespräch mit Dr. Christian Kipper

 «Il ritorno d’Ulisse in patria» ist – wie für die frühbarocke Oper typisch – ein Gemisch an Stilen. Auch gibt es unterschiedlichste Figuren, lustige und tragische, hochstehende und niedrige. Wie lässt sich das ordnen?

Das soll man gar nicht ordnen! Dieses Gemisch an Stilen, Ebenen, Aspekten und Wahrheiten ist der Grund, warum ich dieses Werk so liebe. Wir sehen eine Familie – Odysseus, Penelope und Telemachos –, die sich neu findet, Götter, die darüber stehen und kräftig mitmischen sowie eine Gruppe an Domestiken, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Dabei steht Lustiges neben Tragischem. Das ist für mich als Regisseur kein Problem, sondern eine meinem Temperament entsprechende Herausforderung.

Der fast wichtigste Aspekt einer Barockoper war die Verwendung einer gewaltigen Bühnenmaschinerie. Was können wir diesbezüglich in Luzern erwarten?

Die sagenumwobene Bühnenzauberei des Barocktheaters ist für die Werke jener Epoche nicht wirklich existenziell. Sie bildet wie die barocke Architektur, Malerei oder Gartengestaltung ein Thema jener Zeit, erfordert aber – wie alle zu interpretierenden Kunstformen – einen aktuellen Zugriff und neue Lösungen. Ich denke, wir werden, auch ohne die Bühnenmaschinerie anzuwerfen, eine barocke Geste drin haben. Aber dafür reicht mir im Grund ein Sofa auf etwas Sand.

Die Musik Monteverdis konzentriert sich ganz auf die Nuance, das Orchester besteht aus wenigen Streichern und verschiedenen Basso-continuo-Instrumenten. Wie lässt sich da über fast drei  Stunden die Spannung halten?

Die Oper ist in vielen Punkten ein packendes Dialogstück, die eingesetzten Mittel sind reduziert, aber wirkungsvoll eingesetzt. Es gehört zu den Aufgaben des Regisseurs, des Dirigenten und vor allem der Sänger, mit diesen reduzierten Mitteln die notwendige Spannung zu erzeugen.

Penelope wartet über Jahre auf die Rückkehr ihres Gemahls und erträgt widerwillig die Belagerung ihres Hauses von zahllosen Freiern. Dann kommt Odysseus zurück. Die Eheleute fallen sich in die Arme. Das ist fast ein bisschen wenig für knapp drei Stunden Oper. Oder habe ich etwas vergessen?

Das ist doch nur ein Strang der Geschichte! Daneben gibt es noch viele andere Aspekte, die mitverhandelt werden. Die Diskussionen der Götter, das Gelage der Freier – auch dort entstehen hochinteressante Auseinandersetzungen über Menschheitsfragen.

Heute würde wohl niemand mehr wie Penelope sein Leben mit Warten verbringen. Ist es also ein Stück von gestern?

Das halte ich für eine Illusion. Auch heute verbringen Menschen mitunter einen grossen Teil ihres Lebens mit Warten – auf den Eintritt ganz konkreter Ereignisse oder auf die Erfüllung eher unkonkreter Sehnsüchte. Und denken wir nur an die jüngere Geschichte: Nach dem letzten grossen Krieg kamen viele Gefangene erst nach etlichen Jahren wieder frei – und dann in eine oft völlig veränderte Gegenwart zurück.

Was ist das A und O bei diesem Stück?

Womöglich genau das: das Warten, das Eintreffen des Erwarteten und die Differenz zwischen Erwartung und Erfüllung.

Welchen Rat sollte man Sängern mit auf den Weg geben, die sich mit einer Monteverdi-Oper beschäftigen?

Sänger können bei Monteverdi den Kern ihres Berufes lernen: die enge Verbindung von Text und Gesang. Diese Relation ist auch bei einer Mozart- oder Wagner-Oper relevant, aber während dort das Orchester vieles an Gestaltung bereits suggeriert und mitträgt, muss der Sänger bei Monteverdi besonders bewusst gestalten, phrasieren, ausdeuten, kolorieren. Das ist eine Aufgabe, aber auch eine Chance!

 

PRESSESTIMMEN

«Der Luzerner Theaterdirektor Dominique Mentha hat als Regisseur beides, das Tragische und das Komische, herausgearbeitet und in eine perfekt ausbalancierte Form gebracht. Sein Bühnenbildner Werner Hutterli beschränkt sich aufs Wesentliche: Sand für den Meeresstrand, ein Sofa für die wartende Penelope, vier Hochsitze für die Götter, die die Fäden ziehen. Die Kostümbildnerin Anna Ardelius scheut keinen Aufwand und greift tief in die Kostümkiste. Bärtige Götterväter und lumpige Bettlerklamotten, poppige Freier-Outfits und damenhaftes Deux-pieces für Penelope (…) Musikalisch ist die Luzerner Produktion eine schöne Überraschung. Auf der Bühne viel Opernsänger-Nachwuchs und kaum bekannte Sängernamen, dafür aber eine Spielfreude, die begeistert, und eine homogene Ensembleleistung, die beeindruckt. Die Mezzosopranistin Carolyn Dobbin singt die Penelope im Wartestand würdig, ernst, verhalten. Das Strahlen bewahrt sie für den Schlussapplaus auf, der ihr reichlich zufliesst. Die Titelpartie des Ulisse ist bei Utku Kuzuluk in besten Händen. Sein baritonal gefärbter koloraturenfähiger Tenor hat keine Mühe, den Rang als Primo uomo zu behaupten. Viel zu loben geben die mittleren und kleineren Partien, etwa die wunderbar ammenhafte Amme von Marie-Luise Dressen, der kräftige Hirt von Todd Boyce, Carlo Jung-Heyk Cho als Obergott Giove wie als Freier Anfinomo sowie die Sopranistinnen Simone Stock und Dana Marbach in mehreren Partien. Im Orchestergraben verblüfft ein Ensemble, kombiniert aus Kräften des Luzerner Sinfonieorchesters und der Basler Schola Cantorum. (…) Doch ist es ein Qualitätsbeweis der von Howard Arman geleiteten Aufführung, dass die Konzentration über drei Stunden nie einbricht und das Ohr trotz den langen Rezitativen kaum ermüdet.»
Basler Zeitung, 23.4.2013
 

