Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade

Luzerner Theater

Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade

Drama in zwei Akten von Peter Weiss
In Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste
Premiere: 14. März 2015

«Denn was wäre schon diese Revolution ohne eine allgemeine Kopulation.» Ein Drama über eine blutige Epoche europäischer Geschichte: Die Französische Revolution ist erst wenige Jahre Vergangenheit; der Marquis de Sade, bekannt durch eine Reihe pornografischer, kirchenfeindlicher und philosophischer Romane, ist in einer Nervenheilanstalt interniert. Unter seiner Regie führen die Patienten ein Theaterstück über die Ermordung des Revolutionärs Jean Paul Marat, geboren 1743 in Boudry im heutigen Kanton Neuchâtel, auf. Zwischen den philosophisch-politischen Debatten des kompromisslosen Individualisten de Sade und des fanatischen Ideologen Marat über Sinn und Unsinn von Revolutionen bietet das Stück vor allem eines: pralles, sinnliches, überbordendes, ja «totales» Theater.

«Dieses Stück verändert das Theater», schrieb die Kritik anlässlich der Uraufführung 1964 im Berliner Schiller-Theater. Allein in den darauffolgenden zehn Jahren folgten knapp hundert Inszenierungen von Buenos Aires bis Tokio, von Sidney bis Kingston / Jamaika. Nachdem das Stück 1965 am Luzerner Theater seine Schweizer Erstaufführung erlebte, ist es ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung endlich wieder in Luzern zu sehen.

Die Regisseurin Bettina Bruinier wurde 1975 in Wiesbaden geboren und arbeitet unter anderem am Deutschen Theater Berlin, am Schauspielhaus Bochum, an der Semperoper und am Staatsschauspiel in Dresden, am Nationaltheater Weimar und am Volkstheater München. Von 2009 bis 2011 war sie Hausregisseurin am Schauspiel Frankfurt.

Dauer: 2 Stunden, eine Pause

 

GESPRÄCH

Was ist aus unserer  Revolution geworden?
Regisseurin Bettina Bruinier im Gespräch mit Carolin Losch

 

Lange Zeit schien es, als sei das Thema «Revolution» von der politischen Agenda gestrichen. Die Aufstände im arabischen Raum nannten wir nicht Revolution, sondern «Arabischer Frühling». Momentan erleben wir jedoch eine Eskalation kriegerischer Auseinandersetzungen und bürgerkriegsähnlicher Konflikte: in Syrien, im Irak, in der Ukraine.

Zur Zeit betrachten wir eher eine Konterrevolution. Der sogenannte «Islamische Staat» stellt die in der Französischen Revolution erstrittenen Werte – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit –, auf der unsere modernen europäischen Gesellschaften basieren, radikal in Frage. In den vergangenen Jahrzehnten lebten wir in einem Konsenskapitalismus. Die Ökonomie beherrscht unsere politischen Strukturen sehr stark, jede soziale Bewegung wurde sofort vereinnahmt und vermarktet. Eine revolutionäre Erhebung schien undenkbar.

 

Warum regt sich kein nennenswerter Widerstand? Missstände gibt es ja genug.

Der Sieg des neoliberalen Wirtschaftssystems scheint unumstritten. Es gibt keinen klar benennbaren Feind mehr, der einem die Freiheit raubt. Wir sind alle Teil dieses Systems; es übt eine grosse verführerische Macht aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Jeder Mensch ist sein eigener Unternehmer geworden. Ich denke aber, dass die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit durch die Vorgänge im Nahen Osten, aber auch durch den Terroranschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» in Paris ganz neu zu stellen ist. Die Globalisierung hat die Schere zwischen Arm und Reich massiv vergrössert, es ist eine moderne Sklaverei entstanden, die man sich vor 20 Jahren gar nicht hat vorstellen können. Globale Zusammenhänge bestimmen unser Leben immer umfassender: auf der einen Seite die unumschränkte Herrschaft der Ökonomie und auf der anderen Seite der Terror, die Bürgerkriege und als Resultat die internationalen Flüchtlingsströme.