«Einen besonderen Akzent setzt die instrumentale Umsetzung der Partitur unter Howard Arman am Cembalo. Er verzichtet darauf, das Stimmenmaterial mit Bläsern anzureichern, und charakterisiert die Figuren und Szenen ganz mit der farbig besetzten und eingesetzten Continuo-Gruppe. Das funktioniert - ergänzt mit dem Schmelz und Glanz (…) vorzüglich. Wenn die Cembali klirrend aufbrausen und der Klang von Gitarren träumerisch aufgehellt oder von Lauten magisch abgedunkelt wird, ereignet sich in der Musik das emotionale Drama (…).»
Zentralschweiz am Sonntag, 21.4.2013
 

«Augen und Ohren öffnete mit Theorben, Barockgitarren, Violone und anderen Exotica die Schola Cantorum Basiliensis unter Howard Arman, der epochengemäss das Ensemble vom Cembalo aus leitete. »
Tages-Anzeiger, 22.4.2013
 

«Der Respekt Menthas vor den Unsterblichen ist also eher gering. Und auch aus den Freiem, die Penelope bedrängen, macht der Regisseur farbige Witzfiguren, gekrönt im Schmarotzer Iro, der von Monteverdi die wunderschöne Persiflage eines Lamento geschenkt kriegt (…) Sonst gelang es Mentha ohne viel Aufwand und Brimborium, den Figuren ihr passendes individuelles Profil zu geben. Damit blieb viel Raum für die vielseitige und den vielen Charakteren auf den Leib geschnittene Musik Mon teverdis. Achtbar schlug sich das Luzerner Sängerensemble, das praktisch vollzählig aufgeboten wurde für diese rollenreiche Oper. (…)
Aber die meistens von Erfolg gekrönten Bemühungen um stilgerechte Stimm- und Farbgebungen sowie Verzierungstechniken für diese frühbarocke Musiksprache    trugen überall schöne Früchte, von Carolyn Dobbin als Penelope und Utku Kuzuluk als Ulisse über die virtuos Koloraturen-turnenden Götter und Allegorien bis zu den komischen Figuren der Schmarotzer und Freier an Penelopes Hof. Wirklich höchste Barockkompetenz kam vom Ensemble, das aus Streichern des Luzerner Sinfonieorchesters und Continuo-Künstlern von der Basler Schola Cantorum zusammengesetzt war. Mit je zwei Cembali,Theorben und Barockgitarren sowie mit Orgel, Violone und Harfe bot der Dirigent Howard Arman alles auf, was barocke Continuo-Praxis hergibt, und setzte dieses Instrumentarium auch ausdrucks- und farbenstark ein. »
Die Südostschweiz, 22.4.2013
 

«Dass mit geringen Mitteln viel Effekt zu erzielen ist, weiss auch Dominique Mentha. Zusammen mit dem kargen Bühnenbild von Werner Hutterli und der stimmungsvollen Lichtregie von Peter Weiss gelingt das dem Hausherrn am Luzerner Theater zunächst ganz gut. Das Leben ist ein Spiel, zeigt er, dessen Regeln wir nicht kennen, die Menschen bloss Marionetten rachsüchtiger Götter, die auf ihren Schiedsrichterstühlen über deren Schicksal verhandeln. Mit ihrer stimmlichen Präsenz ragt Simone Stock als Minerva aus der Götterfamilie heraus und etabliert sich als die eigentliche Gegenspielerin des mit profundem Bass agierenden Nettuno (Patrick Zielke). Auf der irdischen Bühne hadert Penelope (Carolyn Dobbin) mit warmströmendem Mezzosopran mit ihrem Schicksal, der Annina Haug als Dienerin Melanto lebhaft widerspricht. (…) Berührend gerät die Begegnung von Vater Ulisse und Sohn Telemaco, die Utku Kuzuluk und Hans-Jürg Rickenbacher mit leichten Stimmen innig gestalten.»
Neue Zürcher Zeitung, 22.4.2013 

 

 

 

Produktionspartner:

  

 

Wir danken für grosszügige Unterstützung:

Ida und Albert Flersheim-Stiftung

 

 

Wir danken unseren Partnern der italienischen Opernspielzeit:

Camera di Commercio Italiana per la Svizzera

Italienisches Generalkonsulat Zürich