 

Peter Weiss thematisiert die Gewalt: die Auswüchse der Französischen Revolution, die Hinrichtungen, die unkontrollierte Zerstörung auf den Strassen. Heute müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass sich auf verstörende Weise an den Aussengrenzen Europas ein Konfliktpotenzial auftürmt und sich auch mitten unter uns ausbreitet.

Ja, diese Entfesselung von Gewalt ist ein beunruhigendes Szenario, der Effekt des Terrors wird ganz bewusst eingesetzt. Dieser ungleiche Kampf, die Tatsache, dass es keine Spielregeln mehr gibt, die Unkalkulierbarkeit versetzt einen in Angst. Und die Bilder, mit denen wir täglich konfrontiert werden, machen einem die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers wieder sehr bewusst.

 

Das Stück zeichnet sich durch eine ästhetische Besonderheit aus: Zu sehen ist ein Spiel im Spiel. Der Marquis de Sade setzt das Geschehen in Szene. Was ist das Reizvolle an dieser Vorlage?

Man hat als Regisseurin alle Freiheiten. Wir haben es hier mit einem sehr sinnlichen, humorvollen Diskursstück zu tun, welches auch durch eine gewisse Naivität besticht. Peter Weiss hat das Spiel in einen anderen Mikrokosmos verpflanzt, nämlich in eine Anstalt, in der psychisch kranke Menschen interniert sind. Das möchten wir ein bisschen anders übersetzen, denn die Frage, was «normal» ist und was als Rand der Gesellschaft definiert wird, wird heutzutage sicherlich anders beantwortet als vor 50 Jahren. Wir erleben im besten Sinne eine Art Jahrmarktstreiben, eine Explosion theatralischer Möglichkeiten, in dem auch die Musik einen breiten Raum einnimmt. Und dabei widmet sich der Text der grossen Menschheitsfrage, nämlich: Wie wollen wir leben?

PRESSESTIMMEN

Als Theater im Theater hat Weiss sein Drama angelegt und damit den ernsthaften Stoff aufgebrochen und Platz für reichlich Spektakel geschaffen. Die Inszenierung von Bettina Bruinier hat den Freiraum genutzt und die szenische Verortung im Musikbusiness konsequent durchgezogen. Das Drama ist zum Singspiel geworden. Die Band, mit Marat am Bass, produziert einen technoiden Elektrosound (Stefan Paul Goetsch), zu dem die Schauspieler den Text in Sprechgesang und Songs vortragen. Band und Sänger hauen von Beginn weg mit Power los und fegen allfällige Erwartungen des Publikums lautstark weg. Mit der Inszenierung haben Regisseurin und die Schauspieler einiges gewagt. Doch das Konzept ist im Grossen und Ganzen aufgegangen und hat die Spielfreude der jungen Gastschauspieler der Zürcher Hochschule beflügelt. Dass der gute und immer noch aktuelle Text von Peter Weiss sich im Spektakel zu behaupten vermochte, erbaute auch jene, die der Musik wenig abgewinnen konnten.

Neue Luzerner Zeitung, 16. März 2015

 

Das Stück von Peter Weiss, hier in der Inszenierung von Bettina Bruinier, hat eine Kraft, eine Energie, eine Frechheit, die mitzieht, begeistert, uns zu zeitweiligen Revolutionären werden lässt. Geschichte wird mit Pop-Kultur verbunden. Alle sind ganz schön fancy angezogen, Marat in blau-weiss gestreiften Hosen, de Sade wirkt wie Marilyn Manson, die Ausruferin trägt die obligaten Trainerhosen zu Glitzeroberteil, vier Gören, frisch aus der Institution für desintegrierte Jugendliche importiert, schmettern wiederholt:

MARAT, WAS IST AUS UNSERER REVOLUTION GEWORDEN?

Wir haben also das Volk von heute, das die Geschichte von damals spielt. Die Jugendlichen, die heute in Betriebe-für-die-Förderung-des-problemlösenden-Denkens-und-der-sozialen-Integration gesteckt werden, gingen damals auf die Strasse. Oder – nach Charenton. Die psychiatrische Klinik, das zeitweilige Heim de Sades, im Stück aber auch die Stiftung, die den Jugendlichen ein wenig Kultur ermöglicht.

www.kulturteil.ch, 15. März 2015

 

«Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade» in der neuen Aufführung des Luzerner Theaters ist für mich ein gelungenes Gemeinschaftswerk, weshalb ich keine einzelnen Schauspielerinnen oder Schauspieler besonders hervorheben möchte. Alle leisten, ob zum Luzerner Ensemble oder zu den Studierenden aus Zürich gehörend, ihren Beitrag zu einem gelungenen Gesamtkunstwerk unter der Leitung von Bettina Bruinier (Inszenierung), Claudia Rohner (Bühne), Justina Klimczyk (Kostüme), Stefan Paul Goetsch (Musik), Mohan C. Thomas (Choreografie), Peter Weiss (Licht) und Carolin Losch (Dramaturgie).

 

Entstanden ist ein Theater der Revolution und gleichzeitig ein Abend der Unterhaltung, ein Weltanschauungs-Duell und gleichzeitig eine Irrenhaus-Show. Wie nur selten werden in diesem Stück, glaubhaft und überzeugend Fragen nach einer neuen Revolution, nach politischen Veränderungen und nach Utopien gestellt. Dass dabei keine Antworten gegeben werden, ist vor allem aus der heutigen politischen, wirtschaftlichen und religiösen Situation des Kamikaze-Kapitalismus verständlich. Wie nur selten ein Stück hat mich dieser «Marat/Sade» berührt, fasziniert und zum Denken angeregt. Luzern ist eine Theater-Reise wert. Das Premierenpublikum verdankte die Aufführung mit begeistertem Applaus.

www.seniorweb.ch, 16. März 2015

 

Als Backgroundsänger hat sich die Band Verstärkung aus dem «Jugenddorf Charenton» geholt. In Luzern sind dies Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste. Diese bunt gemischte Truppe belebt, bespielt, besingt und betanzt eine Bühne, welche – den Gegebenheiten entsprechend – an einen exzentrischen Nachtclub erinnert. Da gibt’s viel Gold, Silber, Glitzer und Technik, die Badewanne auf ihrem mit einem roten Teppich unterlegten Podest wirkt wie ein bizarres Markenzeichen des Clubs. Marat sitzt dann auch weniger darin, als dass er wie eine Gallionsfigur drin steht, verbal und singend die Klingen wetzt mit seinem Gegenspieler de Sade. Charlotte Cordey wirkt einerseits fromm und verklärt, andererseits spielt sie lasziv mit ihrem Mikrofon und muss immer wieder die Avancen Duperret‘s abwehren, der seine Hände nicht von ihr lassen kann. Baus De Sade hat etwas Schleichend-Düsteres an sich, er spielt seine Desillusionierung meisterhaft. Die verkündeten Schrecklichkeiten werden oft mit feinen Tönen untermalt, es wird gerappt zu Technosound, am Rande der Szenen wird geschäkert und diskutiert. Ab und zu kippt das Spiel, dann müssen die Mitwirkenden aus dem Jugenddorf vorübergehend von der Bühne gebracht werden, Cordey wird ermahnt, weil sie aus ihrer Rolle fällt und wird mit Schokolademilch ruhig gestellt. Es gibt wunderbare Zeitlupenszenen im scharfen Gegenlicht, die Schauspieler machen sich mal zum Affen, mal mimen sie Gehängte, der Zuschauer verliert sich ab und zu in den Ebenen, was ist hier Spiel, was ist – gespielte – Realität. Am Ende des Stücks eröffnet sich sprichwörtlich eine zusätzliche Ebene: Die Häuserfront, die im Hintergrund zum Vorschein kommt und welche man im ersten Moment als Kulisse wähnt, ist jene der Theaterstrasse. Ein kühler Wind weht über die Bühne Richtung Zuschauerraum, man hört entfernt Stimmen und Musik und wird in die «normale Welt» zurückgeholt.

www.innerschweizonline.ch , 22. März 2